Halberstadt ist in der Nacht vor Heiligabend knapp einer Brandkatastrophe entgangen. In einer Tiefgarage in der Straße Seidenbeutel brannte es. Beim Eintreffen der Feuerwehr waren die Flammen kurz vor dem Übergreifen auf Wohnungen. Zwei Polizisten wurden verletzt. War es ein Brandanschlag?

Halberstadt l Die Bewohner der Mehrfamilienhäuser Seidenbeutel 5 bis 7 in Halberstadt haben großes Glück gehabt. Dank einer 61 Jahre alten Frau, die gegen 23.30 Uhr Rauch wahrgenommen und sofort Polizei und Feuerwehr alarmiert hatte, und dank des mutigen Einsatzes zweier Polizisten kam es nicht zur Katastrophe. Die noch vor der Feuerwehr eingetroffenen Beamten evakuierten mitten in der Nacht die Bewohner. Dabei erlitten beide leichte Rauchgasvergiftungen.

"Sie konnten ihren Dienst aber nach einer medizinischen Untersuchung fortsetzen", sagte Polizeisprecher Peter Hartmann. Das Feuer, das stehe nach den bisherigen Ermittlungen fest, sei von gelben Säcken ausgegangen, die im Keller gelagert waren. "Wie die Säcke in Brand gerieten, ist allerdings unklar. Da ist vieles möglich, auch Brandstiftung", so der Polizeihauptkommissar.

In dem Mehrfamilienhaus-Komplex in der Halberstädter Altstadt ist in der Nacht vor Heiligabend kurz vor 23.30 Uhr längst Ruhe eingekehrt. Eine Anwohnerin, so berichtet es Carmen Behrmann von der Hausverwaltung, der Imas Immobilien Management Service GmbH aus Wernigerode, später, habe wohl Stimmen und Geräusche aus dem Bereich der Autostellplätze vernommen. Jene Stellplätze befinden sich gewissermaßen als Tiefgeschoss unter und hinter dem Mehrfamilienhaus mit drei Eingängen und insgesamt 35 Wohnungen. Kurz nach diesen Gesprächsfetzen habe es einen Knall gegeben und dann auch schon gebrannt.

Als der Notruf bei Polizei und Feuerwehr eingeht, sind Polizeiobermeister René Klaus und Hauptmeister Ulf Steinbrecher zusammen mit einem dritten Beamten gerade im Funkwagen in Halberstadt unterwegs. Sie setzen sofort Blaulicht. "Wir waren binnen drei Minuten im Seidenbeutel und haben schon die dicken Rauchschwaden aus den Kellerfenstern steigen sehen", berichtet Ulf Steinbrecher. Zusammen mit René Klaus lokalisiert er einen Haufen gelber Säcke in der Tiefgarage als Quelle. "Etwa ein Drittel der Säcke brannte, die Flammen schlugen schon bis zur Decke." Und dort sind Styropor-Platten verbaut.

Die Beamten sehen die Gefahr für die darüberliegenden Wohnungen im Haus Seidenbeutel 6: Der tiefschwarze, giftige Qualm zieht genau dorthin. "Irgendwer hat aus dem Fenster geschaut und wir haben nur gerufen: Los, alle schnell raus hier", berichtet der 45 Jahre alte Steinbrecher. Zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Partner dringt er ins verqualmte Treppenhaus vor und trommelt - weil die Klingeln schon nicht mehr funktionieren - an den Wohnungstüren.

"Wir sind immer wieder rein und haben die Leute rausgeholt", ergänzt René Klaus. Binnen vier, fünf Minuten sei es gelungen, alle acht Anwesenden im Alter zwischen 29 und 72 Jahren unverletzt aus dem Haus zu bringen. "Zum Schluss war der Qualm im Treppenhaus so dicht, dass wir nur noch mit Taschenlampe was sehen konnten." Draußen auf der Straße gleicht derweil der dritte Beamte via Funk mit den Kollegen im Revier die Namen der Evakuierten mit dem Melderegister ab. Wenig später Aufatmen: Alle im Haus gemeldeten Anwohner sind in Sicherheit.

Steinbrecher und Klaus, die selbstlos agiert haben, müssen jetzt erstmal selbst Luft holen. Hustenattacken schütteln sie, vor allem René Klaus hat es erwischt - die Lunge schmerzt. Er wendet sich an zwei Sanitäter, vorsorglich geht es zum Check in die Klinik. Die Ärzte können aber wenig später bei ihm und seinem Kollegen Entwarnung geben.

Die Feuerwehrleute kämpfen sich derweil durch die verqualmte Tiefgarage zum Brandort vor. Binnen Minuten frisst sich das Feuer voran und hinter dem Haus an der mit Styropor gedämmten Fassade hoch. "Als wir vor Ort eintrafen, waren die Flammen kurz vor den Fenstern in der untersten Etage", so ein Feuerwehrmann.

Den Löschtrupps gelingt es, das Übergreifen des Feuers auf die Eigentumswohnungen zu verhindern. Dennoch sind die Schäden im Garagenbereich sowie an Hausfassade und Fenstern immens. "Abschätzen kann ich die finanzielle Höhe des Schadens noch nicht", sagt Carmen Behrmann. Die Polizei spricht später von geschätzten 60 000 Euro, mindestens.

Am Morgen nach dem Brand wird das Ausmaß der Schäden erst richtig deutlich: Während die meisten Bewohner nach Abschluss der Löscharbeiten wieder in ihre Wohnungen zurückkönnen, müssen drei Betroffene bei Verwandten unterkommen. "Die Stromzuleitung für drei Wohnungen im linken Aufgang sind verbrannt und müssen neu installiert werden", sagt Carmen Behrmann.

Die Brandexperten der Kripo bestätigen später jenen Berg mit gelben Säcken als Ausbruchstelle des Feuers. Wie und wodurch die in Brand gerieten, bleibt jedoch unklar. Vieles ist möglich - auch Brandstiftung.

Brandstiftungen hatte es in den vergangenen Monaten in der Halberstädter Altstadt immer wieder gegeben. Mehrfach brannten Unrat oder Zeitungsbündel in Treppenhäusern und Kellern. Immer wieder setzten Unbekannte Kinderwagen oder zuletzt einen Rollstuhl in Brand. Anders als im Oktober 2013, wo ein Haus in der Gröperstraße komplett ausbrannte, konnten die Feuerwehren bei allen übrigen Fällen das Schlimmste verhindern.

So auch diesmal. "Verletzt wurde dank des mutigen Handelns der beiden Polizisten zum Glück niemand, das ist entscheidend", betont Carmen Behrmann erleichtert. Neben den Schäden am Gebäude wurden ein Auto komplett zerstört und drei weitere leicht beschädigt, so ein Polizeisprecher. Der Abstellkomplex selbst ist nach Carmen Behrmanns Worten frei zugänglich, ein Rolltor gibt es - bislang - nicht. Unbekannte könnten also problemlos zu den Autos und den gelben Säcken gelangt sein.

Zur Brandbekämpfung waren die Feuerwehren Halberstadt, Langenstein und Klein Quenstedt mit 32 Kameraden und acht Fahrzeugen bis etwa 2 Uhr nachts im Einsatz.

Für René Klaus, der ebenso wie Ulf Steinbrecher seit 1989 im Polizeidienst ist, werden in der Brandnacht übrigens Erinnerungen an einen Großbrand in Thale wach. Vor Jahren rettete er dort ebenfalls Anwohner. Als er hörte, dass noch Kinder im Haus waren, ging er immer wieder rein. "Am Ende wurden die Kinder vom Balkon gerettet und mein Gesicht war pechschwarz", erzählt er.

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