Das Team der KZ-Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge ist nicht nur bestrebt, den Opfern, die in der Nazizeit im eigentlichen Lager ihr Leben verloren haben, einen Namen und ein individuelles Gedenken zu geben, sondern will auch an den Todesmarsch erinnern. Jener Zwangsmarsch der Häftlinge gen Osten tangierte einst auch den Ballenstedter Ortsteil Badeborn. Unweit des Ortes erinnert heute eine kleine Grabstelle an die KZ-Häftlinge.

Halberstadt/Langenstein/Badeborn. Das Ziel ist klar: Die KZ-Opfer sollen einen Namen bekommen, das Gedenken an sie einen persönlichen Anstrich erhalten. Mit Blick auf diese auch von KZ-Überlebenenden und deren Angehörigen immer wieder gewünschte Gedenkkultur laufen gegenwärtig im Bereich des einstigen Zwangslagers Langenstein-Zwieberge umfangreiche Umgestaltungsarbeiten. Im Fokus steht dabei das Ansinnen, die teilweise unter der bislang betonierten Fläche befindlichen Massengräber von Häftlingen in ihren Dimensionen deutlich zu machen und den Besuchern der Gedenkstätte so das ganze Ausmaß des Massenmordes auch bildlich vor Augen zu führen. In diesem Zusammenhang ist langfristig auch geplant, mit persönlichen Namenstafeln den insgesamt 772 bekannten Opfern, die einst in den Massengräbern verscharrt wurden, zu gedenken.

Die Recherche und das Andenken vor Ort sind jedoch nur zwei Aspekte, mit denen sich das Team um Gedenkstättenleiterin Ellen Fauser beschäftigt. Auch die Spurensuche rund um den Todesmarsch, auf den rund 3 000 Häftlinge am 9. April 1945 - und damit zwei Tage vor der Befreiung des Lagers durch amerikanische Soldaten - getrieben wurden, nimmt breiten Raum ein. Um das Lager rechtzeitig vor den heranrückenden alliierten Truppen zu räumen, trieben die Nazis an jenem Apriltag insgesamt sechs Marschkolonnen mit jeweils 500 Häftlingen in Richtung Osten.

Mann gibt Hinweise zu Grab in Badeborn

Bei diesen Recherchen rund um den Todesmarsch wird das Team der Gedenkstätte seit gut zwei Jahren von Hans Richter aus Wernigerode unterstützt. "Wir wussten anhand von Schilderungen ehemaliger Häftlinge, dass die einzelnen Marschkolonnen von Langenstein aus zunächst in Richtung Westerhausen und von dort weiter nach Quedlinburg gezogen sind", beschreibt Ellen Fauser die bekannte Wegstrecke. Von dort aus seien die Trecks teilweise über die Feldflur marschiert oder entlang von Straßen und hätten Orte wie Badeborn, Hoym oder Ermsleben tangiert.

Mühsame Spurensuche vor Ort

Verdichtet worden seien die anfänglichen Informationen im vergangenen Sommer mit dem Besuch eines älteren Mannes in der Gedenkstätte, erinnert sich Ellen Fauser. Der 1940 geborene Mann habe von Schilderungen eines älteren Kollegen, der einst selbst im KZ Langenstein schuften musste, als Lehrling Kenntnis erhalten. "Er wusste nicht nur darüber zu berichten, dass offenbar mehrere Todesmarsch-Kolonnen Badeborn tangierten, sondern auch davon, dass es unweit der kleinen Gemeinde eine Grabstätte für KZ-Häftlinge gibt, um deren Pflege sich heute niemand mehr so richtig kümmert", erinnert sich die Gedenkstättenleiterin an diese Begegnung.

Informationen, die zunächst Hans Richter zur Spurensuche vor Ort veranlassten. In Badeborn suchte er nach noch lebenden Zeitzeugen, um die damaligen Geschehnisse möglichst genau zu rekonstruieren und für die Nachwelt festzuhalten. Dabei wurde der Wernigeröder vor Ort fündig. Beispielsweise kam es zum Kontakt mit einer heute 78 Jahre alten Badebornerin, die im April 1945, als die Todestrecks den kleinen Ort nördlich von Ballenstedt tangierten, gerade einmal 13 Jahre alt war.

Zeitzeugin erinnert sich an Apriltage 1945

"Ich habe die etwa 25 bis 30 Männer, die sich unweit der Rieder\'schen Scheune aufhielten, von unserem Fenster aus beobachtet. Sie saßen auf einem Ackerwagen und hatten Rüben bei sich", erinnerte sich die Seniorin, die namentlich ungenannt bleiben möchte, später im Gespräch mit Ellen Fauser und Hans Richter. Einer der Männer habe seinerzeit versucht, aus dem nahen Brunnen Wasser zu schöpfen. "Ich habe denen dann Wasser gegeben, und dann war nichts weiter", schilderte die Badebornerin ihre Erinnerungen an jene Apriltage des Jahres 1945, die noch voller Ungewissheit und flankiert mit vielen Berührungsängsten waren. Schließlich sei auch sie fast noch ein Kind gewesen und habe nicht gewusst, wer diese Männer überhaupt waren.

Offenbar KZ-Häftlinge, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit aus Langenstein-Zwieberge kamen, wie Ellen Fauser und Hans Richter vermuten. Gleichwohl ist die Spurensuche heute - gut 65 Jahre nach jenen schrecklichen April-Tagen - alles andere als einfach. Schließlich wird es von Jahr zu Jahr schwieriger, Zeitzeugen zu befragen.

Einer von ihnen ist der Badeborner Hartmut Rienäcker. Der heute 72-jährige frühere Vorsitzende der örtlichen Kirchengemeinde kann sich an eigene Beobachtungen aus den damaligen April-Tagen ebenso erinnern wie an Erzählungen älterer Badeborner. Demnach seien die Häftlingen damals in einer Scheune im Ort eingesperrt worden und hätten darin übernachten müssen.

Auf der Suche nach weiteren Informationen

Auch Rienäcker weiß von Opfern unter den Häftlingen zu berichten. Gerüchten und Erzählungen von älteren Badebornern zufolge sollen die ausgehungerten und völlig entkräfteten Häftlinge damals wohl versucht haben, im Ort Essbares zu besorgen. Offenbar wurden dabei zwei KZ-Häftlinge ertappt und anschließend erschossen.

Verbindlich und mit absoluter Gewissheit kann sich freilich auch Hartmut Rienäcker nicht mehr an die damaligen Begebenheiten erinnern. Fest stehe nur, dass binnen weniger Tage, nachdem die Häftlingstrecks Badeborn passiert hatten, unweit des Ortes jene Grabstätte entstanden war. Wer dort bestattet ist und wer die Grabstätte damals angelegt hat, weiß freilich auch Hartmut Rienäcker nicht. Die Inschrift auf dem Grabstein indes ist klar: "Hier ruhen die von den Faschisten in den Apriltagen 1945 ermordeten KZ-Häftlinge", ist dort zu lesen.

Der langjährige Kirchenratsvorsitzende Rienäcker war es dann auch, der später mit dafür sorgte, dass neben den zahlreichen Kriegsopfern und Toten aus der Besatzungszeit, derer heute auf einer Tafel in der Kirche von Badeborn gedacht wird, auch an diese beiden KZ-Häftlinge erinnert wird. Dort ist von zwei namenlosen Erschossenen, die im April 1945 starben, die Rede.

Für Ellen Fauser und Hans Richter zwei Schicksale von hunderten in den Tagen des Todesmarsches. Auch im benachbarten Hoym wurden laut dem heutigen Stand der Recherchen mindestens 18 Opfer gezählt, auch in Ermsleben (Stadt Falkenstein/Harz) hätten nach dem Passieren der Marschkolonne Tote auf der Straße gelegen, weiß Ellen Fauser nach ihren Gesprächen mit Zeitzeugen. Sie schätzt die Zahl der Todesmarsch-Opfer insgesamt auf bis zu 2500.

Weil noch immer viele Fragen offen sind und die Zeit drängt, wollen Fauser und Richter ihre Recherchen rund um den Todesmarsch, der wohl bis Genthin führte, fortsetzen. Gestern besuchten sie Senioren in Quenstedt bei Hettstedt, um weitere Details zu erfahren. Im Frühjahr sollen auch Jugendliche integriert werden und mit Zeitzeugen ins Gespräch kommen. Für Ellen Fauser ist klar: "Unsere Gedenkstätte und der Todesmarsch gehören zusammen und sollten fortan im Gedenken eine Einheit bilden."

 

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