In der Reihe "Mein Lieblingsplatz" stellt die Volksstimme in loser Folge Stadtführer der Kreisstadt vor. Heute führt Helga Scholz die Leser durch die Spiegelsberge zum Jagdschlösschen.

Halberstadt. "Ich mache das schon so lange, ich weiß gar nicht, wann ich mit den Stadtführungen angefangen habe", erzählt Helga Scholz. Die gebürtige Potsdamerin ist in Halberstadt bekannt für ihre Führungen durch die jüdische Geschichte. Aber etwas reizt sie mindestens genauso: die Spiegelsberge mit dem Jagdschlösschen. Halberstadt hat diesen Schatz dem Namensgeber Ernst Ludwig Christoph von Spiegel zu verdanken. Der Domherr erwarb 1761 die kahle Hügelkette und gestaltete sie nach seinem Geschmack. Er ließ auf seine Kosten Bäume pflanzen.

Zehn Jahre später war der Park fertiggestellt und mit ihm einige Aussichtspunkte und Gebäude. "In Blankenburg wurde damals um den Park eine Mauer gezogen. Spiegel hat seinen Park für die Bevölkerung geöffnet", weiß Helga Scholz. Obwohl Spiegel ein Adliger war, pflegte er die Nähe zum normalen Volk. Helga Scholz kann sich vorstellen, dass das mit seiner Freundschaft zu Johann Wilhelm Ludwig Gleim zu tun hat, der bürgerlicher Herkunft war.

Domdechant Spiegel war nicht nur ein aufgeklärter, freisinniger Mann, er war auch ein angesehener Jäger in der Region. Er besaß mehrere Jagdhütten im Harz. 1782 ließ er das Jagdschlösschen erbauen, in dem er oft mit Freunden zusammensaß. Vor allem aber bewahrte er dort seine umfassenden Sammlungen auf. Darunter Geweihe, Bilder und Porzellan.

Helga Scholz beginnt ihre Führungen am alten Pächterhaus, wo früher an den Wochenenden das beliebte "Broyhahnbier" ausgeschenkt wurde. Auf dem Weg zum Schlösschen können die Gäste verschiedene Sichtachsen hinüber zur Stadt genießen.

"Spiegel wusste, was den Menschen guttut"

Den besten Ausblick hat man aber von der Terrasse unter dem Schlösschen. Von dort aus eröffnet sich dem Betrachter ein weiter Blick über die Stadt und auf den Huy, besonders seit die Bäume stärker ausgeästet wurden. "Hier ist es gerade zu Silvester schön", sagt die Stadtführerin aus Erfahrung. "Ich finde diese ganze Knallerei nicht so gut, aber von hier oben kann man alles in Ruhe beobachten und hat einen sicheren Abstand zum Feuerwerk." Helga Scholz hat schon einige private Feiern auf dem Schlösschen organisiert. "Die Gäste waren jedes Mal angetan von dem schönen Ausblick. Spiegel wusste damals schon, was den Menschen guttut."

Das Gelände beherbergt viele interessante Sehenswürdigkeiten. Links und rechts neben dem Schloss befinden sich zwei Grotten, die Spiegel für seine Freunde Freiherr Friedrich von Saldern und Friedrich Eberhard von Rochow erbauen ließ. Im Keller befindet sich das älteste Weinfass Deutschlands, das 144 000 Liter fasst. Es steht unterhalb des Portals aus dem ehemaligen Gröninger Schloss, dem Sommersitz der Halberstädter Bischöfe. Paare können sich standesamtlich davor trauen lassen.

Gegenüber des Schlosses schlängelt sich der Weg zum Belvedere, von wo aus man den Brocken erkennt. Unterhalb des Turmes sind Nischen aus Sandstein eingearbeitet, sogenannte Sonnenfänger. "Dort kann man sich hinsetzen und sich den Rücken wärmen lassen, weil von morgens bis abends die Sonne auf die Steine scheint", verrät Helga Scholz. Und noch ein Gebäude findet sich - versteckt weiter unten am Berg - zwischen den Bäumen: das Spiegel-Mausoleum. Der Naturliebhaber hatte vor seinem Tod den Wunsch geäußert, sich dort beisetzen zu lassen. "Für Kinder ist das sehr reizvoll, weil es so schaurig schön ist", berichtet die Stadtführerin. "Sie können sich nicht vorstellen, dass sich jemand einfach mitten in der Natur beerdigen lässt." Das Mausoleum ist aber leer. Spiegels Sohn ließ den Sarg 1811 in die Familiengruft nach Seggerde überführen.

Jenseits des Schlösschens erstreckt sich die Jahnwiese mit Blick auf die Thekenberge. "Hier bin ich oft mit meiner kleinen Enkelin auf dem Spielplatz", erzählt die 73-Jährige. Im Sommer ist dort immer Betrieb, weil die Wiese viele Freizeitmöglichkeiten eröffnet. Nebenan befindet sich der Tiergarten. "Die Gegend ist mir sehr vertraut, weil ich früher mit meinen Klassen an freien Tagen immer zum Spielen hier hochgegangen bin. Wir haben oft Verstecken und Räuber und Gendarm gespielt", erinnert sich die pensionierte Lehrerin. Man kann verstehen, warum sie so von den Spiegelsbergen schwärmt: "Die ganze Anlage ist über 160 Hektar groß. Hier ist immer etwas los." Und sie kennt versteckte Stellen im Park, wo man sogar wildwachsende Orchideen finden kann.

Der Rundgang endet vor der Denksäule, die Spiegels Vetter Ernst Georg errichten ließ. Ein Vers erinnert an die Verdienste des Domdechants und vor allem an die Kultivierung der kahlen Berge: "(...) Sag\' es der Nachwelt an, du Stein! Schallt es ins fernste Tal ihr Hügel! Die Wildnis bildete zum Hain, ein Menschenfreund - ein Spiegel!"