Die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber in Halberstadt erlebt seit Monaten einen steigenden Zulauf. Immer wieder kommt es vor, dass Asylsuchende den Weg dorthin nicht finden. Ein Anwohner regt ein Leitsystem an und stößt damit bei den Verantwortlichen auf offene Ohren.

Halberstadt/Magdeburg l Die vierköpfige Familie aus Syrien hat es fast geschafft: Nach Wochen voller Entbehrungen sind sie ihrem vorläufigen Ziel nun ganz nahe: Die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber (ZASt) des Landes in Halberstadt. Allein: Das Quartett hat einen der allerletzten Züge erwischt, steht nun mutterseelenallein am Bahnhof und kennt weder den genauen Standort der ZASt noch den Weg dorthin. In ihrer Not klingeln die Flüchtlinge schließlich irgendwo, um sich durchzufragen.

Ein fiktive Szenario zwar, aber eines mit durchaus realem Hintergrund, wie Joachim Rösner aus Halberstadt am Lesertelefon berichtet: "Neulich erst haben abends um 22 Uhr bei mir Leute geklingelt und sich nach dem Weg zur ZASt erkundigt." Und das sei keineswegs das erste Mal gewesen, berichtet der Mann, der im näheren Umfeld der ZASt wohnt und selbst schon mit seinem Auto zum Chauffeur für Flüchtlinge geworden ist, wie er sagt.

"Es ist kein Thema, ich mache das ja gern. Aber irgendwie muss das doch anders zu lösen sein", sagt er. Und Rösner hat auch gleich einen konkreten Vorschlag: Ein Ausschilderungssystem, mit dem Asylsuchende vom Bahnhof zu der in den Thekenbergen am Stadtrand gelegenen ZASt geleitet werden. Eines, das es auch ortsunkundigen Deutschen ermöglicht, mit Auskünften zu helfen.

Ein Vorschlag, der bei Constantin Schnee sofort auf Zustimmung stößt. Schließlich kennt der Leiter der Bahnhofsmission das Problem nur zu gut: "Tagsüber versuchen wir, alle ankommenden Asylsuchenden am Zug in Empfang zu nehmen und dann - mit Fahrscheinen versorgt - zum richtigen Bus zu begleiten." Schnee kennt aber auch das große Aber: "Es kommen immer mehr Betroffene in Halberstadt an, die Zahl steigt deutlich." Deshalb könne es passieren, dass Missionsmitarbeiter gerade einem Rollifahrer helfen und sie den Asylsuchenden schlichtweg übersehen. Denn, so Schnee, letztlich wisse niemand, wann und mit welchem Zug die Betroffenen vor Ort ankommen.

Ein Umstand, der vor allem dem Zuweisungssystem geschuldet ist: Begehren Ausländer in Deutschland Asyl, werden sie nach der Erstregistrierung nach einem speziellen Schlüssel auf die Länder verteilt. Den Weg in die jeweiligen Erstaufnahme-Unterkünfte nehmen sie im Normalfall per Bahn. Wann sie am Zielort - beispielsweise Halberstadt - ankommen, weiß niemand ganz genau.

So kann es passieren, dass nachts nach 22 Uhr, wenn der Bahnhof längst geschlossen ist, eine Familie am Bahnhof strandet und nicht weiter weiß. Zwar versuchten die Helfer der Bahnhofsmission, ein möglichst dichtes Hilfenetz zu spannen, versichert Schnee. Abends übernehmen ehrenamtliche Helfer der Liebfrauengemeinde die Aufgabe. "Trotzdem kann es passieren, dass uns jemand buchstäblich durchs Netz geht", räumt der Chef der Bahnhofsmission ein. "Ein Ausschilderungssystem und ein guter Stadtplan im Bahnhof, wären daher absolut hilfreich", sagt er.

Mit ihren Vorschlägen stoßen Constantin Schnee und Joachim Rösner bei den Verantwortlichen auf offene Ohren. Von der Volksstimme mit dem Problem konfrontiert, reagiert Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Henke (Linke) sofort: "Ich sehe hier wirklich Bedarf und werde das Thema gleich am Donnerstag mit in die Dienstberatung nehmen", kündigt er an.

Als erste konkrete Reaktion verspricht er einen Stadtplan im Bahnhof. "Wir suchen gerade einen optimalen Standort - ganz sicher wird dann auch die ZASt im Plan integriert."

Auch hinsichtlich einer Ausschilderung ist Andreas Henke offen: "Es stellt sich natürlich die Frage, wie man den Hinweis auf die ZASt so formuliert, dass ihn auch Ausländer verstehen. Wir werden das Thema aber angehen und nach Lösungen suchen", versichert der Oberbürgermeister.

Mit der Unterstützung des Landes kann er dabei rechnen: Im Innenministerium seien die Probleme, die Constantin Schnee aufgrund des großen Zustroms skizziert hat, bekannt, bestätigt Sprecher Michael Kraska. "Wir werden deshalb prüfen lassen, ob Neuankömmlingen das erstmalige Aufsuchen der ZASt mit ergänzenden Schritten erleichtert werden kann." Eine verbesserte Ausschilderung des Weges vom Bahnhof in die ZASt sei ebenso denkbar wie das Anbringen einer Informationstafel im Bahnhofsbereich.

Gut möglich, dass OB Henke und Vertreter des Innenministeriums in dieser Frage schon bald gemeinsam nach Lösungen suchen. Auch die Kreisverwaltung werde sich einer Mitwirkung nicht verschließen, betont Sprecherin Ingelore Kamann.

Signale, die Constantin Schnee und dessen ehrenamtliche Mitstreiter ebenso freuen dürften wie Anwohner Joachim Rösner. Schnee erinnert an das existierende Ausschilderungssystem in der Stadt und sieht nicht nur mit Blick auf die ZASt Ergänzungsbedarf: "So wie auf Bahnhof, Polizei, Krankenhaus, Staatsanwaltschaft und Arbeitsagentur hingewiesen wird, sollten auch ZASt, Kleiderkammer und Sozialamt ausgeschildert werden." Zudem regt Schnee Info-Tafeln direkt am Bahnhof an. So sollten Flüchtlinge dort mehrsprachig auf Besonderheiten hingewiesen werden.

Und: Constantin Schnee ist als Praktiker vor Ort gern bereit, sich in eine Diskussion, mit persönlichen Ideen und Vorschlägen einzubringen.