Wehrstedt (geg). Mitglieder des Wehrstedter Schützenvereins von 1819 legten zur Ehrung aller Toten vom 22. Februar 1945 ein Gesteck auf dem Friedhof an der St. Laurentius-Kirche nieder. Sie gedachten damit der Frauen, Männer und Kinder, die wenige Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Dorf Wehrstedt, das damals noch ein selbständiger Ort mit Bürgermeister im Kreis Oschersleben war, den Tod fanden.

Nach mehreren kleineren Angriffen auf den Eisenbahnknoten Halberstadt ohne größere Auswirkungen, geriet der Hauptbahnhof im Zuge von Großangriffen auf 158 Eisenbahnziele in Deutschland am 22. Februar 1945 erneut ins Visier von Jagdbombern. Das Bombardement, das gegen 11.20 Uhr einsetzte, hinterließ aber nicht nur zerstörte Gebäude und ein schwer beschädigtes RAW, sondern auch Tote und Verwundete. Besonders tragisch war es, dass eine Bombe in die St. Laurentius-Kirche von Wehrstedt einschlug und dort 146 Schutzsuchende lebendig begrub. Tote gab es auch in zwei Erdbunkern. Zudem wurden sieben Häuser zerstört, drei schwer beschädigt.

"Ich kann mich noch genau an diesen Tag erinnern", berichtet Horst Römer, "vor allem an die Prügel, die ich bezog von meiner Mutter, weil ich nicht nach Hause gekommen war, sondern Unterschlupf bei einem Freund gesucht hatte. Sie wusste nicht, wo ich bin und hatte Schlimmes befürchtet."

Doch ein anderer Tag hat sich viel tiefer ins Gedächtnis des 2. Schützenvogts des Wehrstedter Vereins eingebrannt. Der 8. April 1945, ein Schicksalstag für Halberstadt, ein Schicksalstag aber auch für seine Familie. Diese war bei dem Fliegerangriff auf Halberstadt nämlich nicht wie sonst in die Feldflur geflüchtet, sondern hatte im eigenen Keller Schutz gesucht. Das Haus selbst wurde nicht getroffen, wohl aber der Seitenflügel. Der damals Achtjährige wurde durch die Druckwelle beim Einsturz der Decke über die in Stuhlreihen vor ihm Sitzenden geschleudert und landete an der Kellerwand. Dem am Kopf verletzten Jungen und zwei Männern gelang der Ausstieg aus dem Kellerfenster.

Auf die Straße geflüchtet, hat Horst Römer dann mit ansehen müssen, wie zwei Menschen unweit von ihm entfernt durch eine Bombe zerfetzt wurden. Doch damit nicht genug. "An diesem Tag verlor ich meine ganze Familie. In dem Keller starben durch die Druckwelle meine Mutter, meine beiden jüngeren Schwestern sowie Oma und Opa." Den Tod fanden außerdem vier von sechs schutzsuchenden Hausbewohnern. Später hat Horst Römer sie alle aufgebart im Klassenraum seiner Schule noch einmal gesehen. "Die Bilder dieser Tage werde ich mein Leben lang nicht vergessen", sagte er.