Die Pläne zur Ortsentwicklung von Schierke stoßen erneut auf Kritik. Der Kreisverband Harz des Naturschutzbundes Deutschland bezeichnet das Vorhaben als Etikettenschwindel mit grünem Tarnmäntelchen.

Wernigerode/Schierke l Der Kreisverband des Naturschutzbundes Deutschland "hat sich bisher aus gutem Grund bei der öffentlichen Diskussion über das Ortsentwicklungskonzept von Schierke zurückgehalten", sagt dessen Vorsitzender Gunter Karste.

Das bedeute allerdings keineswegs, dass sich die Harzer Naturschützer nicht an dem öffentlichen Planungsverfahren beteiligt haben. Es sei den Entscheidungsträgern im Rahmen von Stellungnahmen die naturschutzfachliche NABU-Position zum Vorhaben mitgeteilt worden. Gunter Karste: "Das Ergebnis dessen, was von den Forderungen berücksichtigt wurde, ist aus Naturschutzsicht ziemlich ernüchternd." Immerhin seien nicht alle alten Fichten im Tal der Kalten Bode gefällt worden. Der 57-Jährige merkt dazu an: "Übrigens war es nicht die Rücksichtnahme auf diese alten Talwächter, die die Kosten für den Ausbau der Sandbrinkstraße in Dimensionen höher getrieben hat, sondern die falsche Einschätzung des Untergrundes." Denn "wider Erwarten", so Karste weiter, sei dieser hier im Harz felsig und steinig.

Kleineres Über: Parkhaus auf bereits versiegelter Fläche

Dass sich der NABU inhaltlich eingebracht habe, erkenne man auch an dem immer noch bewaldeten Hang zwischen dem Campingplatz am Schierker Stern und dem Ortseingang von Schierke. Gunter Karste erläutert: "Diese Fläche sollte ursprünglich in Etagen planiert und zu Parkplätzen ausgebaut werden. Da ist sicher ein Parkhaus auf einem Gelände das zum Teil schon versiegelt war, das kleinere Übel."

Unstrittig sei, dass die Umsetzung des vorliegenden Konzeptes mit einem Landschaftsverbrauch einhergehe, der jedem Naturliebhaber "das Herz bluten lässt". Andererseits habe man die nun beplante Fläche im Jahr 2000 aus dem Nationalpark ausgegliedert, um ein Nutzungsangebot für Skifahrer im Harz zu schaffen. Zeitnah sei der Nationalpark in Richtung Ilsenburg erweitert worden, so dass die Bilanz für den Naturschutz in diesem Fall nicht negativ war. Der NABU-Chef: "Es sollte daher für niemanden, auch nicht für die Naturschützer überraschend sein, dass der Hang am kleinen Winterberg bei der Planung zum Ortsentwicklungskonzept von Schierke mit einbezogen wird."

Dass der damit verbundene Landschaftsverbrauch nun aber noch im Sinne des Naturschutzes ausgelegt und verpackt werde, "bringt das Fass beim NABU-Kreisverband Harz dann doch zum Überlaufen."

"Natürlich Schierke": Da muss laut Karste dann doch die Frage gestellt werden, was ist an einer 36 Hektar großen gerodeten Waldfläche und an einer 20 Hektar großen künstlich beschneiten Fläche noch natürlich sei.

Die negativen Folgen eines derartig massiven Eingriffs auf den Naturhaushalt könne niemand einschätzen. Als zurzeit der Ausgliederung der Fläche aus dem Nationalpark, der Naturschutz seine Bedenken zu einer etwaigen Beschneiung der Flächen mitgeteilt habe, "wurde diesem bösartige Unterstellung vorgeworfen, da keine künstliche Beschneiung vorgesehen war".

Und nun seien es gleich 20 Hektar, die mit Kunstschnee bedeckt werden sollen, betont der Biologe und fügt hinzu: "Auch nach Meinung des NABU-Landesverbandes ist die derzeitige Entwicklung weit von einem sanften und damit naturverträglich orientierten Tourismus entfernt." der Kreischef weiter: "Die Dimension des Vorhabens macht sehr deutlich, dass es hier ausschließlich um wirtschaftliche Interessen geht." Auch "der grüne Tarnmantel", der über das geplante Projekt hänge, könne diesen Eindruck nicht verhindern.

Das aktuelle Ortsentwicklungskonzept "Natürlich Schierke" sei "wieder ein schönes Beispiel dafür, dass bei der Kompromissfindung zwischen Naturschutz und wirtschaftlichen Interessen der Naturschutz häufig das Nachsehen hat". Er und seine Mitstreiter würden dies schlicht als "Etikettenschwindel" bezeichnen.

Ein ehrlicherer Umgang miteinander wäre das, was sich der NABU-Kreisverband wünscht. Gunter Karste: "Bei einem derartig schwerwiegenden Eingriff in den Naturraum kann der Naturschutz nicht einfach über seinen Schatten springen, wie es aus dem Rathaus von Wernigerode gewünscht wurde."

Im Rahmen der rechtlich vorgeschrieben Verfahren werde sich der NABU, mit den ihm zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln, weiter bemühen, den Schaden am Naturraum um den Wernigeröder Ortsteil Schierke zu verhindern. Das würden die Naturschützer für jeden berechenbar, ehrlich aber vor allem mit Inhalten ausgefüllt tun.

"Die Verantwortung liegt dann bei den Entscheidungsträgern, die das überwiegende Gemeinwohl im Auge haben müssen", so der Wernigeröder, der damit beispielsweise auf die Mitglieder des Staatrats zielt. Karte weiter: "Der NABU-Kreisverband drückt ihnen dabei die Daumen, da er sich als Partner der Region versteht, allerdings als anerkannter Naturschutzverband vordergründig dessen Interessen vertritt."

Weiteres Ungemach droht aus der Bundeshauptstadt

Den Befürwortern der Pläne zur Schierker Ortsentwicklung droht unterdessen weiteres Ungemach. Vor allem Wernigerodes Oberbürgermeister (parteilos). Nach Volksstimme-Informationen beginne die "NABU-Bundeszentrale in Berlin, sich vorsichtig von Peter Gaffert abzusetzen". Immerhin war dieser zum Vorsitzenden des vom NABU unterstützten Bündnisses für Biologische Vielfalt gekürt worden. Das zählt seit seiner Gründung inzwischen bundesweit 100 Städte und Gemeinden.

Im August hatte Gaffert den Präsidenten des Naturschutzbundes Deutschland, Olaf Tschimpke, in Berlin getroffen, um über die Aufgaben und Ziele der Vereinigung zu informieren. Das Amtsblatt der Wernigeröder Stadtverwaltung vermeldete dazu: "Olaf Tschimpke war begeistert vom Einsatz der Kommunen für den Naturschutz und bot eine Kooperation an." Und: "So sollen beispielsweise die NABU-Ortsgruppen aufgerufen werden, in den Kommunen das Bündnis weiter voranzubringen und zum Beitritt zu ermutigen."

Peter Gaffert selbst hat sich bis zum Redaktionsschluss am gestrigen Dienstag gegenüber der Volksstimme nicht geäußert. Eine Anfrage beim Pressesprecher im Rathaus blieb ebenfalls erfolglos, was der Büroleiter des Oberbürgermeisters, Andreas Meling, bedauerte. Meling teilte mit, dass Oberbürgermeister Gaffert wegen Aufsichtsratssitzungen verhindert sei und er ihn deshalb trotz mehrfacher Versuche telefonisch nicht erreicht hätte.