Halberstadt l Der Überlieferung zufolge muss Diogenes von Sinope eine Art Athener Original gewesen sein. Immer wieder erregte der bärtige Mann durch kauziges Auftreten im Athen des 4. vorchristlichen Jahrhunderts Aufsehen. Eine Geschichte erzählt davon, dass Diogenes am hellichten Tag mit einer Laterne über den Athener Markt lief und wild den Menschen ins Gesicht leuchtete. Gefragt, was er denn treibe, antwortete der Philosoph, dass er einen Menschen suche. Ein guter, ein wahrer Mensch solle es sein, soll Diogenes hinzugefügt haben.

Den Ausruf "anthropon zeto", mit dem Diogenes den fragenden Athenern antwortete - "ich suche einen Menschen" - hat der Bildhauer Hans Scheib im Sockel seiner Diogenes-Statue verewigt. Die Figur aus Holz steht in den Halberstädter Rathauspassagen. Den Ort habe sich Hans Scheib gewünscht, sagt Biennale-Kuratorin Ilka Leukefeld. "Scheib fand das komisch, diese Figur in der Rathauspassage aufzustellen."

Nicht auf dem Marktplatz in Athen, sondern auf dem modernen überdachten Markt der Halberstädter Innenstadt geht nun ein expressiv gestalteter Diogenes auf die Suche nach Menschen. Wildes Haar, stechender Blick und ein nur spärlich bekleideter magerer Oberkörper machen Scheibs Diogenes-Figur aus.

Mit Hans Scheib stellt eine Größe der Bildhauer-Szene bei der Halberstädter Biennale aus. Der Künstler ist 1949 in Potsdam geboren, hat in Dresden studiert und schließlich in Berlin gearbeitet. "Widerspenstig und doch empathisch" habe er sich mit der DDR beschäftigt, sagt Ilka Leukefeld. Den Ost-Berliner Bezirk Prenzlauer Berg hat er im Jahr 1985 schließlich Richtung West-Berlin verlassen und war dort weiter als Künstler tätig. Die Diogenes-Statue ist eines der am einfachsten zu besichtigenden Ausstellungsstücke der Biennale. Sie steht im Erdgeschoss der Rathauspassage und ist zu den normalen Öffnungszeiten zu sehen: wochentags bis 20 und sonnabends bis 18 Uhr.