Für vollbesetzte Stühle sorgte der erste Abendvortrag im neuen Jahr. Eingeladen hatten das Städtische Museum und der Geschichtsverein. Dr. Markus Blaich referierte zum Thema: Werla – Fronhof, Pfalz …? – Untersuchungen zu Geschichte und Umland.

Von Helga Scholz

Halberstadt. Von Heinrich I. bis Otto III. (926 – 1002) haben sich alle Könige der Liudolfinger (Ottonen) häufig in der Pfalz Werla aufgehalten. Rund um den Harz sind 15 Pfalzen nachgewiesen. Sie waren zentrale Orte für Könige und Kaiser, um politische, wirtschaftliche, rechtliche und kirchliche Aufgaben zu lösen. Städte gab es zu dieser Zeit keine im Umkreis des Harzes.

Der gesamte Raum war von Karl dem Großen im Krieg gegen die Sachsen erobert und umstrukturiert worden, aber kaum wirtschaftlich erschlossen. Das änderte sich ungefähr 150 Jahre später, als diese Region zur wirtschaftlichen Machtgrundlage der Ottonen wurde. Sie übernahmen den vorhandenen Besitz Karls und erwarben neuen hinzu. Blaich nannte die Gründe. Es entstanden zwei Arten von Orten, die sich zu "Ballungsgebieten" entwickelten. Das waren erstens die Bistümer, versehen mit reichem Landbesitz, in denen die weltliche Macht wenige Eingriffsmöglichkeiten besaß. Diese erhielten sehr früh das Stadtrecht, das heißt sie durften Markt abhalten, Münzen prägen, Handel treiben. So erhielt Halberstadt bereits 989 das wichtige Marktrecht.

Zweitens entstanden Königspfalzen wie Werla, Memleben oder Tilleda. Doch Stadtrechte erhielten sie nur selten oder erst in späterer Zeit. Die Pfalzen gehörten zum königlichen Besitz- sie waren das Krongut und Bereiche von lebhafter Produktion. Werla geriet ab dem 13. Jahrhundert in Vergessenheit, da Goslar bereits 1017 durch Heinrich II. zur Pfalz erhoben worden war. Jahrelange und umfangreiche Grabungen brachten große Teile der Kernburg ans Tageslicht. Sie entstand auf einem Geländesporn 16 Meter über der Oker und bestand aus einer Versammlungshalle, einem steinernen Wohnbau, dem Palas, einer Kapelle und einigen Wirtschaftsgebäuden. Letztere waren Produktionsstätten und dienten anfangs der Versorgung des Hofes, wenn sich die Reisekaiser mit ihrem vielköpfigen Gefolge für Tage oder Wochen in der Pfalz aufhielten.

Aufwändige Errichtung

Blaich, der seit 2007 die Grabungskampagne leitet, bewies an Hand des Bildmaterials, das wertvolle geschickt behauene Sandsteinblöcke beim Bau verwendet wurden. Das Fundament setzten die Bauleute in Lehm. Der Archäologe hob die hohe Qualität der Architektur hervor. Auch Teile bemalter Wände und Reste eines Bodenpflasters in der Kapelle zeugen von der Bedeutung der Pfalz. Interessant ist, so Blaich, dass ab dem 12. bis ins 13. Jahrhundert bei Umbauarbeiten auffallend schlampig gearbeitet und minderwertiges Material verwendet wurde. Der Referent erläuterte dann an mehreren Beispielen, was für ein Aufwand bei der Errichtung der Anlage betrieben wurde. So war zum Beispiel die Umfassungsmauer 480 Meter lang, 1,20 Meter breit und fünf bis sechs Meter hoch. Das Bauvolumen betrug 2900 Kubikmeter und benötigte zur Umsetzung 7500 Tonnen Material. Der Sandstein musste aus rund 15 Kilometern Entfernung herangeschafft werden. Der Bau war eine Großbaustelle, die täglich von 20 Wagen angefahren wurde. Hinzu kommen die vielen Eichenstämme (460) und Nadelhölzer (2300). Aus diesem Holz fertigten die Handwerker Sparren und Schindeln. Blaich meinte, die Landschaft sei zu dieser Zeit regelrecht "ausgepresst" worden. Heutiges Ziel ist es, die Anlage und ihr Umfeld zu einem Archäologie- und Landschaftspark zu gestalten. Aufschlussreich waren auch die Ausführungen zur Erschließung des gesamten riesigen Areals. Luftbilder, geomagnetisch-physikalische Messungen, die Geländeaufteilung in Quadrate (40 mal 40 Meter) ermöglichten die Schlussfolgerung, wie Blaich sagte: "Man weiß nicht, was da ist, aber man sieht, dass was da ist." Die Strukturen der gesamten Anlage geben den Archäologen weiter Rätsel auf. Was man erkennen kann, sind drei Bauphasen aus dem 9., 10. und 12. Jahrhundert. Die Umfassungsmauer wurde später eindeutig erweitert und umschloss ein weites Areal mit Grubenhäusern. Erd- und Samenuntersuchungen lassen vermuten, so Blaich, dass in den eingetieft angelegten Hütten gewebt und Metall verarbeitet wurde. Die Landschaft muss nach den Befunden aus Wiesenflächen bestanden haben, so dass Schafzucht möglich war.

Friedhof entdeckt

Der Archäologe ließ eine weitere Vermutung zu: Bei Grabungen im Ort Werlaburgdorf, nahe der ehemaligen Pfalz gelegen, entdeckten die Archäologen einen mittelalterlichen Friedhof mit 260 Gräbern. Die Skelette unterzog man umfassenden gerichtsmedizinischen Untersuchungen. Es ergaben sich wichtige Erkenntnisse über gesellschaftliche Strukturen und Gesundheit der Verstorbenen. Höherstehenden Damen legte man wertvolle Schmuckbeigaben ins Grab, Männer bekamen den Schulzenstab (Zeichen verliehener Amtswürde) mit. Die Mehrzahl der Skelette zeigte eindeutige Abnutzungserscheinungen an den Schultergelenken oder starke Ablagerungen in den Ohren. Für Blaich ein Indiz, dass die Menschen über Jahre hinweg an Webstühlen saßen oder in den verrußten Grubenhäusern Metall gewannen und verarbeiteten. Sie kannten die Pfalz nicht mehr, aber ihre Arbeitsstätten befanden sich auf dem Vorburggelände. In den Grubenhäusern ließ sich nicht nachweisen, dass sie als Wohnung gedient hatten. Also vermutet Dr. Markus Blaich, die Menschen lebten in dem kleinen Ort und gingen zur Arbeit in die Grubenhäuser auf dem Vorburgbereich, die zu dieser Zeit wohl schon als eine Art Gewerbegebiet bezeichnet werden kann. Nach dem hochinteressanten Vortrag gab es die Möglichkeiten offenen Fragen beantworten zu lassen.