Geisterjagd in Halberstadt
Die Ghosthunter Mystery Encounters Germany untersuchen ehrenamtlich Orte in ganz Sachsen-Anhalt. Wer unerklärliche Erscheinungen beklagt, kann sich an die Geisterjäger wenden. Wichtig ist der Truppe, dass die Untersuchung auf seriöser Grundlage erfolgt. Kontakt: http://ghosthunter-meg.jimdo.com/.
Wer das Gelände des Sanatoriums besuchen möchte, sollte dies keinesfalls auf eigene Faust tun. Das ist nicht nur verboten, sondern auch gefährlich. Gelegentliche Führungen werden ehrenamtlich von der Rettungshundestaffel Goslar angeboten, die das Gelände als Trainingsplatz nutzt. Kontakt über www.rettungshunde-goslar.de

Goslar/Halberstadt l Hoch über Goslar, auf dem Königsberg, gibt es einen jener Orte, die für Horrorfilmer auf der ganzen Welt attraktiv wären. Zwischen wuchernden Brombeerhecken und anderem Gestrüpp erstreckt sich die Ruinen-Landschaft des alten Königsberg-Sanatoriums.

In der Nachkriegszeit wurden in den abgelegenen Gebäuden Tuberkulose-Kranke behandelt. Als sich die Krankheit gelegt hatte, zogen nach einigen Jahren Leerstand geistig behinderte Kinder in die Anlage ein.

Viele Vorfälle soll es damals gegeben haben. Manche sind wahr, etwa die Nichteinhaltung gesetzlicher Standards, andere, wie angebliche Experimente an Kindern, bislang aber unbewiesen. Wahrheiten, Gerüchte und Legenden machen aus dem ehemaligen Sanatorium einen Ort, der nichts für schwache Nerven ist.

Mittlerweile liegt die Anlage seit Jahrzehnten brach. Fenster hängen lose aus den Mauern, Türen sind eingeschlagen oder fehlen. In allen Räumen liegen Schutt und Müll. "Hier einfach reinzugehen, kann lebensgefährlich sein", sagt Sebastian Meuter. Herunterhängende Decken und Böden unterstreichen die Aussage. Es herrscht Einsturzgefahr.

Sebastian Meuter ist Geisterjäger. Mit seinen Kollegen Franziska Meuter, Pascal Theis und Stephan Gustus steht er in einem der verlassenen Räume, zwischen Schutt und Graffiti. Die in Halberstadt ansässigen "Ghosthunter Mystery Encounters" möchten das Gelände und die Gebäude untersuchen. Um die polizeiliche Absperrung zu überwinden, haben sie sich eine Genehmigung besorgt. "Wir sind dafür da, paranormale Aktivitäten an einem Ort zu untersuchen und in erster Linie eine natürliche Erklärung dafür zu finden", sagt Sebastian Meuter.

Behauptungen über den Ort gibt es viele. Unten im Tal meint man, öfters Kinderschreie vom Königsberg zu hören, und eines Tages lagen zahllose alte Kinderschuhe in den alten Küchengebäuden. Die sind noch heute zu sehen: schmutzige Gummistiefel aus vergangenen Jahrzehnten, Halbschuhe oder nur Sohlen. "Die kann auch irgendwer hierher gelegt haben", sagt Sebastian Meuter. "Oder Tiere haben sie ausgegraben", ergänzt seine Frau Franziska. Ob schlechter Scherz oder tatsächliche Geister-Aktivitäten, der Anblick der Kinderschuhe regt die Fantasie an.

Und auch die Schreie und Rufe, die angeblich immer wieder über den nahegelegenen Granestausee schallen, können durchaus einen profanen Hintergrund haben. "Die Drogenszene soll hier vor einiger Zeit aktiv gewesen sein", sagt Franziska Meuter. Und wenn es da bei der exzellenten Akustik etwas lauter geworden ist, hätten das auch die Menschen im Tal gehört.

Geisterjagd auf Grundlage der Wissenschaft

Sebastian Meuter ist es wichtig, dass die Halberstädter Geisterjäger nichts mit Esoterik und Geisterbeschwörung zu tun haben. "Es ist nicht so, dass wir zu Hause mit Kerzen in abgedunkelten Räumen sitzen", sagt der Geisterjäger. Vielmehr gehen die vier mit moderner Technik durch die Räume alter Gemäuer. Dabei spielt unter Geisterjägern das "Electronic Voice Phenomenon", kurz EVP und übersetzt etwa "Phänomen elektronischer Stimmen", eine große Rolle. Dabei handelt es sich um Stimmen, die erst auf Band hörbar werden, sogenannte Tonbandstimmen. Um sie dokumentieren zu können, nutzen die Halberstädter Geisterjäger Diktiergeräte und andere Gerätschaften.

Auch bei der Fotografie schwören die Geisterjäger auch auf altbewährte Technik. Neben der Verwendung moderner Digitalkameras werden Fotos auf klassischen Kleinbildfilm gebannt. Nur so könne ein einwandfreier Beweis festgehalten werden, sagt Meuter, denn bei Digitalbildern sei der Vorwurf schnell bei der Hand, dass es sich um eine Fälschung handeln würde. Und Fälschungen gebe es in der Welt der Geister viele. "Bei Youtube sind viele Fakes", sagt Meuter, und meint damit die zahllosen Videos angeblich nicht erklärbarer Phänomene.

Von großer Bedeutung für die Geisterjagd ist das Thermometer. Auf ihrer Tour durch das Gebäude messen die Geisterjäger immer wieder Luft, Wände und zurückgelassene Gegenstände um sie nach Kältequellen zu untersuchen. Auffälligkeiten gibt es diesmal keine, bis zum Tiefpunkt in der kalten Mainacht sinkt die Temperatur auf sechs Grad. Sebastian Meuter kann von andere Erlebnissen berichten. "Wir waren mal an einem Ort, da herrschte warmes Sommerwetter, doch plötzlich hatten wir dampfenden Atem", sagt er. Paranormale Phänomene würden der Luft Wärmeenergie entziehen. Dadurch gelte ein unerklärbarer Temperatursturz als Indiz für mysteriöse Vorgänge.

Die Orte sind schauerlich. In den Küchenkatakomben ist zwar viel eingestürzt, trotzdem liegen dort noch immer die Küchengeräte aus der Nachkriegszeit. Ein Herd rostet vor sich, damals übliche Schubladen für Mehl und Zucker stecken noch in den Schränken. Überall verstreut liegen die alten Kinderschuhe. Doch trotz einiger kalter Schauer auf dem Rücken bleibt die Geisterjagd erfolglos.

Im Totenraum keine besonderen Vorkommnisse

Auch in einem besonderen Raum des Gebäudes schlagen die Messgeräte nicht aus. An der Rückseite des Wohnhauses findet sich der Eingang zu einem flachen Raum, an dessen Rückwand noch immer ein Kreuz hängt. Hier seien früher die verstorbenen Kinder aufgebahrt worden, sagt Meuter. Der Raum ist heute doppelt mit einem Bauzaun gesperrt.

Den Geisterjägern machen ihre Aufenthalte in alten Gemäuern und die damit verbundenen Erlebnisse nichts aus. "Das ist wie beim Bungee-Springen", sagt Sebastian Meuter. "Die einen genießen es, und für die anderen ist es ein Schock-Erlebnis."

Eine Begegnung der unerwarteten Art haben die Geisterjäger dann doch noch. Jugendliche haben sich auf den Weg auf den Königsberg gemacht. Sichtlich überrascht treffen sie auf die Geisterjäger und machen sich bald aus dem Staub. Ansonsten hätte in dieser Nacht ein Talbewohner vielleicht wieder Kindergeschrei aus dem Sanatorium gehört.

Darüber hinaus bleibt es ruhig in der Nacht. Einziges Ergebnis der Geisterjagd bleiben sogenannte Orbs oder Geisterflecke auf einigen der Fotos. Für Sebastian Meuter sind dies allerdings keine Funde. Die kleinen runden Flecke, die insbesondere bei Nachtaufnahmen auftauschen, kennt wohl jeder Hobbyfotograf. Für einige Menschen sind es Erscheinungen paranormaler Wesen, für andere schlicht angeblitzte Staubkörner und Insekten. Sebastian Meuter zeigt sich rational: "Paranormal ist auch, wenn meine Oma mit Inlinern an mir vorbei fährt. Paranormal ist nicht gleich Geister."