Die Ballenstedter sollen trockene Füße bekommen. Genauer: Die Stadt unterhalb der östlichen Harzausläufer. Um die Wassermassen, die gerade bei starken Regenfällen vom Wald in die Stadt drücken, schneller abzuleiten, wird gegenwärtig das Kanalsystem ausgebaut. Wie wichtig das ist, wurde jüngst deutlich. Ballenstedt ist dabei Vorreiter im Harz.

Von Dennis Lotzmann

Ballenstedt l Wie schnell die Ballenstedter buchstäblich nasse Füße bekommen können, haben viele Einwohner erst vor wenigen Tagen wieder leidvoll erfahren müssen. Nachdem binnen kürzester Zeit massive Regenfälle über der Stadt und den oberhalb gelegenen Wäldern niedergegangen waren, ergossen sich die Fluten über viele Straßenzüge und die unterirdischen Kanäle in Richtung Unterstadt. Dort waren die Wassermassen schließlich viel zu groß, um über die vorhandenen Leitungen ohne Rückstau in Richtung des Baches Getel abgeleitet zu werden.

Die Folgen waren erheblich: In der Marienstraße hob die Wassermenge wenige Meter neben der Bundesstraße 185 kurzerhand massive Betonplatten nach oben. Am stillgelegten Ostbahnhof der Stadt stand das Wasser stellenweise knietief. Die Feuerwehr war im Dauereinsatz.

Zustände, die sich bei extremen Wetterlagen wie den jüngsten sintflutartigen Regenfällen regelmäßig wiederholen. Ballenstedt teilt in dieser Hinsicht zumindest ansatzweise das Schicksal von Ilsenburg. Beide Kommunen liegen unterhalb der Harzwälder, bei starken Regenfällen drücken die Wassermassen mit aller Macht in die Orte. Sind obendrein die Waldböden gesättigt, "rollen" Lawinen aus Dreck und Schlamm talwärts. Wie extrem die Folgen sein können, erlebten die Ilsenburger im Sommer. Damals wurden ganze Straßenzüge und viele Keller mit Schlamm zugespült.

Ein Problem, das in Ballenstedt nicht so akut ist, denn dort wirken mehrere Harzteiche oberhalb der Stadt gewissermaßen als Puffer. Sind ihre Speichermöglichkeiten jedoch erschöpft, ergießen sich die Wassermassen talwärts und müssen auf ihrem Abfluss in Richtung Getel durch das Stadtgebiet geleitet werden.

Anders als in Ilsenburg, wo sich die Wasser- und Schlammlawinen im Sommer weitgehend unkontrolliert ihren Weg suchten, besteht im Ballenstedt seit Jahrzehnten ein Graben- und Kanalsystem zur gezielten Ableitung der Fluten. Allerdings sind die Anlagen an vielen Stellen marode, teilweise eingestützt oder zu gering dimensioniert. Schüttet es wie kürzlich aus Kübeln, staut sich das Wasser zurück und drückt über Kanalöffnungen nach oben.

"Nach allen Prognosen werden extreme Regenfälle und Unwetter tendenziell zunehmen. Mit der Sanierung und Erweiterung unseres Kanalnetzes tragen wir diesem Fakt Rechnung."

Horst Otto, Tiefbauabteilung der Stadtverwaltung Ballenstedt

Um das Problem zu beheben, laufen schon seit mehreren Jahren im Stadtgebiet Arbeiten, um die Kanäle zu sanieren und ihre Querschnitte aufzuweiten. Nachdem bereits stellenweise verrohrte Kanäle bei Bauprojekten wieder geöffnet worden sind, investieren nun Stadt und Land im Rahmen dieses Pilotprojektes gemeinsam rund 1,9 Millionen Euro, um die sogenannten Vernässungsprobleme generell zu beseitigen.

Denn längst sind es nicht nur besagte Sturzbäche, die den Verantwortlichen Kopfzerbrechen bereiten und die Anwohner nerven. "Neben den Überflutungsschäden ist eine erhebliche Erhöhung des Grundwasserstandes zu verzeichnen, welche zu Schäden an der Bausubstanz vieler Gebäude gefu¨hrt hat", bilanzieren die Experten des mit den Planungen beauftragten Ingenieurbüros von Lars Deuter. Der Grundwasserstand in der Stadt sei in den vergangenen 20 Jahren stellenweise von einem Meter unter Gelände auf 0,50 Meter unter der Erdkante angestiegen.

Beim "Aufbohren" und Sanieren der Kanäle konzentrieren sich die Verantwortlichen bis zum Herbst 2015 unter anderem auf die Schillerstraße und den Bereich am Spielplatz am Platz der Generationen. Der bisherige Kanal, der stellenweise zwischen und auf Privatgrundstücken verläuft und mitunter überbaut wurde, wird in der Schillerstraße komplett neu errichtet, erklärt Horst Otto vom Ressort Hoch- und Tiefbau der Stadtverwaltung. Im Bereich des Spielplatzes am Anger/Platz der Generationen werde der bislang verrohrte Graben - ebenso wie vor Jahren in der Quedlinburger Straße - abschnittsweise geöffnet.

Dort planen die Wasserbauexperten eine spezielle Lösung: Das offene Grabensystem soll gleichzeitig als Puffer dienen. Geplant ist ein größerer Ru¨ckhalteraum fu¨r das Niederschlagswasser. Mithilfe einer rauen und strukturierten Grabensohle sollen die Fließgeschwindigkeit und damit der Abfluss in Richtung Breitscheidplatz reduziert werden.

Aus gutem Grund, wie Horst Otto erklärt. Der zwischen Anger und Bundesstraße 185 (Marienstraße) gelegene Bereich sei vor Jahren saniert worden und soll möglichst nicht noch einmal geöffnet werden. "Der dortige Kanal ist kontrolliert worden. Seine Dimensionierung ist ausreichend", so der Tiefbauexperte.

Direkt im Anschluss an den Breitscheidplatz sollen 2015 jedoch die Bagger anrollen, denn der dortige Kanalabschnitt ist desolat und längst nicht mehr ausreichend groß, um bei starkem Regen die Wassermenge rasch abzuleiten.

Ein Problem, das beim jüngsten Wolkenbruch deutlich wurde. Weil die Wassermassen im Marienstraßen-Kanal zurückstauten, hoben die Fluten dort sogar massive Betonplatten an, drückten auf die Bundesstraße und fluteten schließlich das tiefer gelegene Areal am Ostbahnhof.

"Wir haben insgesamt noch reichlich zu tun, um das Wasser- und Vernässungsproblem anzugehen", sagt Horst Otto. Die jetzt geplanten Arbeiten, um Nadelöhre und Schwachpunkte zu beseitigen, seien bis zum Herbst 2015 geplant. Eine weitere Engstelle befinde sich übrigens unter dem Kreisverkehr der Bundesstraße 185, der wohl noch einmal geöffnet werden müsse.

"Ballenstedt ist ein Vorreiter: Der Ort ist die erste Kommune am Harzrand, die sich zusammen mit dem Land so umfassend der Entwässerungsproblematik stellt."

Ines Wahl-Bachmann vom Ingenieurbüro Lars Deuter

Unterm Strich, heißt es aus dem Ingenieurbüro Deuter, falle Ballenstedt eine gewisse Vorreiterrolle zu. "Der Ort ist die erste Kommune am Harzrand, die sich zusammen mit dem Land so umfassend der Entwässerungsproblematik stellt", sagt Ines Wahl-Bachmann vom Ingenieurbüro.

Auch Tiefbauer Horst Otto erinnert an die grundsätzliche Bedeutung der Arbeiten: "Nach allen Prognosen werden extreme Regenfälle und Unwetter tendenziell zunehmen. Mit der Sanierung und Erweiterung unseres Kanalnetzes tragen wir diesem Fakt Rechnung. Aber eines ist natürlich auch klar: Weil letztlich niemand weiß, was kommt, kann auch niemand die Hand ins Feuer legen."

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