Osterwieck l Die Osterwiecker können sich glücklich schätzen, dass sich aus ihrer Mitte seit fast 57 Jahren immer wieder Menschen bereit erklären, die Ereignisse eines Jahres in der Ortschronik festzuhalten. So war es möglich, am Sonnabend noch einmal die Osterwiecker Ereignisse im Wende-Jahr 1989 Revue passieren zu lassen. Anlass bot die Festveranstaltung zur Grenzöffnung von 25 Jahren zwischen den Schwester- und Partnerstädten Osterwieck und Hornburg.

Ortsbürgermeister Ulrich Simons (CDU) zitierte dabei aus der Chronik von 1989, die federführend von dem unvergessenen Theo Gille geschrieben worden ist. Ein Jahr, das in Osterwieck mit einer Agitatorenkonferenz in der Mehrzweckhalle begann. Einer Veranstaltung mit 200 Agitatoren, für die ihre Welt vor dem 40. Republikgeburtstag noch in Ordnung schien. "Da fragt man sich, warum waren die Menschen so unzufrieden?", kommentierte Simons.

"Gebete für unser Land" in Osterwiek

Zum 7. Oktober dann war in Osterwieck eigentlich eine Geburtstagsparty in der Mehrzweckhalle geplant gewesen. Doch sie musste wegen mangelhafter Beteiligung ausfallen, wie Simons zitierte, weil mehrere Mitglieder der Tanzkapelle die DDR illegal verlassen hatten. Wie in Halberstadt, habe es auch in Osterwieck "Gebete für unser Land" gegeben. Simons würdigte besonders Pfarrerin Angelika Göbel, die den Widerstand in Osterwieck initiiert hatte. Zum ersten Gebet am 27. Oktober waren 400 Einwohner gekommen.

Anfang November 1989 überschlugen sich die Ereignisse. Es kam zu einem Einwohnerforum, "in dem Klartext geredet wurde", so Simons. Dabei hätten vor allem das Damwildgehege am Fallstein, die Schadstoffdeponie und die Wohnungswirtschaft in der Kritik gestanden. Am Abend des Berliner Mauerfalls habe es eine Stadtverordnetenversammlung gegeben, die zum ersten Mal überhaupt öffentlich stattfand. Zum 10. November habe Theo Gille einen Aufruf "Rettet unsere Stadt" verfasst, der von 800 Bürgern unterzeichnet wurde. Am 13. November wurde das Sperrgebiet aufgehoben.

Der 18. November war der Tag der Grenzöffnung am Kleinen Fallstein, der sogar im "Neuen Deutschland" bekanntgegeben wurde.

Was nicht in der Osterwiecker Chronik stand, fügte am Rande der Festveranstaltung der Rhodener Ulrich Köhler hinzu. Dieser Grenzübergang sei auf eine Initiative aus Rhoden zurückzuführen gewesen. Auf einer Einwohnerversammlung am 13. November in Rhoden sei ein Grenzübergang nach Hornburg gefordert worden. Eine Mitarbeiterin des Rates des Kreises habe diese Forderung mitgenommen, so sei es letztendlich zum Übergang bei Hoppenstedt gekommen. Mitarbeiter aus der Werkstatt der LPG Bühne und weitere Freiwillige hätten dann am Nachmittag des 17. November mit der LPG-Technik den Weg von der Aschenkuhle bei Hoppenstedt bis zur Grenze soweit hergerichtet, dass Fußgänger und Radfahrer diese alte Straßentrasse passieren konnten. Köhler war seinerzeit Technikchef in der LPG.

Anne Koch drängte auf Städtepartnerschaft mit Hornburg


Die Osterwieckerin Änne Koch hatte am 10. November in einer Resolution auf eine Partnerschaft mit der Stadt Hornburg gedrungen. Die Bürgermeisterin Inge Molik und ihr Stellvertreter Horst Eggert fuhren bereits am 15. November nach Hornburg. Am 17. Dezember waren Hornburger Ratsmitglieder um Bürgermeister Wolf-Rüdiger Rühe zu Gast im Osterwiecker "Deutschen Haus", um einen Partnerschaftsvertrag vorzubereiten. Unterzeichnet wurde er am 15. Februar 1990.

Nachdem dann auch die Visapflicht der Bundesbürger für die DDR wegfiel, habe es Weihnachten 1989 riesigen Autoverkehr in Osterwiek gegeben, gab Simons die Schilderung der Chronisten wieder.

171 Vollbeschäftigte vor ungewisser Zukunft

Einer der letzten Einträge im Jahresband 1989 betraf allerdings die Zuckerfabrik, die ihre letzte Kampagne abgeschlossen hatten. 171 Vollbeschäftigte standen vor einer ungewissen Zukunft. Letztendlich brachen in den folgenden eineinhalb Jahren rund 2000 Arbeitsplätze in der Stadt weg. Was Ulrich Simons mit einem Zitat enden ließ: Die politische Wende sei ein Glücksfall gewesen, aber nicht das Himmelreich auf Erden.

Von Hornburger Seite erinnerte Fritz Sengpiel an die ersten Begegnungen in Osterwieck. Schon am 19. Oktober 1989 war er auf einer Reise mit dem SPD-Ortsverein in Osterwieck. Von Theo Gille empfangen, wollten die Hornburger die Stephanikirche besichtigen. Doch das sei nicht möglich gewesen. Die Kirche sei verdammt gewesen, zur Ruine zu verkommen, wie die Gäste erfuhren. "Für mich war es ganz wichtig, mit den Osterwieckern schulisch und politisch in Verbindung zu treten", betonte Sengpiel, der damals Schuldirektor war. Auf seine Anfrage hin sei mit der Hermann-Matern-Schule unter Direktor Gerhard Schmuck eine Schulpartnerschaft geschlossen worden. Es habe sogar Klassenpartnerschaften gegeben, die Kollegien hätten sich getroffen. Mit Dietmar Hentschel, dem damaligen stellvertretenden Direktor, verbinde Sengpiel bis heute eine enge Freundschaft.

Ulrich Katzorke, als Osterwiecker Herold verkleidet, berichtete aus der jahrhundertealten Geschichte der Schützen beider Städte.

Zur Festveranstaltung im Fallstein-Gymnasium, die von der Osterwiecker Pianistin Catalina Huros musikalisch begleitet wurde, waren am Sonnabend auch Landrat Martin Skiebe (CDU) und sein Vorgänger Michael Ermrich (CDU) gekommen. Skiebe dankte Ortsbürgermeister Simons, dass er nochmal die Namen der Akteure vor 25 Jahren genannt habe. Aus einer Zeit, "in der man nicht wusste, wie sich die Geschichte entwickelt. Es ist gut, daran zu erinnern, was die Menschen geleistet haben, wovon wir alle heute profitieren."

Osterwiecks Bürgermeisterin Ingeborg Wagenführ (Buko) machte darauf aufmerksam, dass elf der 20 Orte in der heutigen Einheitsgemeinde früher im Sperrgebiet lagen. Um ihre Schwiegereltern in Rhoden zu besuchen, habe sie einen Passierschein benötigt. Und so sei es allen gegangen, die Familienangehörige direkt am Zaun hatten. "Was haben die Menschen in der Sperrzone durchgemacht?" Wagenführ dankte für diese "einfühlsame Geschichtsstunde" im Fallstein-Gymnasium, in dem ja heute Osterwiecker und Hornburger Schüler gemeinsam lernen.