Nicht die Geschichte der jüdischen Gemeinde, aber Geschichten aus der jüdischen Gemeinde erzählt Sabine Klamroth. Jahrelang hat die 81-Jährige ehemalige Halberstädter Juden und deren Nachfahren befragt, in Archiven geblättert.

Halberstadt l Eigentlich war sie fertig mit dem Thema, dachte sie. Doch als ihr 2006 erschienenes Buch "Erst wenn der Mond bei Seckbachs steht" vergriffen war, ging wieder alles von vorne los. Fast jedenfalls. Sabine Klamroth hat nun eine zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage ihres Buches herausgebracht.

"Der Verein hat mich tüchtig bearbeitet", erzählt sie, "sonst hätte ich mir die ganze Arbeit nicht nochmal gemacht." Schließlich wusste sie, dass es mit einem einfachen Nachdrucken nicht getan sein würde. Zu viele neue Informationen hatte sie seit dem Erscheinen der Erstauflage erhalten, zu viele neue Gespräche geführt. Dennoch gab sie der Bitte des Vereins zur Bewahrung des jüdischen Erbes in Halberstadt nach und ackerte das Buch durch. Sogar, als sie eigentlich mit der Überarbeitung fertig war, fing sie nochmal an. Eine Professorin der Universität Vancouver forscht intensiv zum Leben der Familie Lasch, die einst in Halberstadt eine Handschuhfabrik besaß. "Ich bin zu alt, um nach Kanada zu fliegen", sagt die 81-Jährige, also kam die Professorin nach Halberstadt und hatte stapelweise Dokumente dabei. Und da die Laschs eine nicht unbedeutende Rolle im gesellschaftlichen Leben der Halberstädter Juden spielten, sollten sie mit erwähnt werden. Einfach ein Kapitel "dranzuhängen", wie sie sagt, erschien der Rechtsanwältin unangemessen. Also wurden familiäre Beziehungen und Aussagen von Bedeutung zu den Laschs auch in anderen Kapitel eingearbeitet.

Dass sie sich überhaupt so intensiv mit den Geschichten jüdischen Alltags in Halberstadt befasst, ist ihrer engen Bindung an die Stadt geschuldet und ihrer Begegnung mit ehemaligen Halberstädter Juden 1998. "Martin Gabriel hat mir immer schon nahebringen wollen, was für eine lebendige jüdische Gemeinde Halberstadt einst hatte", sagt sie heute. Lange sei ihr das gar nicht so bewusst gewesen.

Als sie 1990 aus Heidelberg in ihre Heimatstadt zurückkehrte, ist sie gleich am ersten Tag zur Gründungsversammlung des Vereins zur Bewahrung jüdischen Erbes gegangen. "Die Akteure trafen sich ja in meinem Geburtshaus, im heutigen Parkhotel", erinnert sie sich. "Mir ist irgendwann klar geworden, dass ich nicht nur zu trauern habe um die Millionen Menschen, die auf scheußlichste Art umgebracht worden waren. Ich habe um lebendige Menschen zu trauern, die in meiner direkten Nachbarschaft wohnten." Die Familien Seckbach, Bach, Halberstadt und Meyer wohnten in der Bukostraße, direkt neben dem Grundstück der Klamroths.

Jahre politischen Engagements im Stadtrat folgten, später nahm sie sich die Zeit, begab sich auf Spurensuche. "Ich durfte auf die umfangreiche Adressenliste von Werner Hartmann zurückgreifen, der gemeinsam mit Martin Gabriel schon zu DDR-Zeiten Kontakt zu ehemaligen Halberstädter Juden aufgenommen hatte." In Judith Biran und Paul Suessmann fand sie humorvolle, kenntnisreiche und geduldige Gesprächspartner. "Paul sagte damals: ,Schreib` es auf, schreib` es auf, sonst wird es irgendwann ganz vergessen sein! Und ich habe es aufgeschrieben."

Es ist ein sehr persönliches Buch, das Sabine Klamroth veröffentlicht, ihre Erinnerungen verschmelzen mit denen der jüdischen Überlebenden zu einem facettenreichen Bild Halberstädter Alltagslebens. Das vom Verlag Metropol in Berlin liebevoll gestaltete Buch bewahrt Geschichte in Geschichten. Die agile Frau, die aus ihrer Liebe zu Halberstadt nie ein Geheimnis macht, wird die Neuauflage am 12. November um 19.30 Uhr im Gleimhaus vorstellen, Fragen beantworten, Anekdoten aus dem Entstehungsprozess schildern. Davon hat sie reichlich in petto.