Seit sechs Jahren gibt es in Halberstadt Lesepaten. Sie helfen Kindern im Grundschulalter, das Lesen zu üben. Doch auch sie selbst lernen Neues durch die Kinder kennen.

Halberstadt l Als Rentnerin hat sie sich einen Kindheitstraum erfüllt, sagt Martina Riechert. Sie wollte immer mit Kindern arbeiten. "Aber weil ich damals kein Instrument spielte, konnte ich nicht Erzieherin werden", erzählt die Halberstädterin. 40 Jahre lang hat sie ihre Brötchen als Finanzwirtschafterin verdient, und jetzt, im Rentenalter, da kann sie endlich mit Kindern arbeiten. Als Lesepatin.

"Im vergangenen Jahr las ich einen Beitrag über Frau Spiller und dass sie Menschen sucht, die Lesepaten werden wollen. Da hab` ich mich spontan entschlossen, mitzumachen." Seit 2011 ist Martina Riechert Rentnerin, aber nur im Garten sitzen, das wollte sie nicht. Also stiefelte sie los und übernahm eine Lesepatenschaft in der Spiegel-Grundschule. "Zu der Schule habe ich ein gutes Verhältnis. Meine Kinder sind hier zur Schule gegangen und meine Enkel auch", berichtet sie. Und dass sie in der Nähe wohnt, macht es einfacher.

"Darauf achten wir nach Möglichkeit immer", ergänzt Marita Spiller, "dass die Schulen in Wohnnähe sind und man nicht auf ein Auto angewiesen ist, um als Lesepate tätig zu sein." Die Halberstädterin hat die Lesepaten vor sechs Jahren ins Leben gerufen, nachdem sie von so einem Projekt in Hannover erfahren hatte. "Das Projekt wird vom Gleimhaus getragen", berichtet Spiller, die im Vorstand des Gleimhaus-Förderkreises aktiv ist. "Gleim hat zu seinen Lebzeiten ja auch immer Familien unterstützt und versucht, junge Menschen zu fördern. Von daher stieß ich mit meiner Idee sofort auf Zustimmung."

Inzwischen sind es 45 Menschen aus unterschiedlichsten Berufen, die sich als Lesepaten in Halberstädter Grundschulen engagieren. Die meisten von ihnen, 23, wirken zurzeit in der Goethe-Grundschule, 13 sind in der Miriam-Lundner-Grundschule aktiv, fünf in der Anne-Frank-Grundschule, einer im Hort der Diesterweg-Schule und zurzeit nur noch zwei an der Spiegel-Grundschule. "Wir hatten mal fünf Lesepaten und brauchen dringend Verstärkung", sagt Antje Lichtenberg. Als Schulleiterin begrüßt sie das ehrenamtliche Engagement sehr. "Unsere Paten kommen bei den Kindern wirklich gut an", sagt sie, "und auch im Kollegium sind wir froh über die Hilfe."

So arbeiteten Lehrer und Lesepaten manchmal sehr eng zusammen, wenn bestimmte Stoffeinheiten intensiver behandelt werden müssten. "Die Lesepaten kommen vormittags, lesen und sprechen mit den Kindern in den Freistunden oder im Förderunterricht", berichtet Lichtenberg. Und weil man so gute Erfahrungen gemacht habe, sind inzwischen auch Lesemuttis an der Spiegelschule aktiv. Sie unterstützen direkt die Lehrer, üben das Lesen im Unterricht mit den Kindern.

"Trotzdem sind wir in unserer Zeiteinteilung frei", ergänzt Annegret Bolte. Sie ist ebenfalls als Lesepatin an der Spiegel-Grundschule tätig. "Wir müssen unseren Urlaub nicht an den Ferien ausrichten. Und wenn wir mal einen privaten Termin haben, sagen wir in der Schule Bescheid. Aber das machen wir kaum, weil wir wissen, wie traurig die Kinder sind, wenn wir nicht kommen." Die Erfahrungen, die sie durch den Kontakt mit den Kindern macht, die Zuneigung und Dankbarkeit der Kinder bereichern sie.

Vor zwölf Jahren ist die Lehrausbilderin nach Halberstadt gezogen, seit einem Jahr ist sie Lesepatin. "Als Renterin genieße ich die Zeit mit meinem Mann. Aber es tut gut, auch noch eine andere Aufgabe zu haben", sagt die Mutter zweier erwachsener Söhne. Sie hat mit "ihren Lese-Kindern", die Bibliothek besucht, sich Spiele ausgeliehen. Wie Martina Riechert sorgt sie für einen Wechsel zwischen den Leseübungen, nutzt verschiedene Möglichkeiten, um Zugang zu den Kindern zu finden. "Zuzuhören, das ist ganz wichtig. Die Kinder sprudeln erstmal über und wollen erzählen", berichtet sie.

Die Lesepaten treffen sich zweimal im Jahr, tauschen sich aus, berichten von ihrer Arbeit. Einmal wird sich im Gleimhaus getroffen, einmal im großen Garten von Marita Spiller. "Der Kontakt untereinander ist wichtig", sagt sie.Deshalb sei diese Aufgabe nicht nur etwas für Menschen, die schon im Rentenalter sind. "Auch wer gerade auf Jobsuche ist, kann sich einbringen. Wie freuen uns über jeden, der mitmacht. Und ganz toll wäre es, wenn sich auch noch mehr Männer bereitfänden. Zwei sind derzeit bei uns im Team", so Marita Spiller.

Marita Spiller, Telefon (0 39 41) 60 90 67