Das Martineum hatte anlässlich der bevorstehenden Landtagswahl die Direktkandidaten in die Aula eingeladen. Dort stellten sie sich den Fragen der jungen Erstwähler.

Halberstadt. Große Erwartungen hatten die Martineer am Donnerstagabend. Die Aula des Gymnasiums war bis auf den letzten Platz gefüllt. Schüler der Oberstufe sowie Lehrer und Politiker hatten sich versammelt, um mit den Direktkandidaten des Wahlkreises 14 zu diskutieren. Und wer glaubte, dass junge Menschen keinerlei Interesse an Politik hätten, der irrte gewaltig. Viele Fragen und Kommentare prasselten auf die Kandidaten hernieder und brachten so manchen von ihnen ins Straucheln. Die Schüler wollten genau wissen, wem sie warum ihre Stimme geben sollen.

Das Forum bildete im Zuge der Juniorwahl den krönenden Abschluss. Den ganzen Tag über konnten alle Schüler - ob wahlberechtigt oder nicht - im zum Wahllokal umfunktionierten Klassenzimmer einen Stimmzettel ausfüllen und in die Wahlurne werfen. So konnten sie schon einmal ein wenig Landtagswahlluft schnuppern. Die Ergebnisse werden nach der Landtagswahl ausgewertet, um zu sehen, welche Tendenz sich unter den Jugendlichen abzeichnet.

Schulleiter Dr. Harald Schiller eröffnete das Forum in der Aula und äußerte die Hoffnung, dass "die Wahlen solch einen Andrang erleben, wie wir es heute in unserem Wahllokal erleben durften."

Er übergab das Wort an die Direktkandidaten. Frauke Weiß (CDU), Detlef Ebert (FDP), Gerhard Miesterfeldt (SPD), Mathias Fangohr (Bündnis 90/die Grünen) und Edwina Koch-Kupfer (Die Linke) mussten sich unter strengen Regeln äußern. Sie hatten jeweils eine Minute Zeit, sich selbst vorzustellen und noch einmal drei Minuten, um die Zuhörer mit dem Wahlprogramm ihrer Partei vertraut zu machen. Im Anschluss konnten die Schüler ihre Fragen stellen, die sie sich im Vorfeld überlegt hatten. Recht verhalten kamen die ersten Meldungen aus dem Publikum und arteten gegen Ende in eine angeregte Diskussion und Fragenflut aus.

Schulsystem ändern?

Vor allem drehte sich der Abend um das Thema Bildung. Die Schüler wollten wissen, wie die Parteien die hohen Abbrecherquoten an Schulen bekämpfen wollen. Detlef Ebert und Frauke Weiß waren sich einig, das gegenwärtige Schulsystem beizubehalten und die Kinder in der 4. Klasse selbst entscheiden zu lassen, ob sie das Gymnasium besuchen wollen oder nicht. Diese Aussage wurde mit einem gemeinschaftlichen Raunen im Publikum kommentiert. Edwina Koch-Kupfer und Gerhard Miesterfeldt schlugen vor, ein längeres gemeinsames Lernen in Form von Gesamtschulen einzuführen. Dieses Modell würde in Niedersachsen auch gut funktionieren, begründete Koch-Kupfer, die aus Erfahrung als Lehrerin sprach.

Die Schüler waren nicht einverstanden mit dem Plan von CDU und FDP. Wenn doch die Abbrecherquote so hoch ist, warum wolle man weiter an dem alten System festhalten? Weiß und Ebert meinten, dass damit die Durchlässigkeit gegeben sei und man jederzeit von der Sekundarschule aufs Gymnasium wechseln kann und wieder zurück. Außerdem hätten die Schüler eine langsame Übergangsphase, wenn sie nach der 4. Klasse aufs Gymnasium gehen, um sich an die Lernbedingungen zu gewöhnen. Koch-Kupfer konterte, dass sich die Übergangsphase mit einem späteren Wechsel deutlich verkürzt. Diesen Druck gäbe es in einer Gesamtschule nicht und man könne trotzdem gute Abschlüsse erzielen. Miesterfeldt warf ein, dass sich so ein Modell in Skandinavien langfristig auch bewährt hätte.

Die Schüler hakten nach: Woher sollen die finanziellen Mittel für ein individuelles Förderprogramm an Gesamtschulen kommen? Vom Landeshaushalt, war Fangohr überzeugt. Man könne aber auch 100 Millionen Euro einsparen, indem man umweltschädigende Unternehmen nicht mehr subventioniert oder den Ausbau der Straßen einschränkt. Damit hatte wiederum Miesterfeldt Probleme, der meinte, dass Straßen unbedingt ausgebaut werden müssten, um die Mobilität der arbeitenden Bevölkerung zu gewährleisten.

Um den Abend zeitlich nicht in enorme Längen zu ziehen, wurde die Zeitvorgabe der Kandidaten-Antworten später auf zwei Minuten begrenzt, was die Sache zwar kompakter machte, aber nicht unbedingt informativer.

Was tun gegen Nazis?

Es folgten mehrere Fragen hintereinander. Immer mehr Schüler meldeten sich und so hatte schließlich jeder Politiker nur wenige Minuten Zeit, um sie alle nacheinander zu beantworten. Wie steht es um die innere Sicherheit? Was passiert mit den Studiengebühren? Warum gibt es keine einheitlichen Bildungssysteme in Deutschland? Welche Fachbereiche sind im Abitur am wichtigsten? Was wird man gegen den Rechtsradikalismus tun? Auch da herrschte größtenteils Einigkeit unter den Parteien. Sicherheit ist wichtig, man wolle junge Polizisten fördern. Studieren solle weiterhin kostenfrei bleiben. Nazis sind nach wie vor nicht erwünscht. SPD, Bündnisgrüne und Die Linke waren zudem der Meinung, dass man mehr Lehrer aus- und weiterbilden müsse.

Nach 90 Minuten neigte sich die Veranstaltung dem Ende zu. Jedem Kandidaten wurde noch ein einziger Satz zum Abschluss gewährt. Während sie den Schülern gute Abschlüsse wünschten und erfolgreiche Berufswege, machte Gerhard Miesterfeldt kurzen Prozess: "Bleiben Sie neugierig." Damit erntete er großen Applaus.

Dr. Detlef Eckert, Landtagsabgeordneter der Linken, saß auch im Publikum. "Ich bin stolz, am Martineum meinen Abschluss gemacht zu haben", sagte er strahlend, denn die große Neugier der Martineer hatte ihn sehr beeindruckt. Auch Mathias Fangohr von den Bündnisgrünen freute sich über das starke Interesse der Schüler an der Politik. Solch eine Resonanz wie im Martineum würde er sich auch für die Landtagswahl wünschen, meinte er.

Und trotzdem: In vielen Gesichtern zeichneten sich noch große Fragezeichen ab. Die meisten Schüler schienen immer noch unschlüssig zu sein, welche Partei sie denn nun am Sonntag, dem 20. März, wählen sollten.

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