Vorderhaus und Westflügel der Voigtei 48 sollen verkauft werden. Darüber entscheiden am Donnerstagabend die Mitglieder des Stadtrates im nichtöffentlichen Teil ihrer um 17 Uhr beginnenden Sitzung.

Halberstadt l Wer zum Kunsthof will, blickt zunächst in leere Galerie-Räume und auf ein Gebäude, das sichtlich sanierungsbedürftig ist. Durchschreitet man die Torzufahrt, öffnet sich der Blick auf einen liebevoll gestalteten Hof, ein Café, sanierte Gebäudeflügel. Das Museum für bürgerliche Wohnkultur hat hier seinen Sitz, beruht es doch auf dem Nachlass einer Frau, die in der Voigtei 48 lebte: Margarete Schraube. Sie übereignete das Anwesen und den gesamten Hausrat ihrer Familie der Stadt. Die Erbengemeinschaft stimmte zu, und Mitte der 1980er Jahre entstand das Schraube-Museum.

Nach der Wende erwachte auch der Hof aus seinem Dornröschenschlaf, junge Künstler nutzten die Verkaufsräume als Galerie, in den oberen Etagen des Vorderhauses richteten sie ihre Ateliers ein, organisierten Ausstellungen und Feste. Eine kleine Kneipe zog ins alte Waschhaus der einstigen Blaufärberei.

Immer mal wieder gab es Debatten über die Mieten mit der Stadt, die kein Geld für eine grundlegende Sanierung hatte, also versuchten die Künstler, Stück für Stück das Fachwerk und die Räume instandzusetzen. In den Erdgeschossräumen wurden wertvolle Stuckarbeiten und Reste der früheren Farbgebung erhalten, als die Niedersächsische Landesentwicklungsgesellschaft als Sanierungsträger im Juni 1990 ihr Büro in der Voigtei 48 eröffnete.

Nun soll dieses Vorderhaus verkauft werden, ebenso der westliche Seitenflügel. Es gibt einen Kaufinteressenten für das große Haus. Laut der Volksstimme vorliegenden Informationen akzeptiere der Kaufinteressent denkmalschützerische Auflagen ebenso wie die weitere öffentliche Nutzung des Hofes. Schließlich ist nur über diesen der Zugang zum Schraube-Museum und zur Museumsscheune mit der sehenswerten Rotmilan-Ausstellung und Sonderausstellungen möglich, Auch die Kundschaft des Kulturcafés muss über den Kopfsteinpflasterhof.

Dass hier künftige Mieter auch Stellflächen für ihre Autos erhalten sollen, war einer der Punkte, die die Mitglieder des Stadtentwicklungausschusses am vergangenen Donnerstag veranlassten, vor einer Verkaufsentscheidnung einen Vor-Ort-Termin anzuberaumen.

Die Abgeordneten des Hauptausschusses begannen am Dienstagabend deshalb ihre sonst üblich im Ratssaal stattfindende Sitzung mit dem Besuch in der Voigtei 48. Lange wurde auf dem Hof gestanden und diskutiert, ob zum Beispiel das Parken auf dem Hof erlaubt werden kann.

Dass überhaupt Teile des Objektes verkauft werden können, sei möglich, erklärte Rechtsamtsleiter Timo Günther auf Volksstimme-Nachfrage. Margarete Schraube habe zwar die Nutzung für kulturelle und Bildungszwecke verfügt, aber davon sie nicht das gesamte Objekt betroffen. "Wegen der Zweckbindung haben wir uns mit dem Nachlassverwalter in Verbindung gesetzt. Und wie uns der Testamentsvollstrecker mitteilte, stehe die Zweckbindung einem Teilverkauf nicht im Wege", sagte Günther.

Das heißt, die Stadt darf verkaufen. Wie es hieß, sei auch mit der Café-Besitzerin und den Museumsmitarbeitern über einen Verkauf des Vorderhauses und Westflügels an einen Investor gesprochen und wohl Einvernehmen erzielt worden.

Da die Stadt auch in absehbarer Zeit nicht über das Geld verfügen wird, das für eine umfassende Sanierung vonnöten ist, sei der Verkauf der beste Weg, um das straßenbildprägende dreigeschossige Vorderhaus langfristig zu erhalten, hieß es.

Ob es dazu kommt, entscheiden die Abgeordneten im Stadtrat heute Abend, wenn im nichtöffentlichen Sitzungsteil Tagesordnungspunkt 17 aufgerufen wird: Verkauf einer Teilfläche des Grundstücks in Halberstadt, Voigtei 48, Vorderhaus und Westflügel.