Für die Gründung eines Aktionsbündnisses "Landkreis Harz inklusiv" ist am Dienstag in Halberstadt der Startschuss gegeben worden. 16 Zusagen für eine Mitgliedschaft liegen bereits vor. Am 3. Dezember soll sich die Vereinigung konstituieren.

Halberstadt l Gut 80 Vertreter von Vereinen, Institutionen und aus der Politik sind an diesem Vormittag der Einladung in die Aula der Europaschule "Am Gröpertor" in Halberstadt gefolgt. Sie alle eint ein Ziel: Die Gründung eines Bündnisses als Interessenvertretung, die sich für die Teilhabe an den regulären Möglichkeiten in der Gesellschaft engagiert. So steht es im Entwurf der Willensbekundung geschrieben. Und auch warum. Um den Rechtsanspruch für Menschen mit Behinderung zu verwirklichen und künftigen Anforderungen gewachsen zu sein.

Martin Skiebe hat die Schirmherrschaft für "Landkreis Harz inklusiv" übernommen. Der Landrat (CDU) spricht von Lebensqualität als Standortfaktor. Verantwortung für alle Bewohner, speziell jene aber, "für die Teilhabe nicht selbstverständlich ist". Skiebe: "Mein Ziel ist es, zu überzeugen. Sonst wird es nicht möglich sein, in einem Landkreis dieser Größe ein solches Bündnis zum Erfolg zu führen."

Adrian Maerevoet ist auch da. Der Behindertenbeauftragte der Landesregierung Sachsen-Anhalt wirbt für Offenheit, Verlässlichkeit und Realismus. Maerevoet: "Es braucht klare Vereinbarungen. Was man neu aufgeschrieben hat, lässt sich auch regelmäßig überprüfen."

Peter Rödler ist Professor an der Universität Koblenz/Landau. Er referiert zum Thema: "Herausforderungen inklusiver Lebensgestaltung an die ländliche Harzregion". Der Wissenschaftler beschreibt den heutigen Zeitgeist - Individualismus, Selbstverwirklichung und -bestimmung. "Abgrenzung von der Herde." Nur was geschehe, wenn das jeder so wolle. Rödler: "Das scheint mir nicht der richtige Weg zu sein." Auch er warnt davor, "ein Paradies herbeizuträumen". Und: "Inklusion geschieht im Kopf oder gar nicht." Wichtig bei der Arbeit in den Netzwerken seien unterschiedliche Meinungen und Interessen. Im Gegensatz zu Tieren seien Menschen nicht instinktiv gestimmt und somit "Mängelwesen". Gleichzeitig biete dies allerdings auch die große Chance, "uns zu zeigen, was wichtig ist in der Welt".

Peter Rödler: "Der Mensch ist der Konstrukteur seiner Wirklichkeit." Nur Ja-Sagen bringe nichts. Stattdessen dienten Auseinandersetzungen wesentlich der gegenseitigen Bereicherung. Mehrdeutigkeit und kulturelle Vielfalt erzeuge immer Reibung und Anstrengung. Dies gewährleiste aber Flexibilität und Überleben. Der Pädagogik-Experte sagt eher wenig über den im Vortragstitel angekündigten ländlichen Raum. Weil er kaum Erfahrungen damit habe, räumt er ein.

Die Situation vor Ort in den Griff zu bekommen, könne wohl durch die Ansiedelung von Einrichtungen gelingen. Das stoppe die Abwanderung. Peter Rödler: "Wir haben aber auch die Überschaubarkeit." Es gelte, persönliche Kontakte zu nutzen und gemeinsame Vorhaben zu entwickeln.

In drei Workshops versuchen die Teilnehmer anschließend, erste Ansatzpunkte zu knüpfen. Barrierefreiheit, Aufklärungsarbeit, Beschäftigungschancen - das sind nur einige Schlagworte, die bei der Auswertung fallen. Und: Kostet Inklusion mehr oder weniger Geld?

Silvia Illas hat den Tag über Monate maßgeblich mit vorbereitet. Die Behindertenbeauftragte der Kreisverwaltung Harz nennt die Entwicklung eines kommunalen Aktionsplanes als Ziel. Sie sagt: "Wir wollen ganz viele Akteure mit einbeziehen." Neben dem Entwurf zur Willensbekundung gibt es auch einen zur Geschäftsordnung. Sie bitte, Änderungswünsche bis spätestens zum 31. Oktober bei ihr einzureichen.

Martin Skiebe kündigt die nächste, die konstituierende Sitzung für den 3. Dezember an - am Tag der Menschen mit Behinderung. Der Landrat optimistisch: "Wir fangen nicht bei Null an." Es gebe bereits gut funktionierende Netzwerke. Die gelte es jetzt eng miteinander zu verknüpfen.

Auf dem Tisch liegen bereits die ersten Beitrittserklärungen. Skiebe zählt. Es sind 16.

 

Bilder