Mit einem "Gebet für unser Land" verabschiedet sich das Neue Forum 25 Jahre nach seiner Gründung aus der Politik. In der Martinikirche, wie es sich gehört und mit einem Rückblick auf bewegte Zeiten.

Halberstadt l Stille. Dann stimmt Andreas Karger an: "Kyrie eleison". Und alle singen mit. Sie gedenken Johann-Peter Hinz und Gebhardt von Biela. Zwei Männer, die eine ganz wesentliche Rolle im Herbst 1989 spielten. Sie verliehen der Wut, der Frustration, dem Aufbegehren ebenso Stimme und Gesicht wie der Besonnenheit, dem Engagement für das geschundene Halberstadt und der Forderung nach Gewaltlosigkeit. In der Martinikirche stehen am Sonnabend rund 100 Menschen im Hohen Chor und erinnern sich an die beiden Halberstädter, die zu einer Gruppe mutiger, unerschrockener und idealistischer Menschen gehörten.

Praktisch dachten die Aktiven vom Friedenskreis und Arbeitskreis für die Martinikirche in Halberstadt und der evangelischen Gemeinde schon damals. Auch bei der Veranstaltung zur Erinnerung an das erste "Gebet für unser Land" am 4. Oktober 1989 zeigte sich das. Da wird die Bauplane, mit der das Hauptschiff von Martini vom restlichen Kirchenraum abgetrennt ist, kurzerhand zur Leinwand. In Endlosschleife liefen Bilder von den Versammlungen in der Martinikirche, von den Demonstrationszügen durch Halberstadt. In bewegenden Worten erinnerten Andreas Karger, Holger Handel, Christiane Scholze-Wendt, Monika Hinz, Ute Gabriel-Betzle, Katharina von Biela, Matthias Gabriel, Klaus Huch, Rainer Schöne, Bärbel Herre, Klaus Linzer, Heidi Günther und Rainer Neugebauer an das Geschehen vor 25 Jahren und an das Wirken der Wendeaktivisten im Neuen Forum auf kommunalpolitischer Ebene. Das Neue Forum trennte sich 1998 von Landes- und Bundesebene und arbeitete vor Ort als Forum Halberstadt weiter. Andere Mitstreiter waren und sind in den demokratischen Volksparteien aktiv.

Matthias Gabriel, erster Oberbürgermeister der Stadt nach der politischen Wende, warnte davor, den Erfolg der Wiedervereinigung nur am Wohlstand für den einzelnen festzumachen. "Wohlstand ist relativ", sagte er mehrfach, "wer die Freiheit nicht zu würdigen weiß, fällt mit dem Wohlstand als alleinigem Maßstab auf die Nase." Angesichts der aktuellen bedrohlichen Entwicklung in der Welt "haben wir die verdammte Pflicht, unseren Beitrag zu leisten, dass der Frieden und damit unser kleines Paradies hier erhalten bleibt", sagte Matthias Gabriel.

Dass das aktive Mittun weiter eine wichtige Aufgabe bleibt, wurde in allen Beiträgen betont. Egal, ob es um die Frage der Werteerziehung, der Bildung, um dem Kampf für mehr soziale Gerechtigkeit, um die Anerkennung der Flüchtlinge, um die weitere Entwicklung der Stadt oder darum geht, Gesicht zu zeigen gegen Rassismus, Antisemitismus und rechtsextreme Geisteshaltungen.

Das Forum Halberstadt wird sich zum Jahreswechsel auflösen. In den vergangenen 25 Jahren haben die Mitglieder über 25 000 Euro an Vereine und Initiativgruppen gespendet, berichtete Monika Hinz. Von den ersten freien Wahlen an saßen Vertreter des Forums im Stadtrat und im Kreistag.

Monika Hinz verlieh ihrer Hoffnung Ausdruck, dass andere Menschen so wie die Forum-Mitglieder Verantwortung übernehmen in einer gelebten Demokratie, "für die wir vor 25 Jahren hier gekämpft haben."

 

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