Den Unternehmen in der Region fehlen zunehmend Fachkräfte und deren berufliche Nachfolger. Halberstadts Agenturchefin Heike Schittko wirbt deshalb vehement für die Einstellung von Beschäftigten aus dem Ausland.

Halberstadt l "Die ausländischen Kräfte werden uns nicht retten, aber wenigstens helfen", sagt Heike Schittko. Die Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Halberstadt setzt sich seit langem dafür ein, bei der Werbung um Fachkräfte und Lehrlinge neue Wege zu gehen.

Gerade beim Nachwuchs wird die Situation ständig prekärer. Unter anderem, weil die Bevölkerung des Harzkreises immer stärker schrumpft. Allein zwischen 2008 und 2013 sank die Zahl der Bewohner um 6,7 Prozent. Im Land insgesamt waren es "nur" 5,7 Prozent Verlust. Bis 2025 leben zwischen Abbenrode und der Stadt Falkenstein sogar 20 Prozent weniger Menschen als noch 2008. Hinzu kommt laut Agenturchefin der Fakt, dass der Anteil der über 50-Jährigen 2012 bereits bei 50,2 Prozent lag. Tendenz steigend.

"Es ist zwar schön, von dem Auszubildenden zu träumen, den man gern haben möchten", so Heike Schittko weiter, "aber den gibt es nicht." Denn seit 2007 hat sich die Zahl der Schulabgänger mehr als halbiert. Es droht Überalterung.

Aber nicht nur. Spezialisten zu finden beziehungsweise zu qualifizieren, scheitert derzeit an mehreren Umständen. So tendieren Jugendliche vermehrt dazu, länger die Schulbank zu drücken oder ein Studium aufzunehmen. In den Unternehmen selbst ist die Gewinnung erfahrener Kollegen bis 35 Jahre oder sogar älter für eine Zweitausbildung bislang wenig ausgeprägt. Berufsbegleitende Qualifizierungen werden unzureichend genutzt oder die Angebote dafür sind wenig bekannt. Heike Schittko: "Eine Chance wären die rund 22 000 Auspendler." Das Problem ist allerdings das hierzulande deutlich niedrigere Lohnniveau, beispielsweise im Vergleich zu Niedersachsen.

Aktuell können nach Angaben der Geschäftsführerin vorhandene Arbeits- und Ausbildungsstellen in Gesundheits- und Pflegeberufen, den Branchen Elektro und Metall sowie im Hotel- und Gaststättengewerbe überhaupt nicht oder erst mit erheblicher Verzögerung besetzt werden. Ähnliche Tendenzen gibt es im Handwerk. Heike Schittko: "Unser Arbeitslosenbestand gibt nichts mehr her."

Da bleibt also nur der Blick über die bundesdeutschen Grenzen hinaus. "So richtig Klarheit, was uns Zuwanderung bringen kann, besteht aber noch nicht", sagt die Agenturchefin. Dabei sind die ausländischen Beschäftigten verpflichtet, Beiträge und Steuern zu zahlen. Die öffentlichen Haushalte werden gestärkt. Für die Rentenversicherung erhöhen sich die Einnahmen und Kranken- und Pflegeversicherung werden stabilisiert. Außerdem garantieren die Zuwanderer eine gewisse Kaufkraft und theoretisch die Entstehung weiterer Arbeitsplätze, wenn der Bedarf an diversen Dienstleistungen steigt. Heike Schittko: "Wir holen ja keine Verkäuferin hier rein, sondern vermitteln in Engpassberufe." Und: "Ich glaube, dass uns andere kulturelle Aspekte gut zu Gesicht stehen würden."

Die Geschäftsführerin räumt allerdings auch ein: "Wir haben nicht alles richtig gemacht in den letzten zwei, drei Jahren." Die neuen Kollegen wurden "alleingelassen". Das hat zu "Verletzungen auf beiden Seiten" geführt. Was bisher fehlt, ist ein Netzwerk, eine funktionierende Anlaufstelle. Dabei gibt es durchaus positive Beispiele, berichtet die Agenturchefin. So beschäftigt ein Hotel in Alexisbad bereits im zweiten Jahr aus Bulgarien stammende Angestellte, zu denen das Stammpersonal inzwischen ein familiäres Verhältnis entwickelt hat.

Mit Stand 17. September haben seit Jahresbeginn 17 junge Leute aus dem Balkanstaat und Portugal hier Lohn und Brot gefunden. Sie sind in der Gas-tronomie tätig, aber auch in der Metallbranche - verteilt über den ganzen Landkreis. Auffällig ist laut Heike Schittko der Umstand, dass sich unter den Arbeitgebern nur eine einzige Firma aus dem Altkreis Halberstadt befindet. Insgesamt gesehen "sind wir im Harz aber schon ganz gut dabei".

Damit sich multikulturell bald einiges mehr bewegt, organisieren Arbeitsagentur, Industrie- und Handelskammer (IHK) Magdeburg sowie die Wirtschaftsjunioren am Montag, 13. Oktober, einen Abend zu dem Thema. Ziel soll es sein, Patenschaften für Arbeitnehmer aus Ländern der Europäischen Union (EU) bei den Unternehmen einzuwerben.

Heike Schittko: "Die Sorge der Verdrängung schwingt immer noch mit. Sie ist aber aus meiner Sicht völlig unbegründet." Der Ausländeranteil in Deutschland liegt aktuell bei 9,4 Prozent, in Sachsen-Anhalt bei 2,1 Prozent und im Landkreis Harz lediglich bei 1,3 Prozent. Das heißt: Die Öffnung des Arbeitsmarktes hat zumindest hier bis dato zu keinen nennenswerten Veränderungen geführt.