In einer fast schon familiären Runde haben am Mittwoch mehrere hundert Wanderer an die friedliche Eroberung des Brockengipfels vor 25 Jahren erinnert. Nicht nur der Vorsitzende des Harzklubs, Ex-Landrat Michael Ermrich (CDU), nutzte das Jubiläum für einen Appell: Der Harz müsse länderübergreifend weiterentwickelt werden.

Brocken l Manchmal sind Bienen richtige Vorbilder. Zumindest ist Enrico Kretschmar, Imker aus dem Osterwiecker Ortsteil Hessen, davon überzeugt, wie er mit einem Spruch auf seinem "grenzenlosen" Jubiläums-Honig erinnert: "Die Bienen kannten keine Grenzen und sind jeden Abend zurückgekehrt." Im Herbst 1989 folgten die DDR-Bürger ihren kleinen Vorbildern. Erst kippten sie die innerdeutsche Grenze, dann, am 3. Dezember, den Betonwall rund ums Brockenplateau. Viele, die damals mit dabei waren, sind dem Harz treu geblieben. Am Mittwoch trafen sie sich hoch oben auf dem Blocksberg wieder, um in ihrer Heimat an jenes denkwürdige Ereignis vor 25 Jahren zu erinnern.

"Es wird vielen warm ums Herz, wenn sie an den 3.Dezember 1989 denken", sagte der Harzklub-Hauptvorsitzende Michael Ermrich am Gedenkstein unweit des früheren Brockentores. "Das Besondere: Es war die erste gemeinsame Wanderung, die vom Ost- und vom Westharz ausging, um den Brocken - den Kern unser aller Heimat - nach 28Jahren wieder zu erleben." An jenem Tag sei der Harz wieder zusammengewachsen, betonte der ehemalige Harzer Landrat und erinnerte an die damalige Aufbruchstimmung.

Gefeiert wurde das Jubiläum nicht etwa mit Sekt, sondern stilecht mit einem Schnaps. Kredenzt wurde der Kräuter von Schierkes Ortsbürgermeisterin Christiane Hopstock (CDU). Sie selbst habe den Tag der Brockenöffnung übrigens nicht persönlich miterlebt. "Ich war damals in Staßfurt, wo ich Lehramt studierte", erinnerte sie sich.

Unter den Wanderern, die wie damals vor 25 Jahren auch diesmal von verschiedenen Punkten in Richtung Gipfel gestartet waren, dominierten große Wiedersehensfreude und allenthalben das Du. Es ist unter Wanderfreunden gesetzt, obendrein kennt man sich. Viele sind seit Jahren am 3. Dezember auf dem Brocken immer mit dabei. "Das war schließlich der Mauerfall für uns Harzer", brachte es Hans-Jürgen Pflugner aus Ilsenburg auf den Punkt.

Mit Gleichgesinnten aus Osterwieck, Dahlenwarsleben, Langenstein, Schierke und Wernigerode ist Klaus Richter vom Harzklub-Zweigverein Wernigerode von Schierke aus zur Jubiläumsveranstaltung gewandert. Den Brocken kennt er in allen Facetten: 37 Jahre lang hat er dort als Postangestellter gearbeitet. Dennoch verpasste er den historischen Moment der Brockenöffnung. "Der 3. Dezember ist mein Hochzeitstag, deshalb hatte ich mir 1989 freigenommen und war nicht auf dem Brocken. Ich hatte aber gehört, dass die Sperrzone an diesem Tag geöffnet werden sollte und eine Demo geplant war. Leider hat mich an diesem Tag ein fürchterlicher Hexenschuss außer Gefecht gesetzt", so der Harzklub-Wanderer.

Welche Chancen sich aus Mauerfall und Brockenöffnung gerade für die Harzregion ergeben haben, machte der frühere Landrat Ermrich deutlich: "Wir bekamen Geld und konnten gerade in den ersten vier Jahren machen und gestalten." Praktisch grenzenlos.

Und Ermrich hatte manch nette Episode parat. Beispielsweise die von der Schlamperei zu DDR-Zeiten, die nach der Wende zum Segen wurde. Weil die DDR die Brockenbahn niemals formell entwidmet hatte, konnte der Bahnbetrieb schon zwei Jahre nach dem Fall der Brockenmauer wieder aufgenommen werden. "Die Fördermittelunterlagen haben wir damals in Magdeburg auf einem Heizkörper unterschrieben", sagte er mit Augenzwinkern.

Eine Episode aus einer Zeit, an die am Mittwoch Politiker und Macher aus jenen Tagen erinnerten: Jene Aufbruchstimmung mit Pragmatismus, kurzen Entscheidungswegen und wenig Juristen. "Wir haben in zwei Jahren viele Dinge vorangebracht, an die ich heute mit Freude denke. Das wäre heute nicht mehr möglich", so der damalige Regierungspräsident Wolfgang Böhm in einer Podiumsdiskussion.

65 Millionen Mark seien von 1990 bis 1994 in die Renaturierung und den Aufbau des Brockenplateaus investiert worden. Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) habe bei einem Brockenaufenthalt im August 1990 spontan zehn Millionen Mark für die Abwasserleitung bereitgestellt, nachdem er erfahren hatte, dass es nur eine mobile Toilette auf dem Plateau gab. Schon Ende November 1990 erfolgte der erste Spatenstich.

Thales Bürgermeister Thomas Balcerowski (CDU) nutzte die Runde im Goethesaal des Brockenhotels für einen Ausblick. Er wünsche sich eine Verwaltungsstruktur aus einer Hand für den Brocken. "Unterschiedliche Ländergesetze dürfen uns Harzer nicht hindern, unsere Heimat voran zu bringen." Er erinnerte an den Mut und die Entschlossenheit vor 25 Jahren. "Wir brauchen kräftige Tritte gegen die Tür, um uns als Harzer bemerkbar zu machen - in Hannover und Magdeburg."

Ex-Regierungspräsident Böhm mahnte: "Wir sollten uns erinnern, was Freiheitswille verändern kann." Der damalige ehrenamtliche Wernigeröder Landrat Uwe Heuck (CDU) rief auf, wie damals "Visionen zu haben, zu leben und anzupacken".

   

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