Die Anziehungskraft der Harzer Wandernadel ist ungebrochen. 15 000 Wanderpässe wurden für das Durchstreifen des Harzes nach Plan allein dieses Jahr ausgegeben. Das Wegenetz zu den Anlaufpunkten soll bei 222 Stempelstellen bleiben. Die Erfolgsgeschichte geht in ihre zehnte Saison.

Blankenburg. l Das Wandern ist längst nicht mehr nur des Müllers Lust. Auch Leute mit anderen Berufen oder Rentner sind regelmäßig im Harz unterwegs. Allein in diesem Jahr holten sie sich seit Beginn der Wandernadel-Saison im April am Armeleuteberg bei Wernigerode 15000 Wanderpässe. Die werden abgestempelt, je nach zahl der erwanderten Stempel gibt es Nadeln und Abzeichen.

500 Wanderkaiser wurden "geadelt". Dafür müssen alle 222 Stempelstellen aufgesucht werden, ist also der ganze Harz zu durchqueren. So lernen tausende Wanderer das Gebirge zwischen Wernigerode, Goslar, Osterode, Nordhausen, Quedlinburg und Sangerhausen kennen.

Auf den Weg gebracht haben dieses Wandern mit Belohnung durch Anstecknadeln Michael Lütje aus Wernigerode und der Verein "Gesund älter werden im Harz" aus Blankenburg um Vorstandschef Klaus Dumeier. "Ich hätte mir 2006 nicht träumen lassen, dass die Aktion mal so groß wird", freut sich Projektleiterin Christina Grompe, von Anfang an dabei.

Heute ist "Die Wandernadel" längst zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. Gäste kommen zu Tausenden aus nah und fern, übernachten, kaufen Karten, haben Freude in der Natur an frischer Luft - ein Selbstläufer zum Nutzen der Region und der kulturellen Bildung. Frei nach dem Spruch: "Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen", von dem Dichter Matthias Claudius (1740-1815). Dabei kannte der die Harzer Wandernadel gar nicht.

Erzählen aber können die Reisenden zwischen den Stempelstellen viel. Vom Froschfelsen bei Ilsenburg, den Schnarcherklippen zwischen Schierke und Elend, von Tieren im Christianental Wernigerodes, der Blankenburger Luisenburg, der Burg Falkenstein oder der Hanskühnenburg bei Osterode etwa. Landschaften, Ausblicke, alte Bäume wie die Hunrodeiche bei Stolberg liegen auf dem Stempelweg. Die neue Wanderbewegung könnte bald den großen Pilgerwegen Konkurrenz machen. Vielleicht schreibt ja ein Wanderkaiser mal seine Touren auf, Titel: Bin dann mal weg, im Harz.

Insgesamt wurden seit Beginn der Aktion vor neun Jahren 2572 Wanderkaiser ausgezeichnet, Stand 11. Dezember. 338 Wanderfreunde haben das Kaiser-Zeichen mehrfach verdient und eingeheimst. Das Durchschnittsalter der Wanderkaiser beträgt 54 Jahre. Ältester Würdenträger ist Hans Gehn aus Quedlinburg, 90 Jahre und nicht wandermüde.

Die Harzer selbst sind bei den Nutzern in der Überzahl. Urlauber ziehen langsam nach, auch Ausländer wie etwa aus der Schweiz werden auf das Angebot für Wadenmuskeln und Seele aufmerksam. Selbst einige Hunde wurden schon als Wanderkaiser mit ausgezeichnet, weil sie tapfer mitliefen.

Auf den Hund kommen soll die Aktion aber nicht, diese Ehrungen seien Ausnahmen, betont Christina Grompe. Sie koordiniert gemeinsam mit Renate Haasper, Sarina-Maria Lesinski und derzeit auch mit Praktikantin Vanessa Wilke das Riesenprojekt. Es vernetzt die Tourist-Informationen und Förderer des Projekts im ganzen Harz über Länder- und Verwaltungsgrenzen hinweg.

Die markante Zahl von 222 Stempelstellen soll beibehalten werden. Sie sei überschaubar, so Grompe, aber es würden regelmäßig einige Stempelstellen ausgetauscht, um den Horizont der Wanderer zu erweitern. Eine Wanderstempelstelle, die alle zwei Monate ihren Standort wechselt, bringe ebenfalls Abwechslung.

"Ich hätte mir 2006 nicht träumen lassen, dass die Aktion so groß wird."

Christina Grompe, Projektleiterin

Manchmal machen die Wanderer allerdings auch schlechte Erfahrungen. Dann nämlich, wenn Zeitgenossen Stempel stehlen, mal einen Stempelkasten ins Gebüsch werfen wie in Elbingerode bei den Felswerken oder gar zerhacken wie in Blankenburg. Was hätte mit der so sinnlos vergeudeten Kraft erwandert und an Spaß gewonnen werden können? Und Geld gespart? Denn jede durch Vandalismus zerstörte Stempelstelle muss mühsam neu eingerichtet werden.

Finanziert wird die Wandernadelaktion durch den Trägerverein, Einahmen und auch Spenden, die laut Christina Grompe ruhig zahlreicher sein könnten. Ein besondere Freude ist für die Projektleiterin die wachsende Zahl von Wandernadel-Kindern.

Seit 2011 gibt es für Mädchen und Jungen bis elf Jahre die Wander-Prinz und -Prinzessin. Knapp 2000 mal haben Kinder mit leuchtenden Augen so ein Abzeichen angenommen. Für sie hat Sarina-Maria Lesinski sogar ein Buch geschrieben: "Auf Stempeljagd mit Pumpelpütz und Schnarchschnuffel". Die beiden Figuren gehen auf Tour und sind kindgerechte Wegbegleiter auf den Stempelwegen durch den Harz. Vielleicht findet es ja jemand unterm Weihnachtsbaum und will gleich loswandern.

Vorher empfiehlt sich aber ein Blick ins Internet. Unter harzer-wandernadel.de stehen viele Informationen und auch Änderungen. Sperrungen wegen Baumfällarbeiten zum Beispiel. Oder Freigaben wie die für den Weg über die Hasselvorsperre am gestrigen Freitag.

Die 10. Wandernadel-Saison wird nun traditionell wieder im April 2015 gestartet. Gestempelt werden kann aber selbstverständlich auch bei Winterwanderungen.

Bilder