Thale l Vision mit sieben Buchstaben? Freibad. Oder besser: neues Freibad. Und, um genau zu sein, es ist längst keine Vision mehr, sondern greifbare Realität. Seit Monaten werkeln die Thalenser an ihrer neuen Wasserwelt, einem modernen Freibad mit großem Spielplatz. Die Eckdaten des Projektes lesen sich opulent: Insgesamt 2,4 Millionen Euro - zwei Drittel davon Fördermittel - buttern die Thalenser dort rein. Betrieben, erklärt Bürgermeister Thomas Balcerowski (CDU), werde die Anlage, die zum Kindertag am 1. Juni eröffnet werden soll, von den Akteuren des Thalenser Bauspielhauses.

Nicht nur diese Konstellation lässt aufhorchen, sondern die Entwicklung insgesamt. Während vielerorts im Harz-Kreis kommunale Freibäder vor der Schließung stehen und wegen leerer öffentlicher Kassen oft nur mithilfe von Fördervereinen überhaupt noch eine Perspektive haben, schwimmt Thale gegen den Strom.

Für den 42-jährigen Balcerowski hat das trotz des nahen Hexentanzplatzes freilich nix mit Hexerei zu tun: "Das ist eher Resultat von klaren Prämissen, die wir uns setzen, von Spielräumen, die uns unsere finanzielle Gesamtsituation ermöglicht, und letztlich auch von einigen Zufällen und Chancen, die wir genutzt haben." Worte eines Mannes, der betont, nur der Chef des Teams im Rathaus zu sein.

Um den Ursprung für die Entwicklung zu finden, ist ein Blick gut zehn Jahre zurück nötig. Damals klopfte eine kinderreiche Architekten-Familie aus Braunschweig im Rathaus an und überraschte den noch recht jungen Bürgermeister Balcerowski mit einer Idee. Ein großes Spielhaus, um Kindern auch in der schmuddeligen Jahreszeit Spielofferten zu bieten. Im Rathaus stießen sie auf offene Ohren, und schon bald hatte Thale sein Bauspielhaus.

"Das Problem solcher Häuser ist die Auslastung im Sommer", sagt Balcerowski. Deshalb hätten die Betreiber wieder im Rathaus angeklopft und sich nach den Plänen fürs brachliegende Freibad erkundigt. Das war vor 14 Jahren wegen der fehlenden Wasseraufbereitungsanlage geschlossen worden.

Spätestens mit der Anfrage bekam der Topf den passenden Deckel. "Die Spielhaus-Betreiber suchten eine unternehmerische Spielwiese für den Sommer und wir einen Partner beim Freibad-Neubau", so Balcerowski. Das Ergebnis: Ein Schwimmbad mit zwei Edelstahlbecken und einem Spielgeräte-Park entsteht gerade. Der Clou: Dank Spielplatz verlängert sich die Nutzungszeit der Anlage im Sommer.

Dass das Land zum Millionen-Projekt Fördermittel gibt, ist ein offenes Geheimnis. Trotzdem muss die Kommune erstmal die Eigenmittel aufbringen. Und das kann sie: Aktuell flössen die Gewerbesteuereinnahmen wieder gut. Für Balcerowski das Resultat einer seit der Wende gut angelegten Wirtschaftspolitik in Thale: "Ich glaube, der Wechsel von einer stark auf die Hüttenindustrie ausgerichtete Mono-Struktur zum modernen, breit aufgestellten Industriestandort ist gelungen."

Der Erfolg fußt aber nicht nur darauf: "Milch und Honig fließen hier auch nicht. Unsere Steuern und Gebühren sind recht hoch. Dazu kommt der Rotstift bei den Personalkosten", zählt der 42-Jährige auf. Mit 2,8 Stellen pro 1000 Einwohnern liege die Bodestadt unter der Empfehlung von 3,0 Stellen. All das habe sich im Verwaltungsetat 2014 mit 1,5 Millionen Euro Einsparungen ausgezahlt.

Mittel, die Thale Spielräume verschaffen und Entwicklungen ermöglichen, um die die Stadt schon mal beneidet wird. Wenn es darum geht, aus Visionen Ziele und daraus letztlich Ergebnisse zu machen, scheut Balcerowski auch Konflikte nicht. Immer wieder legt er sich dabei mit eigenen Parteifreunden an. In den Magdeburger Regierungsfluren kommt beim Namen Balcerowski nicht nur Begeisterung auf.

Zuletzt überraschte der umtriebige Rathaus-Chef mit einem privaten Wachdienst, der nachts innerorts auf Streife geht. Innenminister und Parteifreund Holger Stahlknecht reagierte wenig begeistert, auch Verkehrsminister und Parteifreund Thomas Webel sieht öffentlich keine Notwendigkeit. "Ich schon", entgegnet Balcerowski und erinnert an die Schließung des Polizeikommissariats mit ehemals 23 Beamten. "Davon sind uns zwei Regionalbereichsbeamte geblieben."

Der Einsatz der City-Streife sei zunächst auf ein Jahr Probe angelegt und koste weniger als 50 000 Euro. Dann müsse man weitersehen. Dass es auf Landesebene beim Sturm im Wasserglas blieb, ist wiederum der finanziellen Gesamtlage Thales zu verdanken. Zudem macht Balcerowski klar: "Ich bin zuallererst Bürgermeister der Stadt Thale und unter anderem auch in der CDU. Und ich bin nicht gleichgeschaltet und habe meinen eigenen Kopf."

"Milch und Honig fließen hier auch nicht. Unsere Steuern und Gebühren sind recht hoch."

Worte, die den Strategen im Rathaus beliebt machen. Nicht nur in der Stadt selbst, sondern auch im Kreis. Als der langjährige Landrat Michael Ermrich ging, wurde der CDU-Fraktionschef im Kreistag sofort als Nachfolgekandidat gehandelt. Er winkte ab. Bei der Kreistagswahl holte er im Sommer 2014 das mit Abstand beste Resultat.

Und er punktete zeitgleich bei der Stadtratswahl. Das persönliche Traumergebnis mündete auch in heftige Kritik, weil von vornherein klar war, dass der Bürgermeister ein Mandat nicht annehmen kann. Er trickse und verschaffe der CDU mit seiner Popularität Stimmen, so die Gegner. Er wolle die Akzeptanz seiner Politik ausloten, entgegnete Balcerowski.

Ob er bei der Bürgermeisterwahl am 22. März antritt, lässt er offiziell offen. "Es gibt nichts Schöneres, als in der Heimatstadt Bürgermeister zu sein." Dass die CDU ihn zum Monatsende nominieren und er annehmen wird, stellt niemand ernsthaft infrage. Spannend dürfte eine andere Frage sein: Wer tritt gegen den Bürgermeister, der 2001 mit 28 Jahren als jüngster Hauptamtlicher ins Amt kam, überhaupt an?

In Thale schreiben viele Einwohner die positive Entwicklung dem studierten Juristen zu. Er selbst versucht immer wieder, die Ergebnisse der zwei Legislaturperioden zu relativieren: "Wir haben noch viele Baustellen. Es fehlt in der Stadt an Bauplätzen. Auch bei der Straßensanierung hinken wir hinterher. Für mich haben aber Investitionen in Jobs Priorität."

Manche werden kritisch beäugt, andere als mutig bezeichnet. In die 2011 eröffnete Bodetal-Therme flossen Privatkapital und Landesmittel. Die Stadt hat sich indirekt auf Jahre festgelegt: "Wir zahlen 30 Jahre lang pro Jahr 487 000 Euro Defizitausgleich." Rund 15 Millionen Euro sind ein dicker Brocken. Gewiss, räumt Balcerowski ein. "Seit wir die Therme haben, sind aber unsere Steuer- und Kurtaxe-Einnahmen um mindestens 500 000 Euro gestiegen." Soll heißen: Der Dünger kostet weniger als die Früchte abwerfen. Und: Nach 30 Jahren sei die Stadt Eigentümer.