Das vierte und damit vorletzte Gespräch der Reihe 25 Jahre Nachwende des Nordharzer Städtebundtheaters fand im Städtischen Museum viele interessierte Gäste. Das Thema lautete: "Von der Unterstadt zur Altstadt".

Halberstadt l Der Ort für die Diskussionsrunde war ebenso mit Bedacht gewählt wie die Gesprächspartner. So hatte Schauspieldramaturgin Johanna Jäger inmitten der Schautafeln der aktuellen Sonderausstellung des Museums zu 25 Jahre Wendezeit Siegrun Ruprecht von der Abteilung Stadtplanung, den langjährigen Baudezernenten Rainer Schöne und den Bildhauer Daniel Priese, dieses Mal in seiner Eigenschaft als Gründer und 1. Vorsitzender der Initiative "Reko statt Abriss", eingeladen. Bilder, Plakate und Transparente der friedlichen Revolution in Halberstadt der Sonderausstellung, wie "Wenn Häuser sprechen könnten, würden sie schreien"! unterstrichen zusätzlich den Charakter des Treffens.

Im Rückblick war es ein in vielerlei Hinsicht besonderer Abend. Zunächst waren mehr Zuhörer als ursprünglich erwartet gekommen, wie Museumschef Armin Schulze erfreut feststellte. Und dies zu einer Zeit, die vielleicht nicht unbedingt ideal für öffentliche Diskussionen ist: 18 Uhr am Sonnabend. Indiz dafür, dass das Thema einen Nerv der Halberstädter getroffen hat. Zweitens klinkten sich die Zuhörer im Lauf des Abends zunehmend in das Gespräch ein. Manche "Untiefe" im Fluss des Gespräches konnten dank der geschickten Gesprächsführung durch Johanna Jäger "umschifft" und sich wieder auf das eigentliche Gesprächsthema zu konzentriert werden.

Im ersten Teil des Abends, der unter der Überschrift subsumiert werden kann: "Vom Synonym für Verfall und Abriss von Häusern zur Modellstadt für Stadtsanierung" sprach die Moderatorin mit Daniel Priese über die Rolle der 1989 entstandenen Bürgerinitiative "Reko statt Abriss". Und die damit die Rettung der Altstadt zu einem der großen Themen der friedlichen Revolution in Halberstadt gemacht hatte.

Mit Rainer Schöne, der nach der politischen Wende die bauliche Entwicklung Halberstadts maßgeblich gelenkt und geleitet hatte, und mit Siegrun Ruprecht sprach Johanna Jäger vor allem über die 1990er Jahre. Und wie auch schon bei Priese schwang die Euphorie der Aufbruchsstimmung jener Zeit mit, wenn Ruprecht und vor allem Schöne die entscheidenden Momente zur Rettung der Altstadt in die Erinnerung zurückriefen: die finanzielle und materielle Unterstützung aus Niedersachsen zur Notsicherung der Altbauten, die Bildung des Sanierungsfonds Halberstadt, des späteren Kuratoriums Stadtentwicklung, heute Kuratorium Stadtkultur Halberstadt bis hin zur Aufnahme Halberstadts im Frühsommer 1990 als einziger Stadt Sachsen-Anhalts in das Modellstadtprogramm der Bundesregierung. Die enormen Sicherungs- und Sanierungsausgaben waren nicht allein mit kommunalen Mitteln zu bewältigen. Auf den Einwurf aus dem Kreis der Zuhörer, dass der Verfall der Altstadt ideologisch gewollt gewesen sei, entgegneten die Podiumsgäste unisono, dass dafür ein Konvolut von Fakten ursächlich sei, beginnend mit der Zerstörung der Stadt, über Engpässe bei Material und Arbeitskräften, der Notwendigkeit, neuen Wohnraum zu schaffen bis hin zur Attraktivität der Neubauten - aus damaliger Sicht - auch für viele Bewohner der Altstadt. Dass es auch Gegenbewegungen gab, wurde am Beispiel von Karlheinz Thielemann deutlich gemacht, der nichts unversucht ließ, um sein intaktes Haus am Johannesbrunnen vor dem Abriss zu retten.

Den Übergang zur Gegenwart gestaltete Siegrun Ruprecht, die an ausgewählten Beispielen Vorhaben zur weiteren Entwicklung der Altstadt mit und für die Bürger darstellte, wie die Bürgergärten, die aus Abrissflächen in der Judenstraße kleine grüne Oasen gemacht haben.

Ruprecht verwies bewusst in diesem Zusammenhang auf das "Integrierte Stadtentwicklungskonzept Halberstadt 2025" ((ISEK), dessen Schwerpunkte sie kurz darstellte und das im Internet einsehbar ist. Einmal im Jetzt und Heute angekommen, nutzten zahlreiche Zuhörer die Gelegenheit für Fragen und kritische Anmerkungen zur Stadtentwicklung. Wie beispielsweise, dass die Stadt in die Landschaft ausfranse und sich in der Mitte Leere breitmache, sie einen "dörflichen Charakter" annehme, und dass es keine Visionen zur weiteren Entwicklung der Stadt gebe bis hin zu dem Vorschlag, zweimal im Jahr öffentlich zusammenzukommen, um über Fragen der Stadtentwicklung, gern auch unter der Leitung des Theaters, zu diskutieren. Gegenstand der Nachfragen waren die Umgehungsstraße, das Bebauungskonzept Kühlinger Straße, die Bebauung Abtshof und die faulenden Holztüren der Gewölbe unter der Peterstreppe aufgrund des zu kurzen Wasserablaufes.

Angesichts der fortgeschrittenen Zeit setzte Johanna Jäger den Schlusspunkt, nicht ohne Podiumsgästen und Zuhörern zu danken. Sie lud zugleich zur letzten Veranstaltung der Gesprächsreihe ein, die am 18. März in der Kammerbühne stattfinden wird.