100 Jahre alt wird am heutigen Dienstag Hermann Steinkampf in Rhoden. Regelmäßig unternimmt er noch Spaziergänge durchs Dorf.

Rhoden l Den ganzen Tag im Sessel sitzen, das kommt für Hermann Steinkampf nicht in Frage. Er braucht seine Bewegung, auch jetzt mit 100 Jahren. "Wenn das Wetter kein Mist ist, dann bin ich draußen." Seine Spaziergänge führen ihn auf vertrauten Wegen ums halbe Dorf. Nur glatt sollten die Wege sein. "Mein Oberschenkel", fasst er sich ans Bein und lächelt verschmitzt. Er ist eben nicht mehr der Jüngste.

Dass er mit 100 noch so fit ist, dazu hat die viele Bewegung an der frischen Luft sicher beigetragen. Als junger Mann spielte er Handball, damals noch auf dem Rasenplatz. Und wenn die Rhodener zum Auswärtsspiel nach Wasserleben, Wernigerode oder Hornburg mussten, so nahmen sie das Fahrrad. Bewegung brachte aber vor allem die Arbeit in der Landwirtschaft. Schon als Kind half er den Eltern auf dem Hof, den er später übernahm. Auch als Landwirt in der LPG saß er nicht etwa auf dem Trecker, sondern hackte von Hand die Rüben und Kartoffeln. Heute würde man dazu sagen: Er war ein Öko-Landwirt. Hermann Steinkampf betreute ebenso die Rinder auf den Weiden. Nach der frischen Luft auf den Feldern oben am Fallstein sehnt er sich noch heute. Für seine Beine ist der Weg dorthin nun aber zu weit.

Die letzten Jahre vor der Rente hat Hermann Steinkampf im Bullenstall gearbeitet und auch danach dort noch mit ausgeholfen. Klar, dass es zu Hause Vieh gab. Das hatte die Steinkampf-Familie schon durch Not-Zeiten in den letzten 100 Jahren gebracht. Angefangen vom Ersten Weltkrieg, der gerade begonnen hatte, als Hermann Steinkampf geboren wurde, den der Vater als Soldat bestreiten musste. Die Weltwirtschaftskrise 1929 erlebte er als Jugendlicher. Und den Zweiten Weltkrieg als Soldat. Zwölf Jahre Jugend hat ihn dieser Krieg gekostet. Die einzigen zwölf Jahre, in denen er (so gut wie nicht) in Rhoden war.

Krankheit führt zu doppeltem Glück

1936 begann sein normaler Grundwehrdienst in Halberstadt. Kurze Zeit, nachdem dieser zu Ende war, folgte der Krieg. Steinkampf musste nach Polen, Frankreich und Russland. Eine schwere Krankheit mit Operation brachte ihm doppeltes Glück. Er brauchte 1942 nicht mit seiner Einheit nach Russland zu ziehen. Von dem Einsatz war kaum einer lebend zurückgekommen. Stattdessen durfte er zwecks Erholung nach der Operation nach Rendsburg in Schleswig-Holstein. Hier lernte er in einer Gastwirtschaft seine spätere Frau Margarethe kennen. In den Krieg aber musste Steinkampf nochmal zurück und kam erst nach Kriegsgefangenschaft in Frankreich und England 1948 heim nach Rhoden.

Bis 2011 lebte er mit Margarethe zusammen auf dem elterlichen Hof. Mit 90 Jahren verstarb sie, Hermann Steinkampf zog danach einige Meter weiter auf das Grundstück seiner Tochter, die sich nun um ihren Vater kümmert. Gleichwohl hat der Jubilar eine große Familie um sich. Der Sohn sowie zwei Enkel wohnen in Rhoden, zwei weitere Enkel in Osterwieck und Braunschweig. Und auch zwei Urenkel gibt es.

Hermann Steinkampf war dagegen das einzige Kind seiner Eltern gewesen. Die Mutter stammte aus Lüttgenrode, der Vater war ein alteingesessener Rhodener. Bis 1608 zurückgehend ist die Familiengeschichte aufgeschrieben, in Osterode beginnend. Mittlerweile leben Steinkampfs in zwölfter Generation in Rhoden. Und es gibt noch weitere Steinkampfs im Dorf, die aber nicht miteinander verwandt sind.

"Wo sind die Jahre nur geblieben?", fragt Hermann Steinkampf. Er denkt in diesen Tagen viel an die alten Zeiten. Wie er als Zwölfjähriger beim Bau des Schützenhauses die Ziegel gereicht hat. "Die Väter haben sich gequält beim Bau. 2004 wurde es abgerissen. Ist ja auch kein Wunder, wenn keiner ein bisschen was dran macht." Er denkt an 1929, als er aus der Schule kam. An die Fußmärsche zum Tanz nach Hornburg oder Willeckes Lust. Wenn er einen Wunsch hätte, dann nochmal in die Jugend zurückzukehren. "Die Zeit war gut. Es ist aber leider keiner mehr da."

Das wird sich heute ändern. Denn beim ältesten Rhodener werden viele Gratulanten klingeln. Und am Sonnabend wird in der Osterwiecker "Fallsteinklause" gefeiert - mit der großen Familie.