Seit der Wende war er das Gesicht der Verkehrsberatung im Altkreis Halberstadt – Frank Schellenberger. Zurzeit ist er auf "Abschiedstour", am 7. März wird er seinen letzten Arbeitstag haben.

Halberstadt. Wer sich mit ihm trifft, sollte das nicht an einem öffentlichen Ort tun – das Gespräch wird sonst sehr oft von einem "Hallo", oder "Guten Tag" unterbrochen. Er ist eben bekannt wie ein bunter Hund, der Frank Schellenberger.

Der sympathische Halberstädter Polizist hat nach der Wende eine Aufgabe übernommen, die er gar nicht wollte. Zu sehr war er mit Leib und Seele beim Unfalldienst der Polizei tätig. Ein Berufswunsch, den er früh hatte. Vermutlich auch, weil er als eines der Opfer des Langenweddinger Zugunglücks 1967 erlebt hatte, wie wichtig es ist, dass Menschen in solchen Situationen geholfen wird, sagt er. Zudem war sein Vater Verkehrs-Staatsanwalt, "das hat wohl mit geprägt".

"Man sieht sich immer zweimal im Leben."

Die Arbeit mit Menschen hat ihn gereizt und fasziniert ihn noch immer. Dass die Rettungskräfte und Polizisten heute seelsorgerischen Beistand haben, freut ihn. "Das war ein großer Fehler zu DDR-Zeiten, dass wir solche Möglichkeiten zum Gespräch nicht hatten", meint er und berichtet, wie schwer es ist, mit Unfallbildern umzugehen. "Vor allem, wenn Kinder betroffen waren oder ganze Familien, das war hart." Da hat der Vater zweier Kinder dann oft Sohn und Tochter angesehen und gehofft, dass ihnen nichts passiert. Warum aber dann dieser Wunsch beim Unfalldienst zu arbeiten, der immer dann gerufen wurde, wenn es Verletzte und Tote gab? "Weil man mit Menschen arbeiten konnte", sagt er. Von der Unfallaufnahme über die Befragung und Vernehmung der Beteiligten bis hin zu Gesprächen mit dem beruflichen und familiären Umfeld der Beschuldigten reichten die Aufgaben. "Zu DDR-Zeiten bekam der Staatsanwalt von uns eine Akte, die im Grunde schon die Anklageschrift war." Dabei war und ist ihm immer wichtig, den Menschen mit Respekt zu begegnen. "Meine Eltern haben mich so erzogen. Man sieht sich immer zweimal im Leben, sagten sie, und es stimmte. Wenn mich heute noch Leute grüßen, bei deren Gerichtsverhandlung ich als Zeuge auftreten musste, war ich wohl fair ihnen gegenüber."

Das Zusammenleben ist ein Thema, das Schellenberger am Herzen liegt, gegenseitig Achtung voreinander zu haben und nicht nur seine eigenen Bedürfnisse zu sehen, sei wichtig. "Doch leider nimmt das mehr und mehr ab", sagt er und berichtet von aggressiven und beleidigenden Reaktionen, wenn es zu Unfällen gekommen ist. "Aber wir sind doch alle Menschen, und die können Fehler machen."

Am 15. Februar 1973 begann der Polizeidienst für Frank Schellenberger, auf den Job im Unfalldienst musste er lange warten. 1980 war es soweit, vorher war er als motorisierter Verkehrskontrolleur unterwegs. Als dann eine Stelle beim Unfalldienst frei wurde, erfüllte sich sein Wunsch. Er machte einen entsprechenden Lehrgang und nahm die ersehnte Arbeit auf. Dass sich die nach der Wende sehr verändern würde, ahnte er 1990 noch nicht, als er in Hannover auf dem Unfallforschungsgelände in die bundesdeutsche Polizeiarbeit eingewiesen wurde. "Wir mussten Unfälle verursachen, die andere Kollegen dann nur anhand der Spurenlage ermitteln sollten. Das hat sehr viel Spaß gemacht, auch wenn mir das Herz blutete, als ich dafür einen Golf zu Schrott fahren musste. Mein Angebot, mir den Golf zu überlassen und stattdessen meinen Trabi als Unfallauto zu nehmen, wurde abgelehnt", erinnert er sich lachend.

"Ich habe den Bedarf der Kinder gesehen."

Der fröhliche, offene Mann wurde von seinem Revierleiter wenig später gefragt, ob er nicht als Verkehrsberater arbeiten wolle. Wollte er nicht. Aber bei einem Hausbesuch überzeugten ihn seine Frau und der Chef, es doch zu tun. "Eine Entscheidung, die ich im Nachherein nie bereut habe, auch wenn ich es damals ein bisschen als Degradierung empfunden hatte."

Der gebürtige Halberstädter belegte wieder einen Lehrgang, diesmal beim Technischen Polizeiamt in Magdeburg und baute ab 1991 die Verkehrsberatung auf. Er suchte den Kontakt zu Kindergärten und Schulen – von der Grundschule bis zur Berufsschule, wandte sich an Firmen, warb bei Vereinen. Und war schon wenig später ein gefragter Mann. Zu Anfang machte er noch die komplette Theorie vor der Fahrradprüfung aller Viertklässler – viele Lehrer hatten damals noch keinen Führerschein. Später reichte ein zweistündiger Part, um die Theorie abzufragen und Lücken zu schließen. "Ich habe den Bedarf der Kinder gesehen."

Doch auch den Erwachsenen hatte er all die Jahre viel zu vermitteln, ändert sich im Verkehrsrecht doch regelmäßig so einiges. "Je mehr Sie wissen, desto weniger müssen Sie draußen zahlen", war ein Leitspruch seiner Schulungen. Bus- und Straßenbahnfahrer gehörten ebenso zu seinen "Kunden" wie Fahrlehrer und alle, die ihr Wissen zu StVO und Co. auffrischen wollten. Die kostenlosen Angebote wurden so gut angenommen, dass er viele Termine wiederholen musste.

"In all den Jahren hatte ich tolle Partner", sagt Schellenberger, der nach einer schweren Krebserkrankung inzwischen wieder voll arbeitet. Und stolz darauf ist. Zurzeit sagt er vielen Partnern persönlich Danke, aber bei allen schafft er es nicht. Er nennt Dekra und Verkehrswacht Börde, den ADV, die Rettungsdienste und Verkehrsunternehmen, Kollegen in Wolfenbüttel, Feuerwehren und THW, Volkshochschule und Lehrer, Erzieher und Firmen wie Pattermann und Fahrzeughaus Klus. "Ohne all diese Unterstützung hätte meine Arbeit nicht so erfolgreich sein können." Ein bisschen Wehmut schwingt mit, auch wenn er sich auf die freie Zeit gemeinsam mit seiner Frau freut.