Dass Halberstädter ihre Heimatstadt gen Süddeutschland verlassen haben, ist in den vergangenen 25 Jahren oft geschehen. Ein Umzug in umgekehrter Richtung war und ist wohl eher selten. Fred Ammon und Wilfriede Greiner aus München haben in der Domstadt ein neues Zuhause gefunden und fühlen sich hier wohl.

Halberstadt l Fred Ammon und seine Partnerin Wilfriede Greiner werden immer wieder mal gefragt, warum sie von München gerade nach Halberstadt gezogen sind. Das Seniorenpaar reagiert gelassen und erklärt, dass es sich langfristig mit dem Umzug beschäftigt und sowohl die Stadt als auch die neue Wohnung genau unter die Lupe genommen haben. Danach sei ihnen die Entscheidung nicht schwer gefallen.

"Ich lebte 54 Jahre in München", schaut Fred Ammon (84) zurück und sagt: "Meine Partnerin ist vor zwölf Jahren zu mir gezogen, nachdem unsere Ehepartner schon geraume Zeit zuvor gestorben waren. Nun sind wir nicht mehr die Jüngsten, was nicht nur meine Nachkommenschaft, die in Hamersleben im Landkreis Börde wohnt, feststellte. Sie meinte, es wäre besser, wenn die Familie auch räumlich näher zusammenrückt."

"Sicher haben wir überlegt, ob man im Alter noch einmal umziehen sollte."

Die Vorauswahl haben dann die Verwandten getroffen. Sie schlugen nicht nur Halberstadt als Alterswohnsitz vor, sondern auch die Wohnungsbaugenossenschaft (WGH) als Vermieter. "Deren Mehrgenerationenhäuser machten uns neugierig, ebenso die Angebote, mit der die WGH unter dem Motto ,Freunde fürs Leben` wirbt", so Wilfriede Greiner (75). "Sicher haben wir überlegt, ob man im Alter noch einmal umziehen sollte", wirft ihr Lebenspartner ein. "Die Meinung darüber wechselte geraume Zeit zwischen Ja und Nein. Bis wir endlich eine Entscheidung herbeiführen wollten", so Fred Ammon. Die Hochzeit eines Enkels habe Gelegenheit zu einem Ausflug nach Halberstadt geboten. Es sei gleichzeitig ein Termin bei der WGH und eine Wohnungsbesichtigung vereinbart worden.

Beide interessierten sich für modernes Wohnen in der Altstadt. Nach ihren Informationen hatte die Genossenschaft Am Kulk 6-7 ein Haus errichtet, das ihren Wünschen entsprach. Bei der Besichtigung bestach vor allem die sehr gelungene Raumaufteilung. Hinzu kam die Fußbodenheizung und die kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung, Fahrstuhl und der große Balkon. Als einen weiteren Vorteil empfanden sie die Nähe zum Stadtzentrum.

Hatten beide zunächst eine 104-Quadratmeter-Wohnung in Betracht gezogen, fiel kurz nach dem Betreten einer noch freien größeren Wohnung spontan die Entscheidung: Diese und keine andere. 124 Quadratmeter mit altersgerechten Bedingungen und einem geräumigen Balkon mit Blick auf Historisches wie den Wassertorturm und die Gerberhäuser sowie im Hintergrund die Kirchtürme überzeugten. Alles passte. Beide hatten ein sehr gutes Gefühl. "Wir wurden sehr gut aufgenommen. Von Anfang an hatten wir den Eindruck, in dieser Genossenschaft kümmert man sich um die Mitglieder und darum, dass diese sich in ihren vier Wänden und dem Wohnumfeld wohl fühlen", sagt Fred Ammon.

Trotzdem folgten einige schlaflose Nächte, bevor das große Packen begann. Im November 2014 rollte der Möbelwagen von Bayern in den Harz. Bald war dessen Inhalt in den geräumigen Zimmern verstaut. Nun begann der Alltag in einer völlig neuen Umgebung.

"... bei einem Verwandtenbesuch in der DDR hatten wir der Stadt einen Besuch abgestattet. Allerdings kann man die Eindrücke von damals und heute nicht vergleichen. Denn es hat sich hier in den vergangenen 25 Jahren so viel Positives getan."

"Halberstadt war mir nicht unbekannt", erinnert sich Fred Ammon, "bei einem Verwandtenbesuch in der DDR hatten wir der Stadt einen Besuch abgestattet. Allerdings kann man die Eindrücke von damals und heute nicht vergleichen. Denn es hat sich hier in den vergangenen 25 Jahren so viel Positives getan." Besonders angetan sind die Senioren noch immer von dem sehr herzlichen Willkommen bei der Anmeldung im Rathaus. Das sei durchaus nicht überall so, wissen sie aus Erfahrung und bekräftigen: "Halberstadt ist eine gute Wahl."

Inzwischen ist der Umzugsstress verflogen, die Kisten und Kartons sind geleert, die Möbel haben ihren Platz gefunden. Es ist ein sehr gemütliches Heim geworden. Den Mittelpunkt bildet das große Wohnzimmer. Hier sitzen Fred Ammon und Wilfriede Greiner gern, lesen, reden miteinander und schauen zurück auf ein bewegtes Leben.

Fred Ammon wurde im November 1930 in Elblang in Ostpreußen als zweiter Sprößling von fünf Kindern eines Musikers und einer Hausfrau geboren und besuchte dort die Schule. Mit 13 Jahren kam er mit etwa 50 Schulkameraden in ein Lager der sogenannten Kinderlandverschickung (KLV), wo die Heranwachsenden Schutz finden sollten vor eventuellen Bombenangriffen.

Im Frühjahr 1945 flüchteten die Insassen des Lagers vor den nahenden Russen und gelangten über Schleswig-Holstein in den Süden Dänemarks. Rund 50 Jungen lebten von nun an auf einer Insel. Zwei Jahre blieb Fred Ammon dort. Dann fanden sich Mutter und Sohn über den Suchdienst des Roten Kreuzes. Der Vater war gefallen, sein jüngerer Bruder gestorben.

Über Köthen, wo der Junge drei Jahre die Oberschule besuchte, führte der Weg der Familie 1950 nach Oldenburg, wo Verwandte lebten. In den folgenden zehn Jahren erlernte Fred Ammon den Beruf des Kaufmanns in einer Geschäftsbücherfabrik.

Dem Druckereigewerbe verbunden und eine neue Herausforderung suchend, fand er 1961 nach dem Umzug in die bayerische Landeshauptstadt eine Anstellung in einer Druckerei für Glückwunschkarten. Obwohl als Exportleiter erfolgreich, wagte er nach ein paar Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit, verlegte eigene Karten und wirkte in einem Schweizer Kartenverlag freiberuflich mit.

"Ich war längst ein Sprüchemacher, blieb es nach meiner Pensionierung und kann auch heute nicht davon lassen."

Längst hatte er eine besondere Stärke in sich entdeckt und diese stetig weiter entwickelt: das Schreiben von Sprüchen für Glückwünschkarten. Schnell nahm seine Sprüchesammlung ein beachtliches Ausmaß an. Den größten Teil davon fasste Fred Ammon in einem Büchlein mit dem Titel "Kleine Dumm- und Weisheiten zum Schmunzeln und Nachdenken" zusammen. Der Verkauf lohnte sich.

Im Laufe der Jahre entstanden weitere Aphorismen, Lebensweisheiten und Verse. "Ich war längst ein Sprüchemacher, blieb es nach meiner Pensionierung und kann auch heute nicht davon lassen", schaut der fleißige Schreiber auf seine umfangreiche Sprüchesammlung.

Doch zurück noch einmal zu jenen jungen Jahren, die sein Leben prägten.

"Heimatlosigkeit, Kapitulation, vermisste Angehörige und anderes mehr machten aus unserer Schülergruppe eine Schicksalsgemeinschaft, die über all die Jahrzehnte Bestand hat. Wir pflegen eine freundschaftliche Verbundenheit und treffen uns noch immer regelmäßig", so der 84-Jährige.

"Es ist schon außergewöhnlich, dass solche Verbindungen und Freundschaften über 70 Jahre anhalten."

Mit der politischen Wende in Deutschland bekamen auch jene Jungen von damals, die im Osten Deutschlands ihr Leben eingerichtet hatten, die Chance, ihre alten Freunde wieder zu treffen. "Gemeinsam mit meinem Mann, der ein Schulfreund von Fred war, fuhr ich nach Dänemark und suchte nach Spuren. Wir bekamen Adressen von anderen aus dem KLV-Lager heraus, knüpften Kontakte und gehörten sofort dazu." Zahlreiche Treffen hätten seitdem stattgefunden, immer in einer anderen Stadt. "Es ist schon außergewöhnlich, dass solche Verbindungen und Freundschaften über 70 Jahre anhalten", unterstreicht Wilfriede Greiner.

Vielleicht trifft man sich auch einmal in Halberstadt, der neuen Heimat, von der die beiden Zugezogenen begeistert sind. Wilfriede Greiner und Fred Ammon sind noch immer dabei, die Stadt mit allem, was sie zu bieten hat, für sich zu entdecken.