Fast identisch mit dem Kalenderjahr 2010 verlief die Amtszeit des Vorsitzenden der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Halberstadt, Joachim Tag. Der in seine Heimatstadt Lübeck gewechselte Agentur-Chef (Volksstimme berichtete) zieht – trotz weltweiter Wirtschaftskrisen – für den Arbeitsmarkt des Harzkreises in den vergangenen zwölf Monaten eine positive Bilanz.

Harzkreis. "Es war ein gutes letztes Jahr", sagt Joachim Tag, der "keinesfalls die nach wie vor hohe Arbeitslosigkeit schön reden" will. "Doch unsere große Befürchtung, dass mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach der Krise keine neuen Arbeitsplätze entstehen könnten, hat sich nicht bewahrheitet. Auch das Wegbrechen von Jobs auf dem ersten Arbeitsmarkt habe sich in Grenzen gehalten. "Viele Unternehmen haben große Verantwortung gezeigt und über Kurzarbeit, flexible Arbeitszeiten und Nutzung von Zeitarbeitsmodellen viele ihrer qualifizierten Mitarbeiter nicht entlassen, sondern für die Firma erhalten können", würdigt Tag. Besonders im Dienstleistungsbereich, der fast die Hälfte aller Stellen anbiete, habe er das so nicht "unbedingt erwartet".

Über ein Jahr betrachtet, ging die Arbeitslosigkeit im Harzkreis deutlich zurück (Info-Kasten). "Doch es macht keinen Sinn, sich über eine reine Zahlenbilanz der Vergangenheit zu freuen, die Probleme stehen bevor", relativiert Tag seine Bilanz und verweist auf die demografische Entwicklung. "Das Jahr 2010 hat die Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt sehr deutlich gezeigt. Fast ein Drittel aller Arbeitslosen ist älter als 50 Jahre. Diese Frauen und Männer sind überwiegend gut, zum Teil hoch qualifiziert. Gleichzeitig stöhnen Unternehmen über Fachkräftemangel. Doch erstens lässt die Bevölkerungsentwicklung klar erkennen, dass künftig immer weniger junge Leute für Erstausbildung, Umschulung, Weiterqualifizierung und Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen werden, als in der Region gebraucht werden. Und zweitens ist es daher nicht nur unabdingbar, auf ältere und langjährige berufserfahrene Fachkräfte zurückzugreifen, sondern auch eine gesellschaftliche Pflicht, diesen Personenkreis in Arbeit zu bringen und zu halten", begründet Joachim Tag.

Prognosen ja, aber mit Vorsicht

Große Bedeutung misst der ehemalige Chef der Halberstädter Arbeitsagentur vor allem der Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs bei. "Sie ist im vergangenen Jahr im Harzkreis gestiegen, erfreulicherweise auch bei Arbeitnehmern über 50 Jahre. Bei den jüngeren Beschäftigten unter 25 Jahren hat sie dagegen abgenommen. Das hat sicher mehrere Gründe, doch vor allem einen: den angesprochenen demografischen Wandel. Es fehlen zunehmend junge Leute, aber andererseits profitieren die Älteren davon noch nicht in einem angemessenen und erforderlichen Umfang", schätzt Tag ein.

Die Statistik für den Arbeitsmarkt stützt sich auf Prognosen, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erstellt. "Ich selbst bin bei Prognosen zwar immer etwas vorsichtig, doch die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, dass die Voraussagen des IAB sehr zuverlässig sind. Sie kalkulieren auch Schwankungen mit ein, die, bedingt durch die unterschiedlichsten Ursachen, nicht oder noch nicht umfassend genug, voraussehbar sind", erläutert Tag und fügt hinzu: "Für das laufende Jahr bin ich vorsichtig optimistisch und rechne im Jahresdurchschnitt mit etwa 12 000 bis 12 500 Arbeitslosen im Harzkreis."