Schwanebeck l Rashna, Sheila, Jyiotti, Santosh und Gopal stehen am Donnerstag im Rampenlicht an der Schwanebecker Petri-Sekundarschule. Die Fünf sind die Protagonisten eines Theaterstücks über das Leben von Straßenkindern in den Slums von Mumbai. Schüler der Petri-Sekundarschule in Schwanebeck haben das Stück "Shelter" einstudiert. Die Aufführung ist Teil des Tages der Toleranz an der Schule. In der Geschichte geht es um Kinder, die den Fängen eines Teppichherstellers entfliehen konnten, in Mumbai ihr Glück suchen, dort aber auf der Müllkippe und im Drogensumpf landen. Erst im "Shelter" (englisch für Zuflucht) finden die Kinder Ruhe und Sicherheit.

"Blut muss fließen" sorgt für lebhafte Diskussionen


Brachte "Shelter" einen Einblick in das Elend von Slums und Kinderarbeit, sorgt die Vorführung des Films "Blut muss fließen" - ein weiterer Programmpunkt beim Fest der Toleranz - für teils entsetzte Gesichter. Über Jahre hatte der Filmemacher Thomas Kuban verdeckt in der Szene der Neonazi-Musik recherchiert und immer wieder Konzerte besucht. Ein Thema, das in Schwanebeck eine große Rolle spielt. Schließlich findet im Ortsteil Nienhagen jährlich eines der größten Rechtsrock-Festivals Europas statt.

In der Diskussion mit Regisseur Peter Ohlendorf sowie Autor und Journalist Andreas Speit zeigen sich die Schüler schockiert von den Texten, genauso wie vom Nichthandeln der Behörden, das in dem Film geschildert wird.

Aber auch andere Stimmen waren zu hören: "Ich finde die Texte nicht so schlimm", sagt ein Schüler in der Diskussion. Dies betrifft auch das titelgebende Lied "Blut muss fließen", das zum Repertoire vieler Rechtsrockbands gehört, und extreme Mordfantasien äußert. Andere Schüler sprechen vom Dorfalltag, zu dem das laute Abspielen von Nazimusik aus dem Autoradio genauso wie allgemeine Akzeptanz gehören.

Was man gegen solche Vorkommnisse tun könne, fragt eine Schülerin. Regisseur Ohlendorf empfiehlt mehr Zivilcourage. "Wenn die Nazis hinten in der Kneipe feiern, dann muss man den Wirt ansprechen, drohen, die Kneipe zu meiden, sich an den Bürgermeister wenden." Andreas Speit nennt ein Beispiel, bei dem ein solches Vorgehen funktioniert habe: Eine Kneipe in einem Dorf in Schleswig-Holstein sei pleite gegangen, nachdem der Wirt dort regelmäßig NPD-Stammtische geduldet hat. Irgendwann seien Feuerwehr, Vereine und viele Stammkunden nicht mehr eingekehrt, sagt Speit. Aus seinen Recherchen wisse er, dass die Nazis in Nienhagen den Widerstand gegen ihre Konzerte als äußerst lästig empfinden. 160 von 200 befragten Nienhagenern würden das jährliche Nazispektakel ablehnen, so Speit.

Schulleiterin Kerstin Buchtenkirch weiß auch anderes zu berichten: Es gebe einige Nienhagener, die an Konzertgäste Zimmer vermieten. Kinder, deren Eltern dem Geschehen in Nienhagen zustimmen, würden auch die Petri-Schule besuchen. So haben sich Eltern darüber beschwert, dass ihre Kinder an einer Kreativ-Aktion gegen Fremdenfeindlichkeit teilgenommen hätten. Dass nun der teils brutale Dokumentarfilm gezeigt werde, sei wichtig, um die Schüler für die hetzerischen Parolen der Neonazi-Musik zu sensibilisieren, sagt die Schulleiterin.

Der fremdenfeindlichen Finsternis haben die Schüler an ihrem Toleranz-Fest noch anderes entgegenzusetzen. In der Schulküche entstehen Speisen, die üblicherweise nicht auf deutschen Tischen zu finden sind. Eine Trommelgruppe und eine Liederwerkstatt beschäftigen sich mit fremder Musikkultur, einige kreative Schüler lassen mithilfe von Kamera und Laptop Plakate entstehen und vieles mehr.

Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage


Mit dem Fest der Toleranz erfüllen die Schwanebecker Schüler die Anforderungen, die ihnen der Titel ihrer Schule vorgibt. Seit fast genau vier Jahren ist die Petri-Schule eine "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage". Der Titel wird an Schulen vergeben, die sich mit Projekten und ihrer Alltagskultur gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit einsetzen. Dass die Petri-Sekundarschule seit dem 8. April 2011 den Titel trägt, sei kein Zufall. Damit sollte an die Opfer erinnert werden, die der Bombenangriff am selben Tag im Jahr 1945 gefordert hat, sagt Kerstin Buchtenkirch. "All das Leid und die Millionen Toten sind das direkte Ergebnis der Nazi-Ideologie, die im Zweiten Weltkrieg gipfelte."