Beim Schülertransport mit einem Bus der Halberstädter Bus Betrieb GmbH (HBB) hat es vor wenigen Tagen einen Zwischenfall gegeben: Ein Fahrer "parkte" das Fahrzeug längere Zeit zwischen Eilenstedt und Schlanstedt, weil er sich offenbar von Handymusik gestört fühlte. Schüler berichten davon, dass sie sich rund 45 Minuten wie eingesperrt gefühlt hätten. Zwar haben Schulleitung und HBB-Leitung den Zwischenfall mittlerweile ausgewertet - dennoch bleiben viele Fragen.

Schwanebeck/Eilenstedt/Schlanstedt. Es gibt Schultage, die bleiben etwas länger im Gedächtnis. Der Tag der Einschulung gehört sicher dazu, Tage mit wichtigen Prüfungen womöglich und gewiss die Zeugnistage. Einigen Schülern der Schwanebecker Petri-Sekundarschule dürfte auch der Mittwoch voriger Woche etwas länger im Gedächtnis bleiben. An jenem 2. März mündete die turnusmäßige Rückfahrt ins heimatliche Schlanstedt nach ihrem Acht-Stunden-Unterrichtstag in ein - salopp formuliert - unerwartetes Finale: Schüler berichten davon, dass der Fahrer auf der schnurgeraden Straße zwischen Eilenstedt und Schlanstedt den Bus plötzlich an den Fahrbahnrand manövrierte und dort stehenblieb.

"Ich weiß nicht so richtig, warum er das getan hat. Und ich weiß auch nicht genau, wie lange wir dort gestanden haben", erzählt ein Schüler der Klasse 8 b, der mit im Bus saß und der Volksstimme namentlich bekannt ist. Aus Angst vor möglichen Reaktionen möchte er, ebenso wie weitere Schüler und deren Eltern, ungenannt bleiben.

Andere Fahrgäste im Bus berichten indes konkret davon, dass das Gefährt kurz hinter der Ortslage Eilenstedt - etwa in Höhe des dortigen Sportplatzes - für geschätzte 40 bis 45 Minuten einen Zwischenstopp außer der Reihe einlegte. Auch der mögliche Grund, der den Fahrer zu diesem ungewöhnlichen Schritt veranlasste, wird zumindest ansatzweise vermutet: Der Fahrer habe sich - seinen eigenen Schilderungen zufolge - wohl von Musik gestört gefühlt, erinnert sich ein Schüler. "Ich habe aber ziemlich weit hinten gesessen im Bus und selbst keine Musik gehört."

Der Fahrer - nach Darstellung von Schülern als Chauffeur am Steuer nicht unbedingt das, was man spontan als Sympathieträger bezeichnen würde - habe jenen Musikfan im Bus aufgefordert, sich zu melden. Erst dann, so erinnern sich die Jugendlichen an dessen Worte, werde die Fahrt weitergehen. "Der Fahrer hat gedroht, dass er die Polizei rufen wird, wenn sich bis 17 Uhr niemand meldet", sagt ein Schüler.

"Der Busbetrieb ist ein Dienstleistungsunternehmen und kann Schüler nicht einfach festhalten."

Eine Forderung, die dem Vernehmen nach wohl ungehört verhallte. Jener Schüler, den der Fahrer so offenbar zur freiwilligen Meldung zwingen wollte, blieb unbekannt. Dennoch stand der Bus. Die Minuten rannen dahin, die Schüler - schätzungsweise 30 saßen noch im Fahrzeug - wussten nicht so recht, wie sie sich verhalten sollen. "Sie fühlten sich im Bus gefangen, weil der Fahrer niemanden rausgelassen hat und hatten sogar Angst, ihre Eltern oder Angehörigen per Mobiltelefon zu informieren", berichtet eine Mutter.

Mit den entsprechenden Folgen: Während der Bus im Normalfall kurz nach 15.30 Uhr in Schlanstedt ankommt und die Schüler wenig später zu Hause sind, ließen sie diesmal auf sich warten. "Die Oma eines Mitschülers hat mich gegen 16 Uhr angerufen und sich bei mir erkundigt, ob mein Sohn bereits daheim sei", erinnert sich die Schlanstedterin.

Eine Frage, die Befürchtungen habe aufkommen lassen: Ist es in der Schule zu Verzögerungen gekommen? Haben die Kinder vielleicht den Bus verpasst? Oder ist gar etwas bei der Fahrt passiert? Ein Vater aus Schlanstedt sei aufgrund des Ausbleibens der Kinder dem Bus wohl sogar mit dem Auto entgegengefahren.

Womöglich war das ja ein Grund, der den Busfahrer schließlich innehalten ließ und zur Kurskorrektur veranlasste. Zumindest machte der Fahrer seine ursprüngliche Drohung, bis 17 Uhr zu warten, nicht wahr und fuhr schließlich weiter. "Mein Sohn kam etwa gegen 16.20 Uhr zu Hause an", berichtet eine Mutter. Das sei gut und gern 40 Minuten nach der sonst üblichen Zeit gewesen.

"Ein absolutes Unding", empört sich die Schlanstedterin und macht ihrem Unmut Luft: Ein letztlich wildfremder Mann habe ihren Sohn, den keinerlei Schuld treffe, grundlos 45 Minuten lang festgehalten. "So geht das auf gar keinen Fall. Der Busbetrieb ist ein Dienstleistungsunternehmen und die Fahrer sind doch sicherlich entsprechend geschult. Auf jeden Fall können sie Schüler nicht einfach festsetzen."

Mittlerweile hat der Zwischenfall für einige Reaktionen gesorgt: Eltern beschwerten sich in der Petri-Sekundarschule in Schwanebeck, einige sollen sich wohl sogar nach Magdeburg, wo Kultusministerium und Teile des Landesverwaltungsamtes ansässig sind, gewandt haben.

Auch die Schwanebecker Schulleiterin Kerstin Buchtenkirch war nach Bekanntwerden der Odyssee empört: "Ich habe sofort beim Busbetrieb angerufen und bin mit der Reaktion der dortigen Verantwortlichen letztlich zufrieden", betont sie. Dort sei das Problem umgehend mit dem Fahrer ausgewertet und nichts beschwichtigt worden, erinnert sie sich an die Reaktionen seitens des HBB.

Zwar soll wohl in der Tat ein Schüler im Bus gegenüber dem Fahrer unangemessen und unkorrekt aufgetreten sein, hat die Pädagogin nach Gesprächen mit Schülern selbst in Erfahrung gebracht. "Das alles rechtfertigt aber keinesfalls eine solche Aktion", stellt Kerstin Buchtenkirch klar.

"Die Verantwortlichen des HBB haben sich bei mir mündlich entschuldigt."

Eine Einschätzung, die auch die Verantwortlichen des HBB ihr gegenüber geteilt hätten: "Sie sind davon ausgegangen, dass der Fahrer falsch gehandelt hat und haben sich mündlich dafür bei mir entschul- digt", berichtet die Schulleiterin. Mit dieser Reaktion der Chefs, die sie als korrekte Partner kenne, sei sie zufrieden, so Kerstin Buchtenkirch. "Damit ist das Thema für mich erledigt."

"Wir haben den Fall zum Anlass genommen, um den Fahrer mit allem Nachdruck zu belehren."

Wirklich? Der Halberstädter HBB-Betriebsleiter Steffen Bieder weist auf Volksstimme-Anfrage jedenfalls erst einmal Richtung Fahrgäste: "Der Schüler hat mit dem Handy Musik gehört. Das war zu laut und hat den Fahrer zum Halten veranlasst", sagt der HBB-Mitarbeiter und stellt die Verantwortlichkeiten klar: "Der Busfahrer hat auf den Verkehr zu achten. Kann er die Ordnung und Sicherheit nicht garantieren, hat er eigenverantwortlich zu entscheiden und notfalls anzuhalten." Was freilich eine Frage aufwirft: Kann mit einem Handy überhaupt so lautstark Musik wiedergegeben werden, dass damit ein Busfahrer gestört wird und sich derart abgelenkt fühlt?

"Der betreffende Schüler hat sich in unserer Einsatz- leitung gemeldet und entschuldigt."

Wie auch immer. Beim HBB sei das Verhalten des Fahrers nach der Kritik aus der Schule und den Anrufen zweier Eltern inzwischen ausgewertet worden, betont Steffen Bieder und lässt zumindest zwischen den Zeilen Kritik am Verhalten des Fahrers erkennen: "Wir haben den Fall zum Anlass genommen, um den Fahrer mit allem Nachdruck zu belehren."

Letztlich, so Bieder, sehe er jedoch keinen Anlass für weitere Schritte arbeitsrechtlicher Natur, denn: "Der Fahrer hat völlig ungeachtet des Zwischenfalls am 31. März ohnehin seinen letzten Arbeitstag und geht dann in Rente", kündigt Bieder an und blickt auch noch einmal in Richtung Fahrgast: "Der betreffende Schüler hat sich inzwischen telefonisch in unserer Einsatzleitung gemeldet und entschuldigt."

Ist damit alles geklärt? Für Steffen Bieder ist der Fall auch Anlass, um noch einmal an die Regeln rund um den Schulbustransport zu erinnern. Der faire und menschliche Umgang sei dabei entscheidend. "Ich komme auch gern in die Schulen, um darüber mit unseren jugendlichen Fahrgästen zu sprechen", bietet der HBB-Betriebsleiter, der "am liebsten in alle Schulen gehen würde", an.

Auch Kerstin Buchtenkirch will das Thema abhaken. Mit den HBB-Verantwortlichen sei alles geklärt und ihr zudem versichert worden, dass der betreffende Fahrer bis zu seinem Ausscheiden beim HBB nicht mehr auf dieser Linie fahre. Was Steffen Bieder so allerdings nicht bestätigt: Der Fahrer sei zwar erstmal von der Linie genommen worden, das gelte aber nur vorübergehend.

Gut möglich also, dass er nochmal an der Schwane- becker Petri-Schule vorfährt. Und dann will Kerstin Buchtenkirch höchstpersönlich das Gespräch mit ihm suchen, hat sie angekündigt. Und das wiederum könnte ein Tag werden, der dem Busfahrer nachhaltig in Erinnerung bleibt . . .