Die Einwohner von Schwanebeck wollen im Jahr 2012 ihr 950-jähriges Ortsjubiläum feiern. Da kommt ein Buch von Sigrid Schmutzler gerade passend. Die 75-jährige Seniorin wurde in Schwanebeck geboren, hat viele Kindheitserinnerungen an die Stadt und recherchierte in den vergangenen Jahren weitere Einzelheiten zur Geschichte.

Schwanebeck/Nienhagen (dlo). Unter dem Titel "Wo kommst du denn her?" erzählt die Autorin selbst erlebte, gehörte und erzählte Geschichte(n) aus Schwanebeck. Bereits vor etwa zehn Jahren begann sie mit ihren Aufzeichnungen, musste später einige Jahre pausieren und schrieb seit 2008 zügig auf ihrem Computer ihre Erlebnisse nieder. Insgesamt kamen fast 250 Seiten zusammen, die mit zahlreichen Fotos von Familienangehörigen, Gebäuden sowie Ereignissen und Höhepunkten aus Schwanebeck ergänzt wurden.

Schwere Kindheitsjahre

Der Leipziger "Vokal Verlag" besorgte den Erstdruck, und kürzlich bot ein Familientreffen innerhalb der Verwandtschaft ihres Neffen Burkhard Schaller in Halberstadt den passenden Rahmen für eine erste Buchlesung.

Sigrid Schmutzler wurde 1935 geboren, erlebte in der Zeit des Zweiten Weltkrieges schwierige Kinderjahre und hatte 1946 eine erste Begegnung mit dem Halberstädter Salvator-Krankenhaus. "Das Klinikum warb damals für eine Ausbildung als Hilfsschwester", erzählt die Autorin. Sigrid Schmutzler bekam jedoch die Chance, nach einer gelungenen Prüfung eine Ausbildung zur examinierten Krankenschwester zu starten. Nach der Ausbildung in Ballenstedt und praktischen Einsätzen im Krankenhaus Gernrode kam sie anschließend nach Schkeuditz.

Später kehrte sie beruflich in ihre Heimatregion zurück, arbeitete als Hygieneinspektorin in Wernigerode, später in Magdeburg, bis sie wieder nach Leipzig zog. "Mein Neffe in Halberstadt war ein Verstärker in Sachen Buchschreiben", berichtet sie. Auch ihre inzwischen verstorbene Schwester Helga Schaller habe das Buchprojekt vorangebracht, denn sie hatte weiterhin enge Verbindungen nach Schwanebeck.

Inzwischen besitzt auch Schwanebecks Bürgermeisterin Christina Brehmer das neue Buch. Es dürfte beim Lesen sicherlich so manchen Schwanebecker anregen, nochmals in den eigenen Erinnerungen "zu kramen". Die Autorin wiederum hat sich bereits bereit erklärt, zur Festwoche im kommenden Jahr eine Lesung vor Ort durchzuführen. Das alle fünf Jahre stattfindende Schultreffen soll schließlich Anfang Juli 2012 stattfinden.

Bei der Aufarbeitung der Geschichte halfen unter anderem historische Unterlagen von Pastor Christian Dieckmann sowie von Herbert Kaiser und Werner Voigt.

Die Autorin geht in ihren Darstellungen zu ihren persönlichen Wurzeln zurück und beschreibt einfühlsam und eingebettet mit vielen familiären Begebenheiten sowie historischen Zusammenhängen ihren Lebensweg. Das Haus ihrer Kindheit befand sich in der Marktstraße 11 in Schwanebeck, wurde jedoch beim Abriss des Nachbarhauses im Jahr 1972 mit zerstört. Ausführlich wird das damalige Alltagsleben in und rund um Schwanebeck beschrieben. Breiten Raum nehmen im Buch aber auch Orte und Ereignisse in unmittelbarer Umgebung ein - beispielsweise Haus Nienburg oder die Huysburg, die damals oft das Ziel von Wanderungen und Ausflügen war.

Auf die Großeltern und weitere Verwandte und deren Lebensgeschichten wird im Buch ebenfalls zurückgegriffen. Bitter sind vor allem die Erlebnisse rund um den Zweiten Weltkrieg: 207 Soldaten aus Schwanebeck kehrten nicht zurück. Andere Menschen, darunter fünf Frauen aus Schwanebeck, kamen bei der Explosion in der Munitionsfabrik in Mönchhai am 21. September 1944 ums Leben. "Mich hat vor allem das Schicksal einer Mutter mit zehn Kindern berührt, die zu den Opfern gehörte", sagt Autorin Schmutzler.

Bewegende Schicksale

Sie erinnert zugleich an den langjährigen Schwanebecker Bürgermeister Max Borchert, der damals einem verunglückten US-Flieger half zu überleben. Aber auch der damalige NS-Ortsgruppenleiter und seine Haltung sowie Begebenheiten aus einer Familie, die vier Söhne bei der SS hatte, und einige Erlebnisse von Begegnungen mit Fremdarbeitern wurden sorgfältig notiert.

Berichtet wird auch vom Fliegerangriff auf Halberstadt, vom Einmarsch der Amerikaner und später der "Sowjets". Die Amerikaner holten sieben Personen aus Schwanebeck ab, die den Nazis nahe standen, die "Sowjets" verhafteten weitere 30 Bürger. Darauf folgten die Bodenreform, die Vergabe von Lebensmittelkarten, die Aktivitäten der neuen Parteien und Massenorganisationen sowie die ersten Ausstellungen des Kulturbundes.

Ihre schönsten Jahre

Als Krankenschwester erlebte Sigrid Schmutzler die Opfer des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 und später - im eigenen Freundeskreis - eine misslungene Grenzverletzung, bei der der Malerlehrling Lutz Peter schwer verletzt verhaftet wurde. Ihre glücklichste Zeit folgte später mit der Geburt ihrer Tochter Susanne. Dennoch, bilanziert die Buchautorin rückblickend, sei der Kampf zwischen Beruf und Familie nicht leicht gewesen.

Das Foto für den Umschlag ihres Buches hat die Autorin vor 15 Jahren selbst aufgenommen. Es zeigt die Gleise der Bahnstrecke, die zur ehemaligen Zementfabrik in Schwanebeck führen. "Wenn man genau hinsieht, erkennt man den Güterzug aus Richtung Nienhagen", erläuterte sie - und denkt dabei auch an das schreckliche Bahnunglück, das sich kürzlich nicht weit davon entfernt in Hordorf ereignet hat.

(Sigrid Schmutzler, Wo kommst du denn her?, Vokal-Verlag Leipzig 2011, Broschiert, 248 Seiten, 16,20 Euro, ISBN: 978-9813036-2-9)

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