Halberstadt l Das Schlimmste ist Ali Rezai und seiner Frau Fatemeh Erbahemi erspart geblieben. Anders als ein Großteil der Flüchtlinge in Europa mussten die beiden Iraner nicht in überfüllten Booten über das Mittelmeer. Mittlerweile gehören sie zu den rund 1200 Asylsuchenden, die in der Zentralen Aufnahmestelle (ZASt) in Halberstadt eine erste Unterkunft gefunden haben.

Für Ali Rezai begann alles mit einer folgenschweren Entscheidung: Der heute 36-Jährige hatte sich zunehmend vom islamischen Glauben entfernt und war zum Christentum konvertiert. Was in Europa eine rein private Entscheidung ist, gilt im Iran als Verbrechen. Dort ist der Islam Staatsreligion. Zwar können Angehörige anderer Religionen problemlos im Iran leben. Einem Moslem ist es allerdings strengstens verboten, seine Religion abzulegen.

Ali Rezai tat es trotzdem und sah sich plötzlich massiver staatlicher Repression ausgesetzt. Er verlor seine Arbeit, sein Pass wurde eingezogen, und ihm wurde Gefängnis angedroht. "Ich war rechtlos und arbeitslos", sagt der Iraner. Nach iranischen Gesetzen hatte er sogar mit der Todesstrafe rechnen müssen.

Zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn Amer entschied er sich, den Iran zu verlassen. Kein einfaches Unterfangen ohne Pass. Über den Landweg habe sich die Familie bis an die türkische Grenze durchgeschlagen, berichtet Ali Rezai. Sieben Tage habe sich das Trio illegal in der Türkei aufgehalten. Dann kamen endlich die falschen Pässe, mit denen sie das Flugzeug nach Frankfurt bestiegen.

Von dort ging es über die hessische Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen in die ZASt nach Sachsen-Anhalt. Die kleine Familie ist froh, dem iranischen Regime entkommen zu sein, auch wenn sie dafür ein materiell gesichertes Leben gegen die kargen Zimmer der ZASt eintauschen musste. Er habe einen Onkel in Halle, sagt Ali Rezai, vielleicht ein erster Anker für eine Zukunft in Deutschland.

Großer Andrang auf Orientierungskurse

Dass die Flucht ihre Spuren hinterlassen hat, ist vor allem Sohn Amer Rezai anzumerken. Zusammen mit vielen anderen Kindern besucht er regelmäßig die von der Caritas und ehrenamtlich Engagierten organisierten Orientierungskurse. Anders als seine Altersgenossen geht Amer dort nicht ohne seinen Vater hinein.

Mehrmals wöchentlich finden die Orientierungskurse statt. Es gibt Kurse für Kinder und für Erwachsene. In beiden lernen die Asylbewerber Grundlagen der deutschen Sprache. Bei den Kindern geht es mit dem Lernen deutlich schneller als bei den Erwachsenen.

Die Kurse sind beliebt und das Unterrichtszimmer ist entsprechend gefüllt. Den Unterricht gibt Angelika Uiffinger. Immer wieder muss die ehemalige Lehrerin Zuspätkommer an der Tür ab- und auf den nächsten Kurs verweisen.

Die Kinder lernen erstaunlich schnell. Zu Anfang der Stunde zählen sie laut und mit spürbarer Begeisterung die Gruppe durch - auf Deutsch: "Eins, zwei, drei, vier ... ", schallt es durch den Raum. Erst bei 15 ist Schluss. "Hallo, Sibora", begrüßt Angelika Uiffinger die Kinder nacheinander. "Hallo, Angelika", kommt es zurück.

Heute geht es wieder um die Farben. Angelika Uiffinger verständigt sich nur auf Deutsch mit den Kindern. Und das klappt ganz erstaunlich. Den Kindern zeigt sie ihre schwarze Handtasche und sagt: "Diese Tasche ist grün." "Neiiiiin", rufen die Kinder empört zurück. "Das ist schwarz."

Warten auf Anerkennung als Asylberechtigter

Für die Kinder werden die Kurse bei Angelika Uiffinger bald ein Ende haben. Nur drei Wochen seien die Familien in der ZASt, sagt Anja Rennwanz von der Caritas. Danach werden sie auf Heime oder Wohnungen verteilt. Einigen wird auch die Abschiebung drohen.

Ali Rezai hat seine erste Anhörung am heutigen Mittwoch. Auf dieser versuchen die Behörden Genaueres über die Fluchtgründe zu erfahren. Üblich ist danach eine zweite Anhörung, nach der schließlich über die Anerkennung als Asylberechtigter entschieden wird.

Für Ali Rezai dürfte die Anerkennung und der Auszug aus der ZASt ein Glücksfall sein. Wohl fühlt er sich in der ehemaligen Kaserne weit außerhalb der Halberstädter Innenstadt nicht. Die Sicherheit sei mangelhaft und sein Sohn erhalte kaum medizinische Versorgung. "Gesundheit ist ein großes Problem", sagt Gjergji Hoxha von der Caritas. Die Asylbewerber würden versorgt, oft müssten sie aber lange auf einen Arzttermin warten.

 

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