Halberstadt l Der moderne, beinahe futuristisch wirkende, mit dunkelbraunem Blech verkleidete Museumsneubau in Gravelotte lag am Morgen des 5. September im Sonnenschein. Das Museum zum Deutsch-Französischen Krieg von 1870 und der Annexionszeit, wie es sich offiziell nennt, öffnet eigentlich erst um 10 Uhr, die Reisegruppe aus Halberstadt war für 9.30 Uhr angekündigt und wurde vom Chef des Hauses, Eric Necker, freundlich empfangen.

In zwei Gruppen gab es Führungen durch die Ausstellung, die neben den Beständen des alten Gravelotter Museums und Exponaten aus Mars la Tour mit zahlreichen Leihgaben aus großen französischen und deutschen Museen aufwartet. Auch Stücke aus dem Städtischen Museum Halberstadt sind zu sehen.

Das Museum in Gravelotte ist das einzige, das sich ausschließlich mit dem Krieg von 1870/1871 beschäftigt und steht damit im Rang eines französischen Nationalmuseums.

Die 45 Besucher aus Halberstadt, als Mitglieder des Geschichtsvereins mit einigen Vorkenntnissen ausgestattet, würdigten die Präsentation als ausgewogen, sachlich und modern. Ein Resümee, das schon vielfach in der Presse gezogen wurde.

Die zahlreichen Gemälde hinterließen einen besonderen Eindruck. Sie zeigen dem Betrachter die Grausamkeit des Krieges bis ins Detail.

Das ist freilich die Sichtweise der Gegenwart. Besonders auf deutscher Seite entstanden bis kurz nach der Jahrhundertwende zahlreiche Schlachtenbilder, die den Heroismus der 1870/1871 siegreich kämpfenden Truppen, ja den "schönen Tod fürs Vaterland" verherrlichten. Die französische Seite war aus begreiflichen Gründen deutlich zurückhaltender, betrieb aber ebenfalls Propaganda mit Darstellungen, die sich gegen den deutschen Feind richteten.

Die Gliederung der Präsentation unterscheidet zwischen der Zeit, in der Elsass-Lothringen zu Frankreich gehörte und der Zeit, in der die Gebiete im Ergebnis des Krieges zum Reichsland wurden.

Wilhelm II. war von Elsass und Lothringen angetan

Das mit der Erhebung des preußischen Königs Wilhelm I. zum Kaiser entstandene Deutsche Reich war bundesstaatlich organisiert. Die gewonnenen Territorien waren allerdings keine Bundesstaaten, sondern unterstanden dem Kaiser direkt. Besonders der Enkel Wilhelms I., Wilhelm II., hatte ein Faible für die neuen Reichsteile. Seiner Vorliebe für Metz verdankt die Stadt einige prägende Bauwerke. Dazu gehören Erweiterungen der Kathedrale, die als der schönste Kirchenbau Frankreichs gilt.

Zum Abschluss des Besuchs in Gravelotte fuhr der Bus in die Feldflur hinter dem Nachbarort Rezonville. Ziel war die heute noch erkennbare alte Römerstraße, an der sich damals französische Artillerie aufgestellt hatte und den Vormarsch der Truppen aus den deutschen Ländern zunächst stoppte. Hier erinnert neben einigen anderen Gedenksteinen ein Obelisk an den "Todesritt der Halberstädter Kürassiere" am 16. August 1870. Es war wohl der letzte große Einsatz der Kavallerie, der mit dem Tod hunderter Reiter endete, aber den damals gewünschten militärischen Erfolg brachte.

Auf dem Programm stand für den 6. September eine Fahrt nach Verdun. Auch ein Kriegsschauplatz, allerdings des Ersten Weltkriegs. Ausgesprochen sachkundig wurde die Reisegruppe von Pierre Lenhard begleitet, einem ehemaligen Gendarmerieoffizier, der einige Berufsjahre in Deutschland verbracht hatte.

Verdun hatte zeitweise über 50.000 Einwohner. Heute sind es 20.000. Eine Million Besucher zählte die Stadt noch vor gut 15 Jahren, dann ebbte das Interesse ab, viele Hotels wurden geschlossen. Befördert durch das Gedenken an den Kriegsbeginn vor 100 Jahren, bewegt sich die Besucherzahl nun wieder bei über 300.000 jährlich.

130.000 nicht identifizierte Soldaten liegen in Verdun

Es ist ein beeindruckendes Bild, das weithin weiß leuchtende Beinhaus, wenige Kilometer außerhalb der Stadt auf dem Bergrücken des Thiaumont, in dessen Tonnengewölben die Überreste von 130000 nicht identifizierten französischen und deutschen Soldaten aufbewahrt werden.

Die Kriegshandlungen, insbesondere der bis dahin nicht gekannte massive Einsatz von Artillerie und von Maschinengewehren im Stellungskrieg, ließ eine Bergung von Verwundeten und Toten kaum zu. Noch heute, so Lenhard, vermutet man auf den ehemaligen Schlachtfeldern, den inzwischen wieder bewaldeten Hügeln, noch Überreste von über 100.000 nicht geborgenen Soldaten aller beteiligten Seiten.

Das Beinhaus entstand auf Initiative des Bischofs von Verdun, Charles-Marie-André Ginisty, der den Gefallenen eine würdige Ruhestätte geben wollte. Der Grundstein ist 1920 durch Marschall Philippe Pétain gelegt worden. Das ausschließlich aus Spenden finanzierte Totenhaus ist 1932 eingeweiht worden. Aus Deutschland beteiligte sich nur das Saarland, das allerdings zu jener Zeit französisch besetzt war.

Neben dem riesigen Friedhof vor dem Beinhaus, dem Ossuaire de Douamont, mit seinen langen Reihen weißer Kreuze für die christlichen und mit abgerundeten Grabsteinen für die muslimischen Kriegstoten, liegt eine Gedenkstätte für gefallene Juden. Sie ist auch während der Zeit der deutschen Besatzung Frankreichs während des Zweiten Weltkriegs nicht zerstört worden. Ein Novum, so Lenhard. Man vermutet Einwände aus dem Offizierkorps. Jene, die die Hölle von Verdun miterlebten, hätten so dokumentieren wollen, dass die Leiden für alle gleich waren.

Kriege haben ganze Dörfer verwüstet

Nach dem Besuch der Festung Douaumont führte Pierre Lenhard die Gruppe zum Dorf Fleury. Eigentlich nur noch ein durch Artilleriebeschuss mehrfach umgepflügter Ort. Es ist, wie zwei weitere ehemalige Dörfer, heute eine Erinnerungsstätte. Im letzten Jahr, so Lenhard, sind hier wieder Skelettreste gefunden worden.

Außerordentlich beeindruckend, doch leider haben wir offensichtlich noch nicht genügend aus unserer Geschichte, die über die Jahrhunderte so viel Leid, Elend und Unglück gebracht hat, gelernt - wenn ich an die Balkankriege, den Nahen Osten oder jetzt an die Ukraine denke. Umso wichtiger sind die Erinnerungen und Erinnerungsstätten wie in Gravelotte oder hier um Verdun, so ein Reiseteilnehmer aus Halberstadt.

Eric Necker, der Chef des Museums in Gravelotte, kündigte an, im kommenden Jahr mit Freunden seines Museums nach Halberstadt fahren zu wollen. Das wäre auch nicht das erste Mal.

*Armin Schulze leitet das Städtische Museum Halberstadt

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