Geheime Ort sind drei Stationen in Klein Quenstedt nicht, die am Sonnabend bei einer Sonderführung zur Stadtsprung-Initiative angesteuert wurden. Doch Geheimtipps sind die Schmiede, die Wassermühle und die Dorfkirche allemal.

Klein Quenstedt l Mit 14 Neugierigen begab sich Stadtführer Rolf Heydecke am Sonnabendvormittag im Rahmen der landesweiten Tourismus-Initiative "Stadtsprung - Städte zwischen Harz und Elbe" auf eine Zeitreise durch den Halberstädter Ortsteil Klein Quenstedt.

"Dann gelang es Dr. Walter Heucke die Mühle auf die Denkmalliste der DDR zu bringen."

Winfried Sarömba

Zuerst steuerten die Teilnehmer die Kästnersche Schmiede am nordöstlichen Dorfrand an. Das im Nienburger Weg ansässige Handwerk kündigte sich durch Hammerschläge auf einen Amboss an. Felix Kästner hatte das Schmiedefeuer längst entfacht und bearbeitete ein glühendes Eisen, als die Gruppe eintraf. Der 39-Jährige demonstrierte seinen Besuchern, wie aus Eisenstangen Elemente für einen Zaun oder aus Metallstücken kleine Glücksbringer-Hufeisen entstehen. Normale Hufeisen sind in seiner Werkstatt nur noch als Anschauungsmaterial zu finden, genau wie ein Pferdeskelett, das als Lehrobjekt diente. Denn Urgroßvater und Großvater waren beide Hufbeschlagslehrmeister und erklärten dem Berufsnachwuchs daran die anatomischen Details. "Auch mein Vater hat sich daran Mitte der 1960er Jahre auf seine Prüfung vorbereitet", erklärte der Handwerksmeister. "Später hat er nicht nur Pferde, sondern auch Ochsen beschlagen." Damals befand sich dessen Schmiede noch in der Halberstädter Voigtei 6, heute noch als "Alte Schmiede" bekannt. Das große Vorderhaus sollte in den 1980er Jahren abgerissen werden, berichtet Kästner, doch sein Vater habe das zu verhindern gewusst. Damit wurde nicht nur das längst wieder als Wohnhaus genutzte sanierte Objekt, sondern die komplette mit Fachwerkhäusern bebaute Ecke in die Neuzeit gerettet.

Heute hilft Senior Ulrich Kästner gelegentlich in der Metallbauwerkstatt aus, in der neben seinem Sohn ein Mitarbeiter und eine Praktikantin tätig sind. "Wir bauen Treppen, Gitter, Zäune, Türen und Tore, eben alles, was zum typischen Metallbau gehört", so Felix Kästner, der jedoch nicht ohne Stolz auf einen Pavillon für die Handwerkskammer hinwies und den Besuchern auch das jüngste Werk, die Stele für den "Denkort Martini", präsentierte.

"Handwerk muss man im Blut haben", betonte er. "In unserer Familie ist das so. Deshalb engagieren wir uns sehr dafür, unter anderem in der Handwerkskammer oder ich als Chef der Halberstädter Junghandwerker. Auch stellen wir bei unterschiedlichen Anlässen das Schmiedehandwerk vor. Wir wollen die Tradition lebendig halten." Ob seine beiden Söhne ihr folgen werden, weiß er nicht: "Diese Entscheidung müssen sie selbst treffen. Es ist nicht nur ein schöner, sondern auch ein harter Beruf."

Auf eine lange Tradition wird auch an der nächsten Station der Exkursion gebaut. Seit sieben Generationen befindet sich die Wassermühle im Besitz der Familie Heucke. Sie war noch bis 1975 in Betrieb, zuletzt nur noch zur Herstellung von Futterschrot. "Dann gelang es Dr. Walter Heucke die Mühle auf die Denkmalliste der DDR zu bringen", berichtete Winfried Sarömba am Beginn der Führung. Vom Keller mit dem liegenden Zeug bis zum Sichterboden unterm Dach erklärte der Hobbymüller den Besuchern die Funktionsweise der vollständig erhaltenen Technik, taucht mit ihnen tief in die Geschichte des Denkmals ein und verrät ihnen vieles über den Müllerberuf und die ausgeklügelte Technik.

"Dass sich die Mühle in diesem guten Zustand befindet, ist dem heutigen Besitzer Ulrich Heucke, der auch Vorsitzender des Mühlenvereins ist, dessen Mitgliedern und zahlreichen Mitstreitern zu verdanken", unterstrich Sarömba und verwies unter anderem auf das riesige Wasserrad, das sich bei Veranstaltungen vom Wasser des Assebachs angetrieben dreht und dafür sorgt, dass es "in der Mühle am rauschenden Bach klappert".

Nach der Verabschiedung der Besucher gesellte sich der Mühlenexperte sogleich zu den anderen Vereinsmitgliedern, die an dem Sonnabend zum Arbeitseinsatz erschienen waren.

In der "Kirche zum heiligen Berge Gottes" auf dem Pfahlberg empfing Thomas Kruse die Gruppe und machte sie mit der Geschichte des Gotteshauses vertraut, verwies auf dessen bauliche Besonderheiten und die Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte. Der geschnitzte Kanzelaltar und die wertvolle Orgel vom Halberstädter Orgelbauer Papenius unter dem hölzernen Tonnengewölbe erregten die Aufmerksamkeit bei den Zeitreisenden. Einige bestiegen mit dem Mitglied der evangelischen Gemeinde später noch den sanierten Turm, wo sich die mechanische Uhr und eine große Glocke befinden. Eine zweite kleinere hat nach der Rettung vom Glockenfriedhof als Stundenglocke ihren Platz auf dem Satteldach des Turmes gefunden.

Zwischenzeitlich versorgten drei Mitglieder des Vereins Halberstädter Berge die Geschichtsinteressierten am Rande des Dorfes mit Würstchen, Kuchen, Kaffee und anderen Getränken.

 

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