Was bedeutet es mit einer Behinderung zu leben? und was heißt Inklusion? Diesen Fragen spürt eine Ausstellung von Texten und Kunstwerken nach, die seit Donnerstag in der Martinikirche zu sehen ist.

Halberstadt l Kein einfaches Thema suchten sich die Organisatoren der Ausstellung "Ich und Du. Miteinandergeschichten" aus. Mit persönlichen Texten über vier Menschen mit Behinderungen aus der Region und korrespondierenden Kunstwerken soll die Diskussion über das Thema Inklusion angeregt werden.

Organisiert vom Cecilienstift, leiteten Hannah Becker, Sandra Giebel und Silke Kuwatsch in der Martinikirche die Eröffnungs-Gespräche ein. Die Trommelgruppe der Diakonie-Werkstätten sorgte für Aufmerksamkeit.

"Mit Emotionen erreicht man mehr Menschen", ist sich Landrat Martin Skiebe (CDU) sicher. Schließlich geht die Ausstellung auf die Geschichten von Betroffenen aus dem Landkreis ein. Merle C., Gerhart K., Sabrina L. und Anja S. geben Auskunft über sich und ihren Alltag. "Inklusion kann kein Gesetz verordnen", sagte Skiebe. Über Geschichten und Bilder könnten aber Gedanken reifen, wie man andere mitnehmen kann. Allen müsse die Chance gegeben werden, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Skiebe dankte den beteiligten Künstlern und hofft "auf eine beispielhafte Wirkung".

Halberstadt habe bereits 2008 von der Bundesregierung den Titel "Stadt der Vielfalt" erhalten, erinnerte Oberbürgermeister Andreas Henke (Linke). "Inklusion beginnt im Kopf", betonte er.

Einen Einblick in die Alltagsprobleme einer jungen Betroffenen gaben die Geschichtenerzähler Martina Fernau, Anja Schröter und Gerhard Kuwatsch. Vor zahlreichem Publikum wurde unter anderem den beteiligten Künstlern Ilka Leukefeld, Annedore Policzek und Daniel Priese für ihre Arbeit gedankt.

Der Ausstellungseröffnung schloss sich das 8. Quartalsgespräch des Cecilienstiftes an. Evelyne Dege begann die Diskussion darüber, was denn der Unterschied zwischen Inklusion und Integration sei. Dazu konnte keine abschließende Wertung erfolgen. "Jeder soll mitgenommen werden", erläuterte Hannah Becker das von der UNO beschlossene Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.

"Dieser Modebegriff wird oft überstrapaziert", sagte Cecilienstift-Geschäftsführer Holger Thiele. Der Umgang mit Behinderten müsse zur Selbstverständlichkeit werden. Für viel Zündstoff sorgt das Thema vor allem in Sachen Sonderschulen. "Die Regelschulen müssen Steine aus dem Weg räumen" und einheitliche Möglichkeiten für alle Schüler bieten, sagen die Einen. Andere Fachleute und Eltern wollen die Sonderschulen erhalten, um die betroffenen Kinder weiterhin bestmöglich zu fördern. "Nicht alle Kinder können eine Regelschule besuchen", bekräftigte Therapeutin Martina Fernau, die nach 30 Jahren Arbeit mit Hörbehinderten über umfassende Erfahrungen zum Thema verfügt.

Die Inklusions-Projekte gehen bereits in der nächsten Woche weiter, wo ein Bündnis "Landkreis Harz inklusiv" gegründet werden soll. Dazu gibt es unter anderem von Gabriele Schwentek vom Diakonischen Werk kritische Hinweise: Ein Akteur versuche, mit der Aktion in der Region stärker Fuß zu fassen. Der Verband solle lieber mit den hier vorhandenen Strukturen kooperieren, statt im Alleingang Neues zu versuchen, sagte die Geschäftsführerin des ebenfalls in der Behindertenhilfe tätigen Diakonischen Werkes im evangelischen Kirchenkreis Halberstadt.

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