Halberstadt. Kein Sitzplatz mehr frei, das war das Fazit zu Beginn der zweiten Abendveranstaltung des Jahres von Städtischem Museum und Geschichtsverein. Das Thema war für die Halberstädter hochinteressant, ging es doch um die Ausgrabungen von Juni bis August 2010 auf dem Abtshof.

Matthias Sopp, der leitende Archäologe, berichtete den vielen Zuhörern auf kurzweilige Weise von den Ergebnissen der Grabungskampagne. Auch die nicht in Halberstadt Geborenen konnten den Ausführungen folgen, da Sopp Bilder vor der Zerstörung der Unterstadt immer denen der Ausgrabungssituation gegenüberstellte. Anhand einer alten Karte von 1861, die den Straßenverlauf der Blumenstraße zeigte, machte er den Umfang des freizulegenden Areals deutlich. Ging es doch um die lange Häuserzeile von ehemals Hausnummer 1 bis 11. Auf dem untersuchten Gelände will ein Investor zwei Mehrfamilienhäuser errichten. Sein Interesse an den Untersuchungen der Fundamente und der Geschichte der Häuser war groß. So ließ er Sandsteine aus den Fundamenten sicher lagern, um sie an bestimmten Stellen des Neubaus zu vermauern. Es wird also eine sichtbare Klammer geben, die an die frühere Bebauung erinnert.

Sopp zeigte sich erstaunt über die Neugier der Zaungäste während der Arbeiten, aber auch über die Hilfsbereitschaft des Halberstädter Kollegen Frieder Kunkel und der Feuerwehr, die zweimal kam. Um die Grabung angemessen dokumentieren zu können, brauchte man eine Draufsicht. Die Leiter der Feuerwehr reichte bis in 31,5 Meter Höhe. Von dort oben gelangen eindrucksvolle Fotos.

Seit 1200 besiedelt

Im Stillen hofften alle Beteiligten, den Standort des alten Abtshofes zu finden, was nicht gelang. Sopp vertraut auf die fernere Zukunft, in der vielleicht weitere Ausgrabungen möglich werden.

Der Archäologe vermittelte den Zuhörern einen interessanten Rückblick auf die Bebauung des Geländes. In der Unterstadt sollen ursprünglich rund 29 Höfe gestanden haben. Es waren wohl Wohnsitze der Ministerialen des Bischofs. Allein 20 vermutet man auf dem Areal des Abtshofes. Obwohl die Holtemme ganz nah vorbeifließt, befinden sich die Bauten auf trockenem, etwas höher gelegenem Gebiet, das ab dem 13. Jahrhundert von der Stadtmauer umschlossen wurde. Die Besiedlung erfolgte etwa ab dem 13. Jahrhundert, bis ins 17. Jahrhundert kann man eine geschlossenere Bebauung der Unterstadt nachweisen. Im 19. Jahrhundert gab es weitere bauliche Veränderungen. Auffallend und sehr erstaunlich fand Sopp die großen Kellergewölbe in West-Ost-Ausrichtung, die sorgsam gemauert, von guter Qualität, in jedem Haus nachgewiesen wurden. Später wurden sie meist verfüllt.

Unter Ziegelpflasterungen entdeckten die Grabungsmitarbeiter eine größere Zahl von Brunnen, die man nach Anlage der städtischen Wasserleitungen nicht mehr benötigte. Ein Grabungsbefund deutet auf eine große Kellermikwe (jüdisches Ritualbad) hin, die auf die jüdische Besiedlung im 17. Jahrhundert zurückgeführt wird. In den vergangenen Jahrhunderten hat es immer wieder bauliche Veränderungen gegeben, betonte Sopp, nachweisbar auch an den fünf Lagen von Pflasterungen.