Hüter des Domschatzes Halberstadt ist Klaus-Dieter Kretschmer fast zehn Jahre gewesen. Die Kunstwerke sind ihm ans Herz gewachsen. Jetzt ist der Wachmann in den Ruhestand verabschiedet worden. Künftig will er als Gästeführer im Dom "arbeiten".

Halberstadt l Gold, Silber, Edelsteine, kostbare Kunstwerke hat Klaus-Dieter Kretschmer als Schatzwächter behütet. Für den Wachmann vom ersten Tag an ein ganz besonderer Arbeitsplatz - ein geschichtsträchtiger, der ihn im zurückliegenden Jahrzehnt auch geprägt hat.

"Im Dom habe ich nicht nur meine Brötchen verdient, sondern meine Liebe zum imposanten Bauwerk und seinen einmaligen und wunderschönen Kunstschätzen entdeckt", kommt Klaus-Dieter Kretschmer ins Schwärmen. Darum hält der 63-Jährige Dom und Domschatz auch nach seiner Verabschiedung in den Ruhestand die Treue. Zwar nicht mehr als Schatzwächter, dafür als Schatzführer.

Dem gebürtigen Thüringer, den die Liebe zu seiner späteren Frau nach Halberstadt führte, ist der Job des Schatzwächters nicht in die Wiege gelegt worden. Als Bauarbeiter war er 30 Jahre seines Arbeitslebens auf Montage. Später folgten ein vom Arbeitsamt vermittelter Lehrgang im Sicherheitsdienst und die Anstellung bei der SSH Halberstadt.

"Sechs Stunden pro Schicht im Dom stehen, im Winter bei nur sechs bis acht Grad - nicht immer ein pures Vergnügen. Das war nur mit dicken Unterhosen auszuhalten."

Klaus-Dieter Kretschmer

"Mein erster Job als Wachmann begann am 8. September 2006 im Halberstädter Dom", erinnert sich Klaus-Dieter Kretschmer, als ob es gestern war. Bis auf wenige Wochen in der Umbauphase für die neue Domschatzausstellung hat er fast zehn Jahre jeden Arbeitstag in seiner blauen Dienstuniform im Gotteshaus verbracht. "Ich möchte keinen Tag davon missen", blickt er mit Stolz auf diese Zeit zurück. Obwohl es teils ein harter Job war, sagt der ehemalige Wachmann, der seit dem 1. April Rentner ist. "Sechs Stunden pro Schicht im Dom zu stehen, im Winter bei nur sechs bis acht Grad Celsius - nicht immer ein pures Vergnügen. Das war nur mit dicken Unterhosen auszuhalten." Allerdings hat nicht nur die Kälte bei Klaus-Dieter Kretschmer für Gänsehaut-Schauer gesorgt. "Es sind vor allem die teilweise über 1000 Jahre alten Kunstwerke und ihre Geschichten, vor denen ich Ehrfurcht habe."

Den 13. April 2008 wird Kretschmer nie vergessen. Der schönste Tag seiner Dienstzeit - die Neueröffnung der Domschatz-Ausstellung. Bei deren Aufbau hatte der Wachmann selbst mit Hand angelegt. Überhaupt war es für Klaus-Dieter Kretschmer selbstverständlich, mehr zu tun, als das, wofür er bezahlt wurde, berichtet Domschatz-Sprecherin Claudia Wyludda. "Er half, wo Hilfe notwendig war. Selbst defekte Glühbirnen wechselte er aus."

Mit Langfingern, die es auf die Kostbarkeiten abgesehen haben, hat es der Wächter nie zu tun bekommen. "Gott sei Dank war es immer ruhig", ist Klaus-Dieter Kretschmer froh. Dafür musste er Zehntausenden von interessierten Touristen aus nah und fern auf die Finger schauen. Was wortwörtlich zu nehmen ist. Denn eines ist im Domschatz strengstens verboten: das Anfassen und Fotografieren der Kunstwerke. "Darauf habe ich den einen oder anderen Besucher freundlich aufmerksam machen müssen."

Aufmerksam hat Klaus-Dieter Kretschmer in diesen Jahren unzählige Führungen verfolgt und das Wissen über die Kunstschätze im Dom begierig wie ein Schwamm aufgesogen. Seit der Eintritt in den Ruhestand näher rückte, hatte er einen großen Wunsch: dieses Wissen als Domschatzführer weiterzugeben. Der könnte bald in Erfüllung gehen.

"Aus dem Wachmann ist im Lauf der Jahre ein kundiger Experte der Kunstwerke im Dom und ihrer Geschichte geworden", wie Claudia Wyludda bescheinigt. Klaus-Dieter Kretschmer trennt nur noch eine Probeführung von seinem großen Wunsch. Ist die erfolgreich, kann er künftig den Besuchern des Domes und des Schatzes auch sein Lieblings-Ausstellungsstück präsentieren, den Kalvarienberg aus dem Jahr 1460 mit seiner spannenden Geschichte. Für die Volksstimme erzählt Klaus-Dieter Kretschmer sie schon einmal:

"Der Halberstädter Kalvarienberg ist aus Alabaster gearbeitet. Drei Kreuze sind zu sehen, die trauernden Maria und Johannes sowie drei beeindruckende Figurengruppen. Die dritte, die unter dem Kreuz Jesu, kehrte nach der Auslagerung im Zweiten Weltkrieg als eines von wenigen Stücken nicht in den Dom zurück. Es tauchte in den 1990er Jahren in München im Kunsthandel auf und wurde versteigert. Die Stiftung Dome und Schlösser konnte, obwohl die Herkunft des Stückes klar war, nicht intervenieren. Das Kunstwerk reiste sogar noch in die USA, bevor die Kulturstiftung der Länder das Relief für den Halberstädter Domschatz zurückerworben hat." Die Summe, die dafür floss, ist bis heute ein gut gehütetes Geheimnis.