Am heutigen Dienstag vor 25 Jahren hat Rhoden einen Grenzübergang in die Bundesrepublik bekommen. Anlass für eine Erinnerungsveranstaltung, die in Form eines Lichtbildervortrags stattfand.

Rhoden l Zwei Stunden hat Zeitzeuge Ulrich Köhler berichtet. Der Rhodener hätte sicher auch einige Stunden mehr erzählen können - Anekdoten, Hintergründe, Erläuterungen, die ihm auf der Zunge lagen, aber den Zeitrahmen am Sonntagnachmittag gesprengt hätte. Denn die rund 80 Besucher von Hessen bis Goslar, aus der Nachbarstadt Hornburg und dem Partnerort Gielde im vollen Gaststättenraum des Kulturhauses sollten nach dem Lichtbildervortrag auch noch miteinander ins Gespräch kommen, ihre Sicht auf die Grenze darstellen. Und das taten etliche noch bis in die Abendstunden. Auch dank der Rhodener Marktfrauen und der Feuerwehrmänner, die die Gäste reichlich bewirteten.

Ulrich Köhler und Gero Haarnagel hatten in aufwändiger Arbeit die Fotos für den Vortrag zusammengestellt. Der 10. Februar 1990 bildete dabei nur den Schlusspunkt.

Köhler ging in seinem Vortrag weit in die Geschichte zurück, berichtete über die natürliche Grenzlage schon vor tausend Jahren. Und es wurde eine Landkarte gezeigt, die die heutige niedersächsische Nachbarstadt Hornburg als Preußen und damit Halberstadt zugehörig darstellte. So wie Hessen braunschweigisch war, ehe einige Orte 1941 durch das Salzgitter-Gesetz die Länder wechselten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wechselten die Besatzer in Rhoden: erst die Briten, dann die Amerikaner und schließlich die Russen.

Ulrich Köhler vermied es, eine Schwarzweiß-Malerei in Sachen Grenze zu betreiben. "Die Grenzer waren hier in die Vereine integriert", sagte er. Sie stellten mitunter mehr als die halbe Fußballmannschaft des Dorfes. Er berichtete von einem Fall, wo sogar ein Politoffizier zwangsausgesiedelt worden war. Zwangsaussiedlungen angestammter Rhodener habe es nicht gegeben, obwohl es in drei Fällen beabsichtigt gewesen sei. "Bürgermeister Heinz Hartwig hat sich geweigert, das zu unterschreiben."

Die Grenze hat die Landschaft verändert. Als 1975 der Grenzturm auf dem Kleinen Fallstein errichtet wurde, ist der Kamm abgeholzt worden. Die Natur hat sich den Bergrücken zurückgeholt. "Wir hoffen, dass der Turm in die Denkmalliste eingetragen wird", sagte Köhler über eine Initiative des Ortschaftsrates. Es handele sich um den einzigen Grenzturm mit Klinkersteinen zwischen Ostsee und Tschechien.

Das Leben im Grenzdorf war mit Einschränkungen verbunden. "Rotkäppchenweg" wurde der Weg nach Osterode genannt, weil er von den Einwohnern nur am Tage benutzt werden durfte. Wer im Dunkeln in den Nachbarort wollte, musste fast 30 Kilometer Umweg über Osterwieck und Hessen fahren.

Köhler schilderte die Bürokratie für die Bauern der LPG Bühne, in der auch er arbeitete, um die Flächen zwischen den Grenzzäunen bewirtschaften zu können.

Einen Grenztoten habe es bei Rhoden gegeben. Aber keinen Flüchtigen, sondern einen Offizier. Eher ein Unglücksfall. "Wir Rhodener haben davon nichts mitbekommen."

Vier Tage nach dem Berliner Mauerfall gab es in Rhoden eine Einwohnerversammlung, an die Ulrich Köhler erinnerte. "Die werde ich mein Lebtag nicht vergessen." Die Einwohner forderten einen Grenzübergang nach Hornburg. Dieser wurde tatsächlich binnen fünf Tagen Realität, wenn auch zwischen Hoppenstedt und Hornburg. Am Vortag des 18. November war diese Grenzöffnung im Neuen Deutschland angekündigt worden. Köhler schilderte, in welch kraftraubender Tätigkeit die Mitarbeiter der Bühner LPG-Werkstattabteilung auf die Schnelle an einem "saukalten Tag" die alte Landstraße von der Hoppenstedter Aschekuhle bis zur Grenze freischnitten. Aus Rhoden waren private Motorsägen organisiert worden, weil sonst keine vorhanden gewesen wären.

Schließlich hätten die Rhodener einen zweiten Anlauf unternommen, einen Grenzübergang direkt am Dorf zu bekommen. Die Gemeinde habe etliche Auflagen für Strom, Wasser und Licht zum Grenzübergangspunkt bekommen, aber letztendlich seien sie nie erfüllt worden. Der Hornburger Bauhof habe an den Tagen vor der Grenzöffnung die Straße freigeräumt, bevor am 10. Februar um 12 Uhr "bei wunderschönem Wetter" an der Grenze und danach im Kulturhaus ein großes Volksfest mit Rhodenern und Hornburgern stattfand. Eines der letzten Fotos im Vortrag zeigte am Ortseingang das Schild "Herzlich Willkommen in Rhoden".

Ohne Wende würde Rhoden heute anders aussehen, ist Ulrich Köhler überzeugt. Es würde keine sanierten Straßen geben, "vor allem hätten wir keine Kirche mehr". Heute seien der Turm und das Dach in Ordnung, auch wenn innen noch einiges zu tun sei. Mit kräftigem Beifall dankten die Zuschauer Ulrich Köhler und Gero Haarnagel für diesen Nachmittag. Und manch Gast steckte auch noch ein Geldstück in die Spendendose des Kirchbauvereins.

   

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