Stapelweise Kartons. Wer Ines Heyers Büro betritt, hält die fröhliche Frau für die Herrin der Kartons. Doch als Dramaturgiesekretärin hat sie weit aus mehr zu tun, als Kartons zu stapeln.

Halberstadt l Auf den Schränken türmen sich Kartons aller Größen. Auch neben der Tür stapeln sich die blassbraunen, gelblichen Pappbehälter.

Nein, Herrin der Kartons sei sie nicht, sagt Ines Heyer lachend. Aber bei ihr treffen fast täglich Päckchen und Pakete ein. Kümmert sie sich doch darum, dass die Musiker und Sänger die richtigen Noten zur Verfügung haben, die Schauspieler die gewünschten Textfassungen der neuen Inszenierungen. ".Zum Glück werden mir die meisten Kartons und Päckchen hochgebracht", berichtet die 52-Jährige. Die Retouren bringt sie selbst weg. Das ist manchmal echt Schwerstarbeit. Papier wiegt schwer. Aber auch das quittiert sie mit einem Lachen. "Ich bin quasi Stammkundin bei der Post."

Immerzu geht die Tür auf. Das Büro der Dramaturgiesekretärin gleicht einem Taubenschlag. Für jeden hat sie ein freundliches Wort, notiert sich rasch, was gebraucht wird, beantwortet Fragen. Das ist es, was sie so liebt an ihrem Job: Den Kontakt mit so vielen unterschiedlichen Menschen. Sie strahlt, als sie erzählt, wie es dazu kam. "Ich gehe jeden Tag gerne in mein Theater", sagt die gebürtige Blankenburgerin, die schon als Kind fasziniert war vom Spiel auf der Bühne. Am liebsten würde sie ja selbst auf der Bühne stehen, die Carmen geben, ihre Lieblingspartie. "Aber leider kann ich überhaupt nicht singen", sagt sie und schmunzelt. Auch wenn sie manchmal im Scherz zu Gerlind Schröder sage, eigentlich wäre sie die bessere Besetzung für diese Rolle. Wie aufs Stichwort öffnet sich die Tür und Ines Heyer lächelt Gerlind Schröder an, die gerade hereinstiefelt und fragt: "Hast Du meine Striche?"

Hat sie. Ein Griff in den großen Schrank, den richtigen Ordner geschnappt und schwupps, hält die beliebte Sängerin ihre Noten in der Hand. "Striche sind die Partien, die in den aktuellen Inszenierungen zum Einsatz kommen", erklärt Ines Heyer. "Es wird ja nicht immer alles komplett gesungen, was in den Partituren steht." Was gesungen wird, entscheiden die Regisseure.

Die beiden Frauen wechseln noch privat ein paar Worte, man spürt Vertrautheit. In diesem Jahr werden es 15 Jahre sein, die Ines Heyer im Theater arbeitet. Als sie ihre berufliche Laufbahn begann, ahnte sie nicht, dass der Weg sie mal ins erste Obergeschoss der Intendanz in Halberstadt führen würde.

Dabei hatte sie schon einmal fürs Theater gearbeitet, an den Städtischen Bühnen in Quedlinburg war sie an der Kasse tätig. Die Stadt ist seit Jahrzehnten ihr Zuhause, sie liebt ausgedehnte Spaziergänge durch die mittelalterlichen Gassen.

Die Mutter eines erwachsenen Sohnes sieht sich in der Theaterwelt als klassische Quereinsteigerin. Sie hat einen Abschluss als Wirtschaftskauffrau in der Tasche, den sie in der Abendschule erworben hat.

Als sie im Jahr 2000 las, dass am Nordharzer Städtebundtheater eine Dramaturgiesekretärin gesucht werde, bewarb sie sich. "Ich hatte ein gutes Gespräch mit Kay Metzger, der damals Intendant war. Und dann ging alles zack, zack." Obwohl sie von Musik zu diesem Zeitpunkt nicht sehr viel Ahnung hatte, wie sie sagt, arbeitete sie sich rasch in die Aufgaben ein, las, hörte, fragte.

Inzwischen kennt sie sich mit den vielen unterschiedlichen Aufgaben aus. "Dramaturgie ist vielfältig", sagt sie. Von ihrem Büro gehen zwei weitere Türen ab. Eine führt zu Susanne Range, der Musikdramaturgin am Haus, die andere zu Johanna Jäger, der jungen Schauspieldramaturgin.

"Mein Job wird nie langweilig", sagt die modebewusste Frau, sie muss herausfinden, welcher Verlag gerade die Rechte für das jeweils geplante Stück hat, bestellt Ansichtsexem-plare von Textbüchern, wenn nach der am besten zum haus passenden Text- oder Notenfassung für Stück gesucht wird. Sie bestellt die Noten für alle Orchestermusiker, Opern, Operetten, Musicals, Sinfoniekonzerte, rechnet die Gemagebühren ab, schickt die Verträge zu den Verlagen, sucht Adressen und Kontakte heraus, rechnet Tantiemen ab. Hinzugekommen sind noch die Betreuung von Archiv sowie Bibliothek des Theaters. Und ganz nebenbei hört sie eben zu, wenn Kollegen sich an sie wenden. Egal, ob es sich dabei um "meine geliebten Künstler", handelt, Mitarbeiter der Technik oder Bürokolleginnen. Die Welt des Theaters ist so ganz die ihre. Vielleicht, sinniert sie lächelnd, hat sie deshalb passenderweise am Welttheatertag Geburtstag.