Vor 70 Jahren wurde das Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge befreit. Nachkommen der damaligen Häftlinge haben sich aus diesem Anlass zu einem Gespräch mit Schülern im Harzkreis getroffen. Daran teilgenommen haben auch Elftklässler des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums.

Halberstadt l Überlebende des Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge und deren Nachkommen haben am Freitag das Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Halberstadt besucht. Dort sprachen sie mit Schülern über ihre Vorfahren und deren Schicksal, die Vergangenheit und die Gegenwart.

Claude Sampson, sein Enkel Michael, Annie und Francois Peltre sowie Danielle Grosperrin haben sich zwei Schulstunden lang mit Schülern der elften Klassen unterhalten. Die einen haben ihren Großvater in Langenstein verloren, die anderen berichten von ihrem Vater bzw. Urgroßvater, der das Lager überlebte.

Claude Sampson sprach über seinen Vater Henri, der als einer der wenigen das Konzentrationslager überlebte. Sein Vater habe Glück gehabt, berichtet der Sohn. Als Elektriker habe er nicht die schwere körperliche Arbeit im Stollen verrichten müssen, an der so viele Häftlinge gestorben sind. Zudem sei er einer der wenigen Häftlinge gewesen, die das Lager verlassen durften. Grund: Viele dringend benötigte Handwerker waren an der Front. Als Henri Sampson zur Reparatur einer Wasserpumpe in Langenstein herangezogen wurde, habe ein kleines Mädchen versucht, dem Häftling Brot zu geben. Drei Mal sei es von der SS vertrieben worden, sagt Claude Sampson.

Sein Vater wurde als französischer Widerstandskämpfer von den französischen Vichy-Behörden zur Zwangsarbeit verpflichtet. Nachdem er versucht hatte, sich über die Pyrenäen abzusetzen, wurde er von Polizisten des Kollaborationsregimes verhaftet und über Buchenwald und Auschwitz nach Langenstein gebracht.

Zusammen mit mehr als 3000 anderen Häftlingen ist Henri Sampson am 9. April zum Todesmarsch aufgebrochen. Nach drei Wochen Irrweg durch die noch nicht von den Alliierten besetzten Teile Deutschlands, war Sampson einer der wenigen Überlebenden des Marsches gewesen, sagt sein Sohn. Henri Sampson gelang die Flucht. Nach mehreren Tagen Irrweg in Richtung Osten, wo die Wehrmacht schon vertrieben war, wurde er schließlich von Soldaten der Roten Armee aufgenommen, versorgt und nach Cottbus gebracht. Von dort gelangte er zu den US-Behörden nach Leipzig. Erst am 7. Juni sei sein Vater wieder in Frankreich gewesen, erzählt Claude Sampson.

Als Résistance-Kämpfer nach Langenstein verschleppt

Langenstein-Zwieberge nicht überlebt hat Paul Grosperrin. Am Freitagvormittag sitzen seine Nachkommen Danielle Grosperrin sowie Annie und Francois Peltre im Klassenraum des Kollwitz-Gymnasiums. Sie habe erst spät herausgefunden, dass ihr Großvater in Langenstein-Zwieberge war, sagt Danielle Grosperrin. Paul Grosperrin war Käseproduzent. Als in Frankreich das Kollaborationsregime von Vichy errichtet wurde, schloss er sich der Widerstandsbewegung Résistance an und versorgte diese unter anderem mit falschen Pässen. Grosperrin wurde an die Behörden verraten und am 4. September 1944 verhaftet - nur wenige Tage vor der Befreiung seiner ostfranzösischen Heimatregion.

Paul Grosperrin starb am 4. Januar 1945 in der Stollenanlage von Langenstein-Zwieberge. Die Nazis nannten dies "Vernichtung durch Arbeit".

Wie nach all den Grausamkeiten die heutige Meinung über die Deutschen in Frankreich ist, wollen einige Schüler wissen. "Vergeben, aber nicht vergessen", sagt Annie Peltre. Die Generation ihres Großvaters habe noch ein ablehnendes Bild der Deutschen gehabt, zu stark dominierten die Erinnerungen an Deportationen, Zerstörung und Besatzung.

Als die Halberstädter Schüler mehr über die Kollaborateure, das Vichy-Regime und den Umgang mit diesen dunklen Seiten der eigenen Geschichte im heutigen Frankreich erfahren möchten, antwortet ihnen Michael Sampson, Urenkel von Henri Sampson, dass es kaum einen detaillierten Unterricht zu diesem Thema an französischen Schulen gebe.

Danielle Grosperrin möchte schließlich wissen, wie die Schüler das Gespräch mit den Nachkommen empfinden. Es sei "besser, direkte Berichte zu hören", sagt ein Schüler.

Neonazi-Ideologie soll keine Chance haben

Die Gespräche mit Zeitzeugen und ihren Nachkommen sind Teil eines Projekts. Die elften Klassen sollen so Führungen durch die KZ-Gedenkstätte für Fünftklässler vorbereiten. Seinen Anfang hat das Projekt nach dem Neonazi-Überfall auf Schauspieler in Halberstadt genommen. Das war vor acht Jahren, das Projekt läuft noch immer. "Sie haben sicher gehört, dass es in Halberstadt immer wieder Probleme mit Neonazis gibt", sagt Schulleiterin Regina Zimmermann zu den Gästen aus Frankreich. Mit dem Projekt sollen nun bereits Schüler der untersten Klassenstufen erreicht werden, um sie unempfindlich gegen Neonazipropaganda zu machen.

Auch Claude Sampson holt die Schüler nach dem Gespräch über die Vergangenheit in die Gegenwart zurück. Er erinnert daran, dass noch vor 20 Jahren ein Völkermord mitten in Europa, im damals zerbrechenden Jugoslawien, möglich war und gibt zu bedenken: "Man denkt immer, solche Dinge seien weit weg."

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