Halberstadt l Inspizient Bertram Beier gibt die letzten Anweisungen. In wenigen Minuten hebt sich der Vorhang für das Märchenballett "Die Schneekönigin" im Nordharzer Städtebundtheater. Doch zuvor überprüfen in der Garderobe Helga Gereke bei den Tänzern und Karola Besser bei den Tänzerinnen mit einem letzten Blick, ob die Kostüme sitzen.

Dabei richtet sich die Aufmerksamkeit von Helga Gereke und Karola Besser nicht nur auf das Äußerliche, immer haben sie mit Einfühlungsvermögen auch die Eigenheiten der Künstler im Blick. Manche sind in sich gekehrt, andere zu Späßen aufgelegt, wieder anderen tut ein aufmunternder Blick oder ein Wort gut. Danach richten sich die Beiden.

Während die Zuschauer das Geschehen auf der Bühne genießen, beginnt für die beiden Ankleiderinnen eine Stunde und sieben Minuten höchster Konzentration. Präzise wie ein Uhrwerk, gelassen und perfekt organisiert, sorgen die beiden Frauen dafür, dass alle Mitwirkenden genau das Kostüm tragen, das für die jeweilige Szene von Kordula Kirchmair-Stövesand, der Ausstatterin, festgelegt ist.

Ihre Arbeit beginnt jedoch weitaus früher. Zuerst legen Gereke und Besser für jeden der Mitwirkenden die notwendigen Kleidungsstücke fein säuberlich auf dem Stuhl bereit und zwar genau in der Reihenfolge des Auftritts, so dass das Anziehen möglichst effektiv vonstatten gehen kann. Und das bei jeder Aufführung und stets am selben Platz. Das ist immer so bei allen Produktionen, bei denen die beiden Ankleiderinnen tätig werden.

Wenn ein Kostüm in dieser Vorstellung nicht mehr gebraucht wird, räumt Helga Gereke es sofort weg, damit der Überblick nicht verloren geht. Ihre Kollegin Karola Besser macht es genauso. Hier darf es kein Vertun geben. Gerade "Die Schneekönigin" erfordert von den Mitwirkenden einen häufigen Kostümwechsel.

Mit Ausnahme der "Schneekönigin" und "Gerda" sind die weiteren Tänzer der Compagnie in drei bis fünf unterschiedlichen Rollen zu sehen. Eben noch ein Passant verwandelt sich Vinicius Augusto Menezes da Silva in Windeseile mit Unterstützung von Helga Gereke in einen Räuber oder in einen Eiskristall oder hilft Jaume Bonnin die Gamaschen als Wache anzulegen. Karola Besser hilft Ana Vila dabei, im Handumdrehen aus einer Großmutter zu einem Räubermädchen und wieder zurück zur Großmutter zu werden.

"Die Schneekönigin" bedeutet für Helga Gereke 18 Umzüge bei den Männern und für Karola Besser 14 Umzüge bei den Frauen. Beim Kinder- und Jugendballett hilft Ute Karadimow. Noreen Ring und Carolin Hein aus der Maske sind für die Kopfbedeckungen der Mitwirkenden zuständig. Für einen Umzug - das Zusammenspiel von Tänzer, Sänger oder Schauspieler, Ankleiderin und Kostüm - haben die beiden Frauen in der Regel nur drei bis vier Minuten zur Verfügung. Und das reicht den erfahrenen Ankleiderinnen. Helga Gereke ist seit 1972 beim Theater tätig und hat verschiedene Stationen durchlaufen. Nach dem Malsaal war sie in der Werbung und der Requisite tätig. Seit 1996 ist sie Ankleiderin. Karola Besser, die gelernte Schneiderin ist, kam 1992 an das Theater und ist dort seit 1994 Ankleiderin. Dabei umfasst die Bezeichnung Ankleiderin nicht das gesamte Aufgabenfeld. Denn Helga Gereke und Karola Besser machen mehr als nur An-, Aus- und Umziehen. "Wir kümmern uns darum, dass die Kostüme vor der nächsten Aufführung genauso aussehen wie vorher"; das bedeutet waschen, bügeln und reparieren lassen oder selbst reparieren.

Daher wird nach dem Ende eines Stückes erstmal sortiert: Was kann in den Fundus? Was muss in die Reinigung? Was kommt in die Waschmaschine? "An der Frau" haben sie immer Nähzeug, Sicherheitsnadeln ("Soubrettenzwirn", wie Helga Gereke sagt) und eine Schere, für den Fall, dass ein Knoten nicht aufgeht. Für die Gastspiele gibt es für jedes Stück eine Checkliste, nach der die Koffer und Kisten, unter anderem auch der Schuhkorb, gepackt werden. "Ich mache das schon 42 Jahre", sagt Helga Gereke, "da passieren Pannen selten. Außerdem haben wir alle Improvisationstalent. Das hilft immer weiter, wenn wie zum Beispiel vor Jahren im Bergtheater ein Frack gestohlen wurde."