Viele Schüler aus der BRD haben vor dem Mauerfall die damalige DDR besucht, um den Osten Deutschlands persönlich kennenzulernen. Fachoberschüler aus Würzburg waren im Wendeherbst 1989 in Wernigerode und landeten dort geradewegs in einer Demonstration.

Wernigerode/Würzburg l Wo liegt das "Tal der Ahnungslosen" und warum bekam die Region rund um Dresden überhaupt diesen Spitznamen? Mit welchen Sehenswürdigkeiten punkten Ost-Städte wie Leipzig, Berlin und Dresden oder Halberstadt? Und: Wie sieht überhaupt der Alltag aus in der DDR, der Ost-Zone? Fragen, die sich vor der Wende viele Westdeutsche stellten. Jugendliche aus der BRD sollten diesem Thema möglichst persönlich auf den Grund gehen. Als dem Mauerbau im Sommer 1961 in den 1970er Jahren ein gewisses innerdeutsches Tauwetter folgte, wurde aus dieser Idee Wirklichkeit.

Auch Mark Hoffmeister aus Würzburg wollte sich persönlich ein Bild machen vom Alltag hinter Mauer und Stacheldraht. Nicht allein, sondern zusammen mit seinen Mitschülern und dem Rektor der Fachoberschule in Würzburg. Und auch nicht irgendwann, sondern just im heißen Wende-Herbst vor 25 Jahren. Für die jungen Würzburger - Mark Hoffmeister war damals 19 Jahre alt - führte die Reise im November 1989 in ein brodelndes Land und mündete in der bunten Stadt im Harz am 4. November geradewegs in eine Wende-Demo. Das damals gedrehte Video hat Hoffmeister nun ins Internet gestellt.

Dass die jungen "Wessis" damals in den Osten kamen, war alles andere als ein Zufall: "Der Freistaat Bayern hat solche innerdeutschen Schülerreisen finanziell unterstützt", erinnert sich der damals angehende Abiturient. Während andere Klassen zu Touren nach Paris oder London aufbrachen, zog es Hoffmeister und seine Mitschüler in den Osten der geteilten Republik, um ganz Deutschland kennenzulernen. "Fünf Tage lang waren wir mit unserem Reisebus unterwegs, Stationen waren unter anderem Berlin, Magdeburg und Leipzig sowie Eisenach und Wernigerode", sagt der heutige Projektmanager.

Dem Zufall sei dabei fast nichts überlassen worden. Das von der "rdr-Gesellschaftsreisen GmbH" in Schweinfurt zusammen mit den - wie es immer so schön heißt - zuständigen "Organen" der DDR vorbereitete Reiseprogramm sei straff organisiert gewesen. Besuche im Palast der Republik in Berlin oder in KZ-Gedenkstätten standen ebenso auf dem Programm wie ein "obligatorischer" Gesprächsabend im Jugendclub oder der "kollektive" Discobesuch.

An letzteren erinnert sich Hoffmeister 25 Jahre später mit gemischten Gefühlen. "Es ging, glaube ich, nach Halberstadt, wo die Jugendlichen Schlange standen, um in die Disco zu kommen. Wir fuhren mit unserem Westbus vor, wurden an allen vorbeigeschleust und durften durch den Hintereingang rein. Das war schon komisch." Nicht nur jenes Einschleusen, sondern auch der Kontakt zu den Ost-Jugendlichen. Mit einem Mädchen sei er damals in der Disco ins Gespräch gekommen. "Die wollte am liebsten gleich die Adressen tauschen - hätte ich das mal getan", erinnert sich Hoffmeister heute an jene verpasste Chance, in Kontakt zu bleiben.

Dass die jungen Westgäste damals just in Wernigerode landeten und im Jugendtouristenhotel in der Friedrichstraße einquartiert wurden, war auch alles andere als Zufall. "Wernigerode war, anders als Quedlinburg, als Stadt halbwegs intakt und galt bei der DDR-Führung als Aushängeschild", haben Hoffmeister und seine Mitschüler einst in Erfahrung gebracht. Aber: Dank ihres Busfahrers sei ihnen auch ein Blick in die tristen Ecken Quedlinburgs gelungen.

Dass Hoffmeister nach 25 Jahren noch vergleichsweise gute Erinnerungen an die damalige Visite hat, verdankt er auch der Schul-Kamera. Um die Ost-Impressionen später im Unterricht auswerten zu können, hatten die angehenden Abiturienten die Kamera dabei und filmten munter drauf los. "Ich habe etwa vier Stunden Filmmaterial aus der DDR und die VHS-Kassette gerade digitalisieren lassen", berichtet der 44-Jährige.

Darunter sind auch jene Sequenzen von der Demo am 4. November 1989. Während an diesem Tag Tausende auf dem Ostberliner Alex demonstrierten, zogen Hunderte durch Wernigerode. Die Würzburger hielten mit ihrer Kamera drauf und wurden, wie sich Hoffmeister erinnert, für ZDF-Journalisten gehalten. Entstanden sind Aufnahmen, die heute Seltenheitswert haben dürften. Die Demonstranten forderten die Zulassung des "Neuen Forums", freie Wahlen und natürlich Reisefreiheit. Ein Mädchen formulierte ihren Wunsch ganz pragmatisch per Plakat: den Besuch bei ihrer Freundin in Neuss. Dass dieser fünf Tage später Knall auf Fall mit der Grenzöffnung Wirklichkeit werden sollte, ahnte an diesem Tag freilich niemand.

Hoffmeister und seine Mitschüler waren da längst wieder im Westen - im Gepäck jede Menge Filmmaterial und noch mehr Eindrücke. "Es waren verdammt spannende Tage, um die uns Schüler anderer Klassen beneidet haben. Welcher Westtourist hat schon die Chance, eine Demo zu erleben? Plötzlich mittendrin, das war der Clou."

Apropos Erlebnis: An eine kuriose Episode erinnert sich Hoffmeister noch heute haargenau: "In der Friedrichstraße kam ein russischer Militärlaster vorbei und stoppte direkt neben unserem Bus. Die Soldaten haben kurzerhand ihre Uniformknöpfe abgerissen und gegen Westgeld getauscht - das war der absolute Wahnsinn." Ein solches Andenken hat der 44-Jährige noch heute.

25 Jahre später steht Hoffmeister selbst für das deutsch-deutsche Zusammenwachsen: Nach der Wende studierte er an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden. Den Schritt Richtung Internet ist der 44-Jährige übrigens bewusst gegangen: "Ich würde mich freuen, wenn sich der eine oder andere Demonstrant von damals im Video wiederfindet und wir mit 25 Jahren Abstand ins Gespräch kommen."

Die Filmsequenz im Internet: www.youtube.com/watch?v=1Vqvlm6OAUE

Bilder