"Klamms Krieg", das erfolgreiche Theaterstück von Kai Hensel, feiert morgen in der Kammerbühne Halberstadt Premiere. Die ganze Woche über wurde dafür vor Testpublikum geprobt.

Halberstadt. Wenn man das Wort "Ein-Mann-Stück" hört, könnte man vielleicht etwas zurückschrecken. Nur eine Person auf der Bühne? 75 Minuten lang nur Monolog? Wird das nicht langweilig? Autor Kai Hensel beweist, dass es auch anders geht.

In seinem Jugendstück "Klamms Krieg" geht es um den Deutschlehrer Klamm (gespielt von Benedikt Florian Schörnig), der langsam in einen Nervenkrieg gerät. Einer seiner Schüler hat sich vor kurzem das Leben genommen, weil er diesem den fehlenden Punkt zu seiner Abiturzulassung verwehrt hat. Die Mitschüler schreiben daraufhin einen Brief an Klamm und erklären ihm den symbolischen Krieg. Sie arbeiten im Deutschunterricht nicht mehr mit und boykottieren die Klassenarbeit. Klamm stößt auf eine Mauer des Schweigens und versucht mit allen psychologischen Mitteln, diese zu brechen. Das Publikum erlebt, wie er emotional daran zerbricht und in einen Sog aus Alkohol und Suizidgedanken gerät.

Ein Jugendstück für jede Generation

Hensel zeigt in seinem Ein-Personen-Stück, welches im Jahr 2000 in Dresden uraufgeführt wurde, dass man auch mit einem schlichten Bühnenbild und wenig Requisiten die Zuschauer für eine Geschichte begeistern kann. Auch wenn es ein eher jugendliches Thema behandelt, ist es keineswegs nur für Jugendliche gemacht. Auch ältere Generationen kommen hier auf ihre Kosten. Ob es das Halberstädter Publikum genauso mitreißen wird, wird sich zeigen.

Fakt ist, dass "Klamms Krieg" eines der meistgespiel- ten Stücke ist. Dafür wurde es mit dem Deutschen Jugendtheaterpreis ausgezeichnet. Eigentlich braucht es auch gar keine richtige Bühne. Hensel hat es ursprünglich für die Aufführung im Klassenzimmer geschrieben.

Umso interessanter ist es, wie Regisseurin Rosmarie Vogtenhuber die Inszenierung umgesetzt hat. Vor einer weißen Wand lässt sie Darsteller Benedikt Florian Schörnig mit dem Publikum agieren. Sein Auftreten als Lehrer Klamm in gestreiftem Hemd und gelber Bügelfaltenhose lässt darauf schließen, dass er noch von der alten Schule ist und von seinen Schülern Disziplin und Ordnung erwartet.

Auf der anderen Seite sitzen die Zuschauer, die die Rolle seiner Klasse übernehmen. Zu ihnen spricht Schörnig und versetzt den einen oder anderen in eine kurze Schockstarre, wenn er gezielte Fragen stellt oder sich von jedem Notizen in sein Buch macht. Diese Verdutztheit ist es, die das Publikum zum Schweigen bringt und so die Figur auf der Bühne zusammenbrechen lässt. Ein Symbol dafür, dass das Gewaltsystem Schule auch ohne Worte funktioniert. Lehrer Klamm scheint an diesem System zu scheitern, in dem Moral und Schulbildung keine Werte mehr zu besitzen scheinen.

Schörnig liefert eine exzellente Darbietung des Lehrers. Seine Präsenz auf der Bühne bringt den Zuschauer dazu, sowohl Mitleid mit der am Boden zerstörten Figur zu empfinden als auch Hass und Verständnislosigkeit gegenüber den Machtspielchen, mit denen Lehrer Klamm bewaffnet gegen seine Klasse in den Krieg zieht.

Darsteller Schörnig hat sich auf seine Rolle sogar einge-spielt. Kurz vor den Winterferien unterrichtete er testweise eine 12. Klasse am Guts Muths Gymnasium in Quedlinburg. Unter dem Vorwand, als Gastreferendar für eine Stunde über Kästners Gedichte diskutieren zu wollen, wollte er eigentlich herausfinden, wie es für einen Lehrer ist, vor einer Schulklasse zu stehen. Das Gefühl der Machtlosigkeit ereilte ihn schnell, denn die Schüler taten genau das, was ihm auf der Bühne vor Publikum als Lehrer Klamm auch passiert: sie schwiegen.

"Um sie ein wenig zu provozieren, habe ich mir dann einzelne Schüler herausgesucht und ihnen Fragen gestellt", erzählt Schörnig. So kam die Diskussion schließlich langsam ins Rollen und der Unterricht nahm eine interessante Wendung. Trotzdem ist sich Schörnig sicher, Lehrer möchte er in der heutigen Zeit lieber nicht sein. Auch wenn ihm der Gastauftritt am Gymnasium viel Spaß bereitet hat.

Provokation durch Kommunikation

Und genau das versucht er, in Hensels Stück umzusetzen. Er provoziert die Zuschauer, indem er sich direkt an sie wendet, mit ihnen kommuniziert. Er springt in die Menge, wirft mit Papier nach ihnen, schreit sie an, schimpft sie aus. Da bleibt einem nichts anderes übrig, als auf seinem Sitz zusammenzuzucken und zu hoffen, dass man den verzweifelten Mann durch geschocktes Schweigen schnell wieder in die Flucht schlagen kann.

Den wenigen Gastzuschauern hat die Aufführung jedenfalls gefallen. Seit Anfang der Woche laufen die Proben vor Testpublikum. Und das zeigte eine ganze Reihe unterschiedlichster Reaktionen während des Stückes, darunter Angst, Belustigung und Zorn.

Wer neugierig auf "Klamms Krieg" geworden ist, kann noch Karten für die Premiere morgen um 19.30 Uhr in der Kammerbühne bekommen.