Schwere Katastrophen in Sachsen-Anhalt

Februar 2006: bundesweites Auftreten der Vogelgrippe;
März 2006: Hochwasser an Elbe und Nebenflüssen - Katastrophenfall (KF);
Januar 2007: Orkan "Kyrill" mit Ausfall der Infrastruktur;
Juni 2007: Busunfall auf der A 14 mit 13 Toten und 31 Verletzten;
März 2008: Sturmtief "Emma"
Juli 2009:
Erdrutsch in Nachterstedt mit drei Toten (KF);
Februar 2010: Schneechaos im Kreis Mansfeld-Südharz (KF);
September 2010: Hochwasser Schwarze Elster (KF);
Januar 2011: Hochwasser in ganz Sachsen-Anhalt, Zugunglück in Hordorf mit zehn Toten und 23 Verletzten;
September 2011: Erdrutsch in Riestedt, Schlammlawine (KF);
September 2011: Sturmschäden im Süden des Landes;
Juni/Juli 2013: Flächendeckende Hochwassersituation in Sachsen-Anhalt - Katastrophenalarm in neun Kreisen sowie Halle und Madeburg;
Juli 2013: Ausbreitung der Pflanzenkrankheit Feuerbrand im Kreis Mansfeld-Südharz (KF).

Halberstadt l Der Orkan zieht mit verheerender Wucht durch den Harzkreis. Sturmböen mit bis zu 140 Kilometer pro Stunden hinterlassen eine Schneise der Verwüstung: Bäume und Strommasten kippen allerorten wie Streichhölzer, extremer Hagelschlag verwüstet mehrere Orte. In Halberstadt und Quedlinburg bricht die komplette Stromversorgung über Tage zusammen, die Bahn stellt vorsorglich den Betrieb ein. Obendrein geht aufgrund von Leitungsschäden und mangels Energieversorgung das Kommunikationsnetz in die Knie.

Das Szenario, das sich die Drehbuch-Autoren für die Stabsübung unter dem Codenamen "Orkan 2014" ausgedacht haben, ist breit gefächert und lässt kaum einen denkbaren Zwischenfall aus. Im Gegenteil: Im Harz bricht schließlich das öffentliche Leben nahezu völlig zusammen. In besonders schwer vom Orkan betroffenen Gebieten droht Panik.

Besagter Orkan richtet nahezu zeitgleich in den Landkreisen Harz, Börde und Mansfeld-Südharz riesige Schäden an. Nicht nur in den drei Kreisen, in denen Katastrophenalarm ausgerufen wird, sondern auch im Landesverwaltungsamt und im Innenministerium kommen die Krisenstäbe zusammen, um das völlige Chaos zu verhindern, Menschenleben zu retten und die Einsätze zu koordinieren.

Koordination und interne Kommunikation sind Stichworte, auf die die Experten in den Stäben bei diesem Testlauf ihr Hauptaugenmerk richten. Die Stabsübung, die ausschließlich intern abläuft und bei der weder Feuerwehr noch Technisches Hilfswerk (THW) vor Ort zum Einsatz kommen, sei zuallererst ein Test, um die Kommunikationsabläufe zwischen allen Beteiligten durchzuspielen, skizziert der Chef des Landesverwaltungsamtes, Thomas Pleye (CDU) das Ziel der Übung.

Wie groß ein vom Orkan ausgelöster Dominoeffekt in der Praxis sein kann, macht der Blick auf die Beteiligten deutlich: THW-Vertreter sind in die Großübung und den Krisenstab ebenso eingebunden wie das DRK oder Vertreter der Bundeswehr mit Oberst Axel Lautenschläger, dem Kommandeur des Landeskommandos, an der Spitze. Der Grund liegt auf der Hand: Nach tagelangem Stromausfall werden neuralgische Punkte wie Kliniken oder Kommunikationsschnittstellen nonstop mit Notstromaggregaten versorgt. Als hier die Dieselvorräte zur Neige gehen, ist die schwere, geländetaugliche Technik der Bundeswehr das letzte Mittel, um Nachschub heranzubringen.

Die Stabsübung sei bewusst von 8 Uhr morgens bis 20 Uhr und in zwei Schichten angesetzt worden, um auch den Wechsel der Verantwortlichen realitätsnah durchzuspielen, ergänzt Ordnungsdezernent Bernhard Petzold. Der Katastrophen-Stab im Harz umfasse sechs Sachgebiete und sei mit je 26 Mitarbeitern besetzt. Alles in allem sind an diesem Tag im Rahmen der Übung landesweit rund 250 Akteure im Einsatz.

Unter ihnen ist auch Michael Schneider, seines Zeichens Sachgebietsleiter für Brand- und Katastrophenschutz sowie Rettungsdienst im Kreis Stendal. Der Brandamtsrat ist diesmal als Schiedsrichter vor Ort, soll die Arbeit seiner Harzer Kollegen kritisch begleiten und sie obendrein mit besonderen Überraschungseinlagen herausfordern.

Eine solche zieht er am Nachmittag aus dem Ärmel: Im Quedlinburger Klinikum kommt es zu einem Wassereinbruch, das Haus muss evakuiert werden. Im Stab muss binnen kürzester Zeit entschieden werden, welche Kräfte zum Einsatz kommen und wie die Kommunikation rund um diese "Einlage" optimal abläuft. Wenig später steigt die Anspannung noch einmal, als die wichtigste Zufahrt nach Quedlinburg wegen eines Erdrutsches auf der B 6 blockiert wird.

Zwei Szenarien, die keineswegs aus der Luft gegriffen sind: Bei einem extremen Hochwasser wurde in der Vergangenheit die Bitterfelder Klinik überflutet, in Riestedt gab es 2011 einen Erdrutsch.

Erste Probleme und Reibungspunkte sind schon am Morgen deutlich geworden: Die Kommunikation zwischen dem Stab in Halberstadt und dem Landesverwaltungsamt in Halle läuft nicht optimal, weil offenbar nicht kompatible Systeme im Einsatz sind. Zudem gibt es Fragen rund um die Pressearbeit und die Information der Bevölkerung: Wer informiert wann wen? Und welche Kommunikationswege funktionieren überhaupt noch, wenn in weiten Teilen die Stromversorgung zusammengebrochen ist? Spätestens an dieser Stellen kommen Energieversorger, Notstrom-Techniker und Telekom-Mitarbeiter ins Spiel, stellt sich die Frage nach dem Treibstoffnachschub für Notstromaggregate.

Fragen, die sich auch Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Henke (Linke) stellt. Die Stadt hat sich in die Trockenübung eingeklinkt. Seit diesem Jahr, berichtet er, gebe es in der Verwaltung einen besonderen Stab für derartige Einsätze. 32 speziell geschulte Mitarbeiter seien wegen "Orkan 2014" um 5.45 Uhr alarmiert worden - "um 7 Uhr war unser Stab bei der Feuerwehr einsatzbereit". Auch bei der Stadt seien Schwachstellen erkannt worden, räumt Henke ein und leitet daraus eine Konsequenz ab: Künftig sollen die Abläufe mindestens einmal pro Jahr geübt werden.

Ähnlich sehen es die Verantwortlich vom Land und aus der Kreisverwaltung. Jährliche Übungen - entweder als kommunikationsinterne Stabsübung wie diesmal oder unter Einbeziehung von Einsatzkräften vor Ort als Vollübung - seien wichtig, um Schwachpunkte zu erkennen und Reibungspunkte zu glätten, heißt es. Dezernent Petzold erinnert an die besondere Situation im Harz: "Wir haben oft keine Vorwarnzeiten, bei uns ist das Unwetter da. Das ist die Herausforderung."

Wie dicht Theorie und Wirklichkeit an diesem stürmischen Mittwoch beieinander liegen, macht ein Sturmschaden deutlich, der 10.28 Uhr der Leitstelle gemeldet wird: Zwischen Wegeleben und Ditfurt ist ein Telefon-Mast auf die Straße gestürzt, die Feuerwehr muss ausrücken. Schiedsrichter Michael Schneider hat beim Blick aus dem Fenster einen griffigen Satz parat: "Genau das Wetter, das draußen ist, haben wir für unsere Übung bestellt."

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