Einen halben Tag für den Abstecher nach Halberstadt innerhalb seines dreitägigen Arbeitsbesuches in Deutschland hat er sich ausbedungen, der israelische Minister für Rentenangelegenheiten. Er trägt den traditionsreichen Namen Auerbach.

Halberstadt l "Nach Berlin bin ich gereist, um zu lernen, wie Deutschland seine Eltern und Großeltern ehrt. Nach Halberstadt bin ich gekommen, um meine eigenen Vorfahren zu ehren", sagt Uri Orbach. Der 54-Jährige ist im israelischen Kabinett zuständig für Rentenangelegenheiten. Ein Arbeitstreffen mit seiner deutschen Amtskollegin Andrea Nahles führte ihn in dieser Woche nach Berlin. Dabei ging es um die Frage, welche Schritte konkret gegangen werden müssen, um ein neues Gesetz in die Realität umzusetzen. Deutschland hatte beschlossen, dass den Menschen, die in den Ghettos und Arbeitslagern zu Zeiten des Nationalsozialismus Zwangsarbeit geleistet haben, eine kleine Rente zustehe.

Doch all dies ließ Uri Orbach gestern Mittag hinter sich. In Halberstadt begab sich der 1960 in Petach Tikwa geborene Großneffe des Halberstädter Ehrenbürgers Jizchack Auerbach auf Spurensuche. An den Gräber seiner Vorfahren, die bekannte Rabbiner waren, sprach er in Begleitung seines Teams ein Totengebet. Zuvor hatte er sich von Uri Faber die Geschichte der Moses-Mendelssohn-Akademie erläutern lassen, das Berend-Lehmann-Museum und den ältesten jüdischen Friedhof Halberstadts besucht.

"Der Name Halberstadt hat in unserer Familie fast einen magischen Klang", berichtet Orbach. "In Petach Tikwa bekommen viele Menschen leuchtende Augen, wenn dieser Städtename fällt. Ich glaube, viele Halberstädter wissen gar nicht, dass sie in einer besonderen Stadt leben", sagt Uri Orbach.

Warum der Journalist und Schriftsteller, der seit 2009 im israelischen Parlament sitzt, Orbach heißt, erklärt Uri Faber: "Orbach ist im Hebräischen einfacher zu schreiben und auszusprechen als Auerbach. Uri Orbach ist ein direkter Nachfahre von Benjamin Auerbach, einem der bedeutenden Rabbiner der Halberstädter Gemeinde."

Die Nachfahren der berühmten Rabbiner haben, ganz in der neo-orthodoxen Tradition der Halberstädter Gemeinde, viele Einrichtungen in Israel gegründet, darunter auch eine Schule. "Die Kinder erfahren dort eine orthodoxe, aber gründliche und weltoffene Bildung", sagt Faber.

Orbach selbst hat von Halberstadt gute Eindrücke gewonnen, wie er kurz vor der Abreise nach Magdeburg zum Treffen mit Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff sagte. "Ich bin beeindruckt, wie die Stadt erhalten ist, man sieht, mit wieviel Liebe hier restauriert worden ist. Die Stadt lebt ihre Geschichte, ohne die Moderne zu leugnen." Orbach ging auch auf die Moses-Mendelssohn-Akademie ein. "Hier wird nicht nur allgemein die Geschichte der Juden in Deutschland vermittelt, hier geht es um die Geschichte vor Ort. Wenn ich zu Hause bin, werde ich viel zu erzählen haben", sagte der vierfache Vater.

Orbach suchte auch das Gespräch mit Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Henke (Linke). Dabei ging es zum einen um Informationen zu Stadtgröße, Wirtschaftsentwicklung und ähnlichem. Aber auch die aktuelle politische Lage im Nahen Osten wurde angesprochen.

Henke betonte, dass es eine besondere Ehre sei, das ein Mitglied der israelischen Regierung Halberstadt besuche. "Das ist für mich auch eine Gelegengenheit, ein Zeichen zu setzen. Antisemitismus, egal von welcher Seite er kommt und egal in welcher Form, muss man entschieden entgegentreten. Und das sage ich auch im Bewusstsein dessen, was aus meiner eigenen Partei manchmal zum Nah-Ost-Konflikt gesagt wird."

Ihn freue, so Henke, dass das Andenken an Halberstadt in Israel so hochgehalten werde und dass es gute Kontakte zu den ehemaligen Halberstädtern gibt. "Es ist gut, dass dieser Kontakt auch zu den Enkeln und Urenkeln besteht und Begegnungen deutscher und israelischer Jugendlicher hier in Halberstadt stattfinden", sagte Henke.

 

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