In der Moses-Mendelssohn-Akademie Halberstadt kann man immer wieder interessante Menschen treffen. Jüngst war Julia Hirsch hier zu Gast. Die New Yorkerin war gebeten worden, mit Schülern über den 11. September 2001 zu sprechen, als islamistische Terroristen die Türme des World Trade Centers und über 3000 Menschenleben zerstörten.

Halberstadt. Die Frühlingssonne wärmt schon. Julia Hirsch sitzt im Garten der Moses-Mendelssohn-Akademie und zeichnet. Zarte Tuschezeichnungen des Gartens. "Ach, ich lerne es gerade", wehrt sie das Kompliment für die ansprechenden Studien ab. Die zierliche Frau legt ihre Malutensilien zur Seite, wendet sich ganz ihrem Gegenüber zu. Sie muss ein bisschen darüber lachen, dass sie hier so eine "Berühmtheit" ist. "In New York kommt niemand von der Zeitung und will mit mir sprechen", sagt sie lachend. Man spürt, dass es ihr auch ein bisschen unangenehm ist, so im Mittelpunkt zu stehen.

Die Lehrerin für Englische und Amerikanische Literatur und Kulturgeschichte war in den Tagen vorher an drei Schulen im Harz zu Gast gewesen. Sie hatte am 11. September 2001 miterlebt, wie die Zwillingstürme des World Trade Centers zusammenbrachen und tausende Menschen mit in den Tod rissen. Ein traumatisches Erlebnis. Weit weg von Deutschland.

"Es könnte nicht besser sein"

Anlass für ihre Gesprächsrunden in Halberstadt, Wernigerode und Quedlinburg war das aktuell am Nordharzer Städtebundtheater laufende Stück "End Days". Verwundert musste Julia Hirsch bei ihren Diskussionsrunden mit Schülern feststellen, dass vor dem Gespräch nur die Quedlinburger Schüler das Stück gesehen hatten. "Ich weiß wenig über deutsche Pädagogik, aber es ist schwer über ein Stück zu sprechen, dass die Schüler zuvor weder gesehen, noch gelesen hatten." Also war es in zwei der drei Runden eher ein Erzählen über den Tag selbst und ihre Emotionen, als eine Diskussion über das spannende Stück. Was sie hörbar bedauert. Denn gerade die Schüler, die das Stück gesehen hatten, "haben gute, kluge Fragen gestellt", sagt sie.

Das Stück stellt eine jüdische Familie in den Mittelpunkt, die die Ereignisse des 9. Septembers auf sehr eigene Art und Weise fokussiert. "Die Geschichte ist sehr amerikanisch erzählt, mit unserer Art des Humors", sagt Julia Hirsch und verweist auf die Anspielung auf die erzkonservative Präsidentschaftskandidatin und wiedererweckte Christin Sarah Palin in der Figur der Mutter, oder auf das Gespräch zwischen Jesus und dem Physiker Stephen Hawking. "Hier wird sehr viel übers Lachen vermittelt", sagt Hirsch. Und lobt die Inszenierung und die Leistung der Schauspieler am Nordharzer Städtebundtheater ausdrücklich: "Es könnte nicht besser sein", so die New Yorkerin mit deutschen Wurzeln.

Ihr Vater stammte aus Halberstadt. Als die Mauer fiel, dachte sie, sie würde vielleicht einmal das Land und den Ort besuchen, wo ihr Vater Kindheit und Jugend verlebt hatte. "Aber es hat sehr lange gedauert, bis ich soweit war und offenen Herzens herkommen konnte", erinnert sie sich. Der erste Besuch in Deutschland führte sie nach Rostock und Greifswald, sie folgte einer Einladung des Leo Baeck Instituts. Und an einem Tag kam sie nach Halberstadt, Friedrich Lechner empfing sie, ermöglichte ihr den Besuch der Friedhöfe und des Hauses am Domplatz, in dem ihre Großmutter gelebt hatte. Julia Hirschs Familie war 1941 nach New York emigriert, später lebte sie in London.

"Ich will etwas hinterlassen"

Später kam sie zu einem Familientreffen, dass die Moses-Mendelssohn-Akademie organisiert hatte. So erfuhr Julia Hirsch, dass sie noch zwei entfernte Cousins hat, die in Israel leben. "Es war unglaublich. Ich wusste nicht, dass noch so viele Hirschs existieren." Viele Familienmitglieder starben in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Hirschs waren eine bedeutende jüdische Unternehmerfamilie, unter anderem besaßen sie die Kupferhütte in Ilsenburg.

Julia Hirsch berichtet vom "Enkel-Projekt" der Moses-Mendelssohn-Akademie, an dem auch die Familien ihrer Cousins beteiligt waren. Das ist es, was ihr soviel Freude bereitet, wenn sie nach Halberstadt kommt, die Gelegenheit, mit jungen Leuten zu sprechen, "etwas zu tun, mitzumachen, anstatt sich nur etwas anzugucken."

Inzwischen lernt sie bei der Herrnhuter Bruderschaft im US-Bundesstaat Pennsylvania die alte deutsche Schrift, sie will Briefe und Unterlagen ihres Vaters übertragen. Er starb, als sie noch sehr jung war. Nun will sie eintauchen in seine Welt.

Im Sommer 2010 war sie mit ihrer älteren Tochter und ihrem Enkelsohn hier, hat ihnen die Stadt gezeigt, die Friedhöfe. "Ich will etwas hinterlassen, wenn ich gehe. Es wird doch soviel vergessen heutzutage." Und dann erzählt sie, wie sehr es sie anrührt, wenn ihr in Halberstadt Menschen begegnen, die sagen: "Ach, Sie sind eine Hirsch?" Das zeige, dass es noch wichtig ist, Bedeutung hat. Deshalb war sie auch so glücklich, Peter Schulz kennenzulernen, den Ilsenburger, der zur Geschichte der Familie Hirsch forscht. "Er ist ein Nationalschatz sagt sie", und freut sich auf ein Wiedersehen.