Ein Jahr lang, ein Trauerjahr lang, wird es in der Halberstädter Liebfrauenkirche einen Ort des Gedenkens geben. Zehn Bilder von Karl Anton erinnern an die Opfer des Zugunglücks von Hordorf Ende Januar.

Halberstadt. Sie sind umgeben vom pulsierenden Leben, die durchscheinenden, geflügelten Wesen. Engel mag man denken, doch Karl Anton wählt lieber den Begriff der im alten ägyptischen Totenbuch erstmals so bezeichneten Seelenwesen - Engel sind ihm zu stark an Religion gebunden. Diese Wesen sind nicht greifbar, doch Anton findet eindringliche Bilder für diese abstrakten Wesen.

Die Bilder wecken Assoziationen an Glasfenster, an sakrale Kunst. Als er damals im Januar malend in seinem Leipziger Atelier stand, die Nachrichten vom Zugunglück in Hordorf hörte und dabei weiter malte, stellte er am Ende fest: Das Bild hat was Sakrales. Eine fast durchwachte Nacht später ist ihm klar: Hierzu muss ich weiterarbeiten. "Wir Künstler sind es gewohnt, dem inneren Auftrag zu folgen. Das Thema ließ mich nicht mehr los." Karl Anton sieht Kunst als Trainingseinheit für den Betrachter, sich wieder mehr auf seine Gefühle einzulassen. "Wir schieben unsere Gefühle oft beiseite und bedienen uns nur unseres Verstandes", sagt er. Seine Bilder sollen helfen, sich den eigenen Gefühlen zu stellen.

In diesem Fall sind es Gefühle der Trauer, der Ohnmacht, aber auch solcher, die liebevolle Erinnerungen begleiten. Die zehn runden Bilder wirken vor den weißen Wänden der fast leeren romanischen Liebfrauenkirche besonders stark. "Solange wir uns erinnern, sind die Toten unter uns", sagt der Wahl-Leipziger, der 15 Jahre in Halberstadt als Künstler und Gefängnisdirektor wirkte und der noch heute eine enge Bindung zu dieser Region hat.

"Einen Ort des Gedenkens, der Erinnerung und Besinnung zu schaffen, das ist unser Ansinnen und der Wunsch des Künstlers", ergänzt Pfarrer Friedrich Wegner. Die Liebfrauengemeinde hat die Frage Antons, ob die Bilder hier Platz finden können, sehr schnell bejaht. "Es ist keine Ausstellung, sondern für ein Jahr der Trauer, ein Ort der Erinnerung an das Unglück", betont Wegner. Der Alltag gehe sehr schnell über Unglücke und Katastrophen hinweg, es bleibe oft keine Zeit, um die Ereignisse "abklingen" zu lassen. Zu rasch überlagern andere Katastrophen die Erinnerung. Auch deshalb hat die Gemeinde eine schlichte Sandfläche in der Apsis angelegt, hier können Kerzen Platz finden. Die ersten stellten gestern die Besucher der Eröffnungs auf. Viele von ihnen waren berührt von der Kraft der Bilder, die helfen werden gegen das zu schnelle Vergessen und zugleich Hilfe sind in der Trauer.

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