Halberstadt/Quedlinburg l Geschichtsbetrachtung einmal anders. Die bietet das Schauspiel "Der Stein" von Marius von Mayenburg. Am Beispiel von drei Generationen - Großmutter, Tochter und Enkelin - wird die deutsche Geschichte seit Mitte der 1930er Jahre in ihren Auswirkungen auf eine Familie abgehandelt. Schlüsseldaten der Handlung sind die Jahre 1993, 1978, 1945 und 1935.

In einer Matinee beim Dachverein Reichenstraße in Quedlinburg stellten Regisseur Hannes Hametner, die betreuende Dramaturgin Johanna Jäger sowie die Schauspieler Sybill Güttner-Selka, Marie-Luis Kießling, Lisa Marie Liebler, Julia Siebenschuh und Gerold Ströher das Stück vor.

Die Handlung setzt im Jahre 1993 ein und spielt laut Textvorlage in der Nähe von Dresden. Sie kann aber ebenso gut in Halberstadt oder Quedlinburg spielen, so Hametner. Auf jeden Fall in den neuen Bundesländern, da hier das Gesetz "Rückgabe vor Entschädigung" zur Anwendung kam und Auslöser für die im Stück behandelte Rückgabe eines Hauses an die früheren Besitzer ist. Ob diese tatsächlich die rechtmäßigen Besitzer sind, steht in Frage.

Einen ersten Eindruck davon, wie es Marius von Mayenburg gelingt, dem Stück eine rätselhafte Krimi-Atmosphäre zu geben, vermittelte die Lesung mit verteilten Rollen. Von hinten, also von 1993, mit raffinierten Zeitsprüngen aufgerollt, und nicht ohne Situationskomik, machten die Schauspieler nach und nach die Lebenslüge einer Familie sichtbar, die unter fragwürdigen Umständen 1935 in den Besitz des Hauses gekommen ist.

Urheberin dieser Wahrheitsklitterung ist die Großmutter Witha, die in allen Zeitebenen präsent ist. Die Hauptfigur wird von Sybill Güttner-Selka gespielt. Sie kennt als einzige die Familiengeschichte, setzt aber nur teilweise die Familienmitglieder davon Kenntnis.

Meistens nur dann, wenn die Fragen der aufmüpfigen Enkelin (Lisa Marie Liebler), auf der der Fokus der Inszenierung liegt, keine andere Alternative zulassen. Denn sie ist die einzige der drei Frauen, der dieses Haus nicht gefällt, hingegen ihre Mutter (Marie-Luis Kießling) "mit dem Haus verheiratet zu sein scheint".

Der gedeckte deutsche Kaffeetisch ist der zentrale Ort im Stück (Bühnenbild/ Kostüm Giovanni de Paulis). Hier pflegt die Familie Erinnerungskultur, hier wird verschleiert oder entschleiert, je nach Interessenlage.

Ein wichtiger Motor der Erinnerung ist neben äußeren Indizien das Gewissen, so der Regisseur. Darum erscheinen Witha die Figuren der Vergangenheit: die Jüdin (Mona Luana Schneider), ihr nachträglich zum Widerstandskämpfer umgedeuteter Nazi-Ehemann (Gerold Ströher) und das DDR-Mädchen (Julia Siebenschuh), das so manche neue Informationen bereithält. Alle drei verbindet, dass sie die Lebenslüge von Witha zunehmend in Frage stellen. Dass das Stück eigentlich "Der Stein" heißt, rückte bei der Matinee über das von Gespenstern bewohnte Haus in den Hintergrund.

So bleibt es den Zuschauern der Aufführungen überlassen, auch nach dem Willen der Theaterleute, seine Funktion in der Dramaturgie des Stückes zu entdecken. Wie sehr die Darlegungen von Hametner und Jäger sowie die schauspielerische Darstellung die Zuhörer fesselten, bewies der Wunsch nach einer Nachbetrachtung der Inszenierung. Diesem wurde gern entsprochen. Am 6. März hat das Schauspiel "Der Stein" im Großen Haus Quedlinburg Premiere.