Von Thomas Junk

Halberstadt. Hans Wingerning ist Halberstädter, auch wenn er seit 66 Jahren in Salzgitter lebt. Als er seine Heimatstadt als kleiner Junge verließ, war sie ein Trümmerfeld. "Ich bin ein echter Halberstädter, mit Holtemme-Wasser in der Paulskirche getauft", betont er nicht ohne Stolz. 1937 in Wehrstedt geboren, lebte Wingerning mit seinen Eltern - sein Vater war Berufssoldat im Halberstädter Lazarett - und seinen Geschwistern im Lindenweg im Herzen der Stadt.

"Als am 8. April 1945 die Luftangriffe starteten, war das das erste Mal, dass wir in den Keller gegangen sind. Unser Haus erlitt vier Volltreffer und brannte langsam von oben herunter. Überall tropfte Phosphor von der Decke", erinnert er sich. Der Angriff habe gar nicht lange gedauert. "Wir sind dann durch den Keller des Nachbarhauses geflohen, meine Mutter konnte noch schnell einige Sachen aus der Wohnung holen."

Was Wingerning dann vor der Tür sah, war ein Anblick, der ihn bis heute nicht mehr loslässt. Überall zwischen den Trümmern und dem Feuer lagen verletzte und tote Menschen. "Das waren grauenhafte Bilder." Wingerning erinnert sich noch heute gut daran, wie er mit seiner Familie die erste Nacht nach dem Bombenangriff im Cecilienstift auf Stroh verbracht hat. "Ich habe nachts aus dem Fenster geguckt: Der ganze Himmel über der Stadt war rot."

Zu Fuß ging es am nächsten Tag weiter, über Klein Quenstedt nach Schwanebeck, wo die Familie Verwandschaft hatte. "Meine Mutter sagte: Wir gehen nach Schwanebeck, denn wenn Vater wiederkommt, sucht er uns dort." Nur kurze Zeit später kam es auch so, erzählt der 74-Jährige. "Meine Mutter hatte noch einen Kuchen gebacken, da stand mein Vater plötzlich vor der Tür." Aus Angst vor der russischen Besatzung - immerhin war sein Vater Soldat gewesen - habe man sich dann Richtung Westen aufgemacht.

"Plötzlich stand mein Vater vor der Tür"

In Salzgitter fand die Familie ein neues Zuhause. Wingerning lernte das Maurer-Handwerk und betrieb später lange Zeit eine Fahrschule. Nach Halberstadt kehrte er zu DDR-Zeiten im Rahmen des sogenannten "Kleinen Grenzverkehrs" regelmäßig zurück. Auch nach der Wende ließ ihn seine Heimatstadt nicht los. Hans Wingerning kommt jedes Jahr mehrfach nach Halberstadt. So hat er nicht nur den Guss der Domina, die Einweihung des neuen Rathauses und des Bahnhofes miterlebt. Ein Termin steht immer fest in seinem Kalender: der 8. April. Wenn an der Ruine der Franzosenkirche die Kränze niedergelegt werden, um an die Zerstörung Halberstadts zu erinnern, ist er stets dabei und erinnert sich an den Tag, an dem er mit sieben Jahren das volle Ausmaß des Krieges vor Augen geführt bekommen hat.