Halberstadt l Vorträge und Ausstellungen sind es, die für die meisten Halberstädter das Gleimhaus ausmachen. "Das ist das, was sozusagen vor der Tür geschieht. Wichtig ist aber auch, was hinter der Tür passiert", sagt Ute Pott.

Die promovierte Germanistin ist nicht nur ein bekennender Fan des 18. Jahrhunderts, sie hat wichtigen Anteil daran, dass das Gleimhaus mehr und mehr auch seiner Aufgabe als Forschungsstätte gerecht wird. Wobei sie das so nie unwidersprochen stehen lassen würde. Ute Pott wird nicht müde, ihr Team zu loben, die Mitarbeiter, die gemeinsam mit dem Vorstand des Förderkreises mit großer Begeisterung das Gleimhaus auf Erfolgskurs gebracht haben und auf diesem Kurs halten wollen.

Sammeln, Bewahren, Erforschen sowie Vermitteln und Ausstellen, all das prägt den Museumsalltag. Die aktuelle Ausstellung über das Buchpatenprogramm zeigt, wie Bücher für die Forschung wieder zugänglich wurden. Außerdem haben die Mitarbeiter in den vergangenen Jahren auch viele neue Aufgaben übernommen.

Nun bemüht sich der Förderkreis des Gleimhauses als Träger dieses besonderen Kleinods in der deutschen Museumslandschaft darum, Bedingungen zu schaffen, die die Arbeit des Hauses sichern und weiter voranbringen. "Doch dazu brauchen wir eine politische Willensbildung in der Stadt und dann auch im Land. Zunächst geht es jedoch um eine neue vertragliche Vereinbarung mit der Stadt ab 2016, die bis zum Sommer gefunden werden muss", sagt die Museumschefin.

Das Land schätze die Arbeit in diesem Halberstädter Museum, was sich auch in der Forderung widerspiegele, das Profil als Forschungseinrichtung zu schärfen. Das heißt unter anderem, dass das Haus Landesaufgaben wahrnimmt. "Ich verbringe einen großen Teil meiner Arbeitszeit deshalb außerhalb Halberstadts", sagt die Wahl-Halberstädterin. So berate man andere Einrichtungen in der Arbeit mit deren literarischen Sammlungen. "Dazu kommt die umfangreiche Netzwerkarbeit, die wir hier leisten und die auch eine landes- und bundesweite Aufgabe ist", erklärt Ute Pott.

Außerdem unterstützt die Restauratorin des Gleimhauses andere Museen und Sammlungen bei den Aufgaben zur Sicherung und Restaurierung von Papierbeständen und Büchern.

Bei all dieser Vielfalt der Arbeit, und das freut Ute Pott besonders, erfinde sich das Gleimhaus nicht neu, sondern alle diese Arbeiten fußen bereits auf dem Wirken des Mannes, dessen Namen das Haus trägt und dessen umfangreichen Nachlass es verwaltet. Die Erweiterung der Sammlung sei etwas, was schon Johann Wilhelm Ludwig Gleim betrieben habe. Gleim war zudem "ein Netzwerker vor dem Herrn", sagt Ute Pott. Die umfangreich erhalten gebliebene Korrespondenz des Domsekretärs mit den Geistesgrößen seiner Zeit sei beredtes Zeugnis dafür. Auch die kulturelle Vermittlungsarbeit, die zu den wesentlichen Aufgaben eines Museums zähle, finde sich schon bei Gleim. "Er hat mit armen Nachbarskindern lesen geübt, ihnen Bücher geschenkt. Er hat junge Künstler seiner Zeit finanziell und ideell unterstützt und er hat die Idee einer Schule der Humanität entwickelt, auf die wir uns auch heute in unserer Arbeit berufen."

Die Ausstattung dieser Schule, deren Konzept Johann Gottfried Herder weiter entwickeln sollte, hatte Gleim mit seinem Vermögen gesichert. "Gleim war keiner der großen Theoretiker der deutschen Aufklärer, er war jemand, der diese Ideen praktisch vorlebte und uns damit auch heute noch Vorbild ist", sagt Ute Pott. Die Zeit der Aufklärung sei ein wichtiges Scharnier zum Verständnis der Gegenwart, ist sie überzeugt. Denn vieles, was heute über Individualität, Verantwortung, Toleranz diskutiert werde, finde sich bereits in den Debatten der Aufklärungszeit wieder. "Das macht die Arbeit hier ja so spannend, wir können mit allen Angeboten in der Vermittlungsarbeit immer auf Geistesgrößen, Ideen und auch Objekten aus Gleims Zeit aufbauen und sind mittendrin in aktuellen gesellschaftlichen Debatten."

Dass es gelungen sei, das Haus als Forschungsstätte bekannter zu machen, freut die Wissenschaftlerin. So seien immer wieder Studenten im Gleimhaus zu Gast, die die einmaligen Sammlungsbestände für ihre Bachelor- oder Masterarbeiten nutzen. "Wir sind für die Universitäten und Hochschulen interessant geworden."

Um diese Entwicklungen weiter auszubauen, die das Ansehen Halberstadts positiv stärken, müssten ein paar räumliche Veränderungen erfolgen. "Wir benötigen mehr Nutzungsflächen und müssen dringend die Bedingungen im Magazin verbessern", sagt Pott. Doch um Schadstellen am Dach und am Übergang vom Alt- zum Neubau dauerhaft zu beseitigen, müsste viel Geld investiert werden. Drei wichtige Quellen können Bund, Land und Stiftungen sein, auf die die Stadt und der Förderkreis zugehen wollen. Trotz aller Schwierigkeiten sei sie optimistisch, sagt Pott, dass man wie bisher sowohl für den Betrieb des Museums und seine vielen Aufgaben als auch für die baulichen Fragen mit der Stadt Halberstadt eine Lösung findet. "Hoffnung", sagt Pott und lacht, "ist übrigens auch ein großes Prinzip des 18. Jahrhunderts".