Adersleben l Den Beobachtern des Storchennestes auf der alten Aderslebener Klosterbrennerei ist in den letzten Wochen nicht langweilig geworden. Kurz vor Ostern erschien Vater Adebar, der sich auch gleich ans Werk machte, um die Brutstätte auf Vordermann zu bringen. Am ersten Ostertag schwebte dann eine Dame ein und nahm schon einmal im frisch gemachten Nest Platz.

Der Wegelebener Storchenexperte Karl-Heinz Mau beobachtete die Ankunft des Weibchens. "Zwei Tage später war die Storchenfrau aber wieder weg", berichtete Mau gegenüber der Volksstimme. "Das schien mir verwunderlich. Einen Schnappschuss von den beiden habe ich aber mit meiner Kamera gemacht."

In den folgenden Tagen bastelte Vater Adebar unverdrossen weiter an seinem Heim. Allerdings stand er dann und wann schon einmal traurig da und äugte verschämt über das Land. "Irgendwie tat mir der Bursche auch leid", sagte Mau zurückblickend. "Zwischen den beiden hat wohl die Chemie nicht gestimmt." Verwunderlich schien ihm die Situation schon, da er zunächst vermutet hatte, dass die Braut des Adebars eingetroffen wäre.

Etliche Tage später bemerkte Mau zu seinem Erstaunen plötzlich wieder zwei Störche im Nest. "Beide haben sich mit dem Nestbau beschäftigt, das ist mir sofort aufgefallen", schilderte er. "Für den Storch habe ich mich sehr gefreut, hat er nun doch eine Partnerin." Eine Frage stellte sich Mau jedoch: Was war da eigentlich in den letzten Tagen geschehen?

Er berichtete dem Weißstorchenexperten Georg Fiedler aus Rohrsheim von dem Geschehen. Selbst der kam ins Grübeln, fand jedoch eine Antwort. "In diesem Jahr haben wir allgemein keine Kontinuität bei der Besetzung", äußerte er sich gegenüber der Volksstimme. "Viele Störche sind in der östlichen Zugroute quasi an den Karpaten hängen geblieben. Daher hat sich ihre Ankunft verzögert." Es habe bei der Anreise starken Gegenwind gegeben, gegen den die Vögel anzukämpfen hätten. "Das haben einige geschafft, andere eben nicht", schätzte er ein. "Bislang konnten wir beobachten, dass oft andere Partner die Lücke in den Nestern geschlossen haben." Das könne gut gehen, in manchen Fälle passe es aber einfach nicht. Das beste Beispiel sei offensichtlich das Aderslebener Storchenmännchen. Die Tiere seien generell schwer auseinander zu halten, wenn sie nicht beringt sind. "Das ist hier der Fall", bestätigte er. "Daher können wir über das Geschehen nur Vermutungen anstellen."

Fiedler glaubt jedoch, dass jetzt die angestammte Partnerin eingetroffen ist. "Dabei hat der männliche Storch noch richtig Glück gehabt", schätzte er ein. "Die erste Dame hat sich letztendlich nicht mit ihm eingelassen, obwohl das zweifellos ihre Absicht war." Wäre das geschehen, dann hätte jetzt "buchstäblich die Hütte gebrannt". "Trifft die Dame des Hauses ein, dann herrscht Kriegszustand unter den Störchen", weiß Fiedler. "Oft haben wir beobachtet, wie das angestammte Weibchen sich auf die Nebenbuhlerin stürzt und sie davonjagt. Selbst die Eier werden dann ohne Rücksicht aus dem Nest geworfen."

Die Bindung an das Nest sei in jedem Fall stärker als die an den Partner. Das könne schon einmal zu Komplikationen führen, zumal die Störche nicht im Familienverband reisen. "Der zuerst eingetroffene Storch wartet immer erst eine Weile, ehe er sich mit einem neuen Partner einlässt", erläuterte Fiedler weiter. "Auch hier gilt aber, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." In Adersleben könne nun alles den gewohnten Gang gehen, da die angestammte Storchendame den versuchten Seitensprung nicht bemerkt habe. "Dafür müsste sie schon Zeitung lesen", merkt Fiedler schmunzelnd an. Ausgeschlossen sei das allerdings nicht, im Dedelebener Storchennest habe er vor Jahren schon eine Volksstimme-Ausgabe gefunden, die die Vögel als Nistmaterial nutzten.

"Es ist noch nicht zu spät für die beiden, ihren Nachwuchs in einer angemessenen Zeit aufzuziehen", setzte der Weißstorchenexperte hinzu. Karl-Heinz Mau brachte am gestrigen Dienstag zu diesem Thema frohe Kunde. Er habe die beiden dabei beobachtet, wie Vater Storch seinen "ehelichen Pflichten" nachgekommen sei.

"Im letzten Jahr hatten wir in Adersleben drei Jungtiere zu verzeichnen, die auch die Reise in den Süden angetreten haben," erinnerte sich Mau. "Wir sind schon ganz gespannt, wie viele es 2015 werden."

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