In Halberstadt wird seit über 15 Jahren tauben Menschen die Hörfähigkeit zurückgegeben. Den Patienten werden dabei Implantate in die Hörschnecke eingesetzt. Am Montag wurde im Ameos-Klinikum die 1000. Operation vorgenommen.

Halberstadt l Im Dezember 2013 hat sich Brunhilde Gottstein noch unterhalten können. Zwar mussten die Gesprächspartner etwas lauter reden, die Verständigung funktioniert aber. "Seit Februar konnte ich aber fast nichts mehr hören", sagt die Frau aus Tangerhütte in der Altmark. Vorangegangen waren eine zunehmende Schwerhörigkeit und mehrere Hörstürze. Am Ende konnten auch Hörgeräte nichts mehr helfen. "Es wurde immer leiser um mich", sagt Brunhilde Gottstein.

Hilfe kam schließlich aus Halberstadt. Am Ameos-Klinikum St. Salvator wurde 1998 zum ersten Mal eine CI-Operation vorgenommen. CI steht für "Cochlea-Implantat", ein kleines Gerät, das mithilfe elektrischer Impulse Menschen ihre Hörfähigkeit zurückgibt. Brunhilde Gottstein sollte die 1000. Patientin mit solch einem Implantat werden.

Das Cochlea-Implantat regt mithilfe von Elektroden den Hörnerv an. Eingesetzt wird es in die Hörschnecke - lateinisch: cochlea. Verbunden ist das Implantat mit einem kleinen Empfangs- und Sendegerät, dass die Patienten am Kopf tragen. Über einen Magneten ist die Empfangs- und Sendeeinheit mit dem Implantat verbunden. 1

958 wurde bei einer Operation in Frankreich erstmals ein Implantat in die Cochlea eingesetzt. Der Hörnerv wurde damals noch mit einem Draht stimuliert. Seitdem wurde das CI kontinuierlich weiterentwickelt. 1984 wurde in Hannover erstmalig das noch heute gebräuchliche Nucleus-System implantiert und sechs Jahre später an der dortigen Medizinischen Hochschule das erste CI-Zentrum der Welt eingerichtet. Heute ist das Cochlea-Implantat ein gängiges Mittel zur Wiederherstellung der Hörfähigkeit. In Sachsen-Anhalt wird neben Halberstadt auch in Halle und Magdeburg implantiert. Implantate können sowohl Kinder als auch alte Menschen tragen, deren Gehörnerv noch funktionsfähig ist.

Die Angst, etwas falsch zu verstehen

Am Montagvormittag wird es für Brunhilde Gottstein ernst. Punkt zehn Uhr setzt HNO-Chefarzt Klaus Begall das Skalpell. Beobachtet wird der habilitierte Mediziner dabei von zahlreichen Auszubildenden, Nachwuchsmedizinern und anderen Interessierten, denn die 1000. CI-Operation wird live auf einer Leinwand im Krankenhaus übertragen. Jörg Langer, leitender Oberarzt, kommentiert die OP-Übertragung.

Brunhilde Gottstein kann sich daran nicht erinnern. Während Klaus Begall in der dreistündigen Operation die umgeklappte Ohrmuschel öffnete, einen Gang ins Mittelohr bohrte und letztlich das Implantat und die Elektroden einsetzte, stand Brunhilde Gottstein unter Vollnarkose.

Einen Tag später läuft die 1000. CI-Patientin bereits durch die Krankenhausflure. Hören kann sie noch immer nicht. Das liegt nicht am dicken Verband, der ihre Ohren und die OP-Narbe abdeckt. Vielmehr müsse sich das Implantat erst im Ohr etablieren, sagt Langer. Etwa einen Monat werde es noch dauern, bis Brunhilde Gottstein wieder normal hören kann.

"Ich will wieder sagen können, dass ich ein Mensch bin, der lebt", sagt die Tangerhütterin einen Tag nach der OP. Vor allem der psychische Druck sei stark gewesen. Vor dem fast vollständigen Verlust der Hörfähigkeit sei sie immer ängstlich gewesen, etwas falsch zu verstehen und irgendwann ganz taub zu sein. "Ich muss jetzt alles ganz langsam machen", sagt Brunhilde Gottstein. Sie müsse nun erst einmal das Hören wieder erlernen. Helfen wird ihr dabei das CI-Rehabilitationszentrum des Cecilienstiftes in Halberstadt, wo einst verlorene Fähigkeiten behutsam wiederhergestellt werden.

In Zukunft soll Licht beim Hören helfen

So beeindruckend die Cochlea-Implantate und ihre Wirkung sind, Mediziner erforschen bereits neue Methoden zur Wiederherstellung der Hörfähigkeit. Durch die Möglichkeit, immer kleinere Leuchtdioden, sogenannte LEDs bauen zu können, werde derzeit am Prinzip "Hören mit Licht" gearbeitet, sagt Jörg Langer. Stammzellenforschung könne es zudem ermöglichen, geschädigte Haarzellen wieder zu generieren. Haarzellen des Innenohrs nehmen Schallwellen auf und sind dadurch für das Hörvermögen unerlässlich. Dann würde auch das kleine Gerät, das CI-Patienten am Kopf tragen müssen, wegfallen.

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